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Eine entfernte Stimme ertönte im Kopfhörer. Sie klang ebenso freundlich wie kompetent. »Apollo-N, Apollo-N, Air Boss 1, das Radar hat euch fünfzig Kilometer südöstlich vom Bergungsschiff geortet. Willkommen zuhause, meine Herren; wir holen euch in null Komma nichts an Bord.«

Priest wollte antworten. Doch er war schon zu weit entfernt, zu tief in die Hülle seines Körpers eingesunken.

Auf den Bildschirm an der Stirnseite des MOCR wurde eine Aufnahme von Apollo-N eingeblendet. Alle Hauptfallschirme hatten sich geöffnet und wirkten wie drei große weißrote Kanzeln.

Der Jubel war so laut, daß Donnellys Kopfhörer übersteuerte, und er mußte um Ruhe bitten.

Funkverkehr drang aus dem Kopfhörer.

»Hier ist Recovery 2. Ich sehe die Schirme. Geht auf exakt zwölfhundert Meter runter.«

»Positiv, wir haben eine Kapsel in Sicht.«

Es gab eine Checkliste, welche die Besatzung nun abarbeiten mußte, wie Priest sich verschwommen erinnerte. Sie mußten zum Beispiel das Druckventil schließen, die Positionslampen einschalten und die Fallschirme kappen, damit die Kommandokapsel nicht von ihnen durchs Wasser geschleppt wurde.

Doch es gab niemanden, der das erledigte.

Priest versuchte, sich zu entspannen und den Schmerz zu unterdrücken.

Nun erfolgte ein heftiger Aufprall, und eine Woge qualvollen Schmerzes brandete durch den geschundenen Körper.

Wasser drang durch ein offenes Ventil über Priest ein und bespritzte ihn. Der Schwall war so stark, daß er schon glaubte, die Hülle der Kommandokapsel wäre aufgerissen.

Und nun kippte die Kommandokapsel. Er spürte das Rollen und sah, wie der Ozean sich vor dem Fenster drehte.

Als die Fenster untertauchten, wurde es dunkel in der Kabine. Priest hing in den Gurten, und das Inventar der Kabine ging in einem Regen um ihn herum nieder: Papiere, Urinbeutel, Waschlappen. Stabil 2, sagte er sich. Kopfüber. Chuck wird wütend sein. Wir haben ’s verbockt. Niemand hat die Fallschirme gekappt.

Er hing wie eine Fledermaus in der umgekippten Kabine. Die Dunkelheit wurde nur von der wie ein Weihnachtsbaum funkelnden Instrumentenkonsole durchbrochen. Gleich würden die Luftsäcke die Kommandokapsel wieder aufrichten und in die Position Stabil 1 bringen.

Er schloß die Augen.

Sonntag, 7. Dezember 1980 NASA-Hauptquartier, Washington

Das erste Bild zeigte die fünfköpfige Besatzung, wie sie um den kleinen Tisch in der Messe von Moonlab saß. Joe Muldoon befand sich im Mittelpunkt der Gruppe und hielt ein Blatt Büttenpapier in der Hand.

Hier ist die Besatzung von Moonlab, die live aus dem Mondorbit zu Ihnen spricht. Wir fünf - unsere Gäste Wladimir

Wiktorenko und Aleksandr Solozvjow sowie Phil Stone, Adam Bleeker und ich - haben den Tag verbracht, indem wir das Flugprogramm abgearbeitet, Aufnahmen gemacht und die Systeme des Raumschiffs gewartet haben...

Tim Josephson, der in seinem Washingtoner Büro am Schreibtisch saß und das Interview in einem tragbaren Fernsehgerät verfolgte, mußte sich förmlich zum Atmen zwingen. Mach kein großes Aufhebens darum. Laß es dabei bewenden, Muldoon.

Nun berichteten die fünf Astronauten von ihrer jeweiligen Arbeit - in der Teleskopkuppel, an den biomedizinischen Geräten, mit der problematischen Moonlab-Ausrüstung.

Das Interesse an den bisherigen Übertragungen dieser Mission - mit Ausnahme des ersten >Händeschüttelns< - war minimal gewesen. Keiner der größeren Sender hatte eine Direktübertragung gebracht, und die Angehörigen der Astronauten hatten ins JSC kommen müssen, um auf dem laufenden zu bleiben.

Doch das alles hatte sich nach der Explosion der NERVA geändert, und die Leute empfanden wieder eine morbide Faszination beim Anblick der Menschen, die im Weltraum ihr Leben riskierten. Das ist die höchste Einschaltquote seit Apollo 13, sagte Josephson sich. Mach jetzt bloß keinen Scheiß, Joe!

. Wir sind weit weg von zu Hause, und es ist schwer, diese Gewißheit zu verdrängen. Stellt man sich die Erde als Medizinball vor, dann wären die Skylabs kleine Modelle, die den Ball in einem Abstand von ein paar Zentimetern umkreisen. Der Mond indes hätte die Größe eines Fußballs und wäre sechs Meter entfernt. Und dort befinden wir uns nun.

Wir sind im Dienst der Wissenschaft hier. Wie Sie vielleicht wissen, befinden wir uns in einem geneigten Orbit und sehen deshalb viel mehr vom Mond, als es den Besatzungen der alten Apollos vergönnt war. Wir haben eine ganze Batterie von hochauflösenden und synoptischen Kameras an Bord sowie einen Laser-Höhenmesser und andere Sensoren, die es uns ermöglicht haben, die gesamte Mondoberfläche in unterschiedlichen Maßstäben zu kartieren.

Und wir haben ein paar interessante Entdeckungen gemacht. So haben wir zum Beispiel auf der Rückseite des Monds einen großen Einschlagkrater mit einem Durchmesser von ungefähr vierhundertfünfzig Kilometern entdeckt - das ist fast ein Viertel des Mondumfangs. Ich habe gehört, daß der Mond viel interessanter sei, als man zunächst angenommen hatte. Das gilt auch für Neil und mich, als wir unseren ersten MondSpaziergang machten.

In diesem Moment überfliegen wir das Meer der Stille<. Wenn man den Mond von der Erde aus betrachtet, ist das rechts von der Mitte. Also können Sie uns nun sehen. Und in unserem großen Teleskop erkenne ich manchmal das Funkeln der zurückgelassenen Landestufe.

Und nun hat die Besatzung von Moonlab eine Botschaft, die sie in diesen schwierigen Zeiten den Menschen auf der Erde übermitteln möchte.

Mein Gott, sagte Josephson sich. Das klingt gar nicht gut. Was nun?

Adam Bleeker driftete vom Sitz in Richtung Kamera. Er nahm die Kamera, wobei seine ausgestreckte Hand grotesk verzerrt wurde und richtete sie auf das Fenster der Messe. Das Bild stabilisierte sich; es hatte zwar eine niedrige Auflösung und war verschwommen, doch Josephson erkannte die blaue Sichel der Erde, die sich über die monochrome Öde des Monds erhob.

Nun ertönte die Stimme von Phil Stone:

Verlaß mich nicht; schnell kommt die Dämmerung; Dunkelheit umfängt mich; Herr, verlaß mich nicht. Wenn alle Hilfe versagt und es mir an Trost gebricht, Helfer der Hilflosen, o verlaß mich nicht.

Stones Stimme klang fest. Durch die Funkverbindung erhielt sie eine rauhe Klangfarbe. Dann ertönte die Stimme von Solowjow. Sie war stark akzentuiert und klang schrill und nervös.

Schnell ist ein Tag im Leben vergangen; Die Freuden der Erde verblassen, ihr Ruhm schwindet dahin; Veränderung und Verfall, wohin ich auch blicke; O Du, der sich niemals ändert, verlaß mich nicht.

Was, zum Teufel, tut Muldoon da? Nachdem die Astronauten von Apollo 8 eine Bibellesung im Mondorbit abgehalten hatten, war die NASA allen Ernstes von einem Atheisten verklagt worden, der die verfassungsmäßige Trennung von Staat und Religion verletzt sah. Und bei den Sowjets ist Religion überhaupt verpönt! Und nun trägt ein Kosmonaut in einer amerikanischen Raumstation einen Psalm vor. Mein Gott. Was für ein Schlamassel.

Und doch - und doch.

Adam Bleeker rezitierte frohgemut:

Ich brauche Deine Gegenwart in jeder Stunde; Was, wenn nicht Deine Gnade, vermag der Macht des Verführers zu widerstehen? Wer außer Dir könnte mir Führung und Halt geben? Durch Wolken und Sonnenschein, o verlaß mich nicht.

Und doch geschah hier etwas, das Josephson nicht ins Kalkül gezogen hatte. Die alten, schlichten Worte hatten eine schier elektrisierende Wirkung und erlangten ungeahnte Aktualität;

man würde nicht vergessen, wer diese Männer waren, was sie geleistet hatten, wo sie waren.