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Nun sprach Wladimir Wiktorenko in holprigem Englisch:

Mit Deinem Segen fürchte ich keinen Feind; Krankheit ficht mich nicht an, und Tränen sind ohne Bitterkeit. Wo ist der Stachel des Todes? Wo, Grab, dein Sieg? Ich werde immer triumphieren, solange du mich nicht verläßt.

Joe Muldoon rezitierte den letzten Vers.

Halt mir das Kreuz vor die brechenden Augen; Leuchte mir durch die Dämmerung und weise mir den Weg in den Himmel; Der himmlische Morgen bricht an, und die irdischen Schatten fliehen; im Leben und Tod bleib bei mir, o Herr.

Und die Besatzungen von Apollo und Sojus wünschen Ihnen eine gute Nacht und alles Gute. Möge Gott Sie segnen.

Das Bild der Erde verblaßte.

Tim Josephson standen Tränen in den Augen. Peinlich berührt beugte er sich über den Papierkram. Zum Glück war er allein.

Montag, 15. Dezember 1980 Cape Canaveral

Bert Seger schlug im Hangar >O< des Luftwaffenstützpunkts von Cape Canaveral sein Lager auf.

Die Luftwaffe hatte der NASA den Hangar überlassen, um nach der Bergung die Daten aus der Kommandokapsel der Apollo-N auszulesen.

Die Kommandokapsel war natürlich eher Opfer als Ursache der Havarie. Dennoch war die Kommandokapsel der einzige Überrest der Apollo-N-Stufe, der den Experten für eine Untersuchung zur Verfügung stand, und man erhoffte sich viele Hinweise auf die Ursache des Unfalls. Also würde man das Raumschiff in die Einzelteile zerlegen müssen.

Bei Segers erstem Besuch in Hangar >O< hatte sich noch kaum etwas getan. Niemand hatte in der Apollo-Kapsel etwas angefaßt - außer den Medizinern des Bergungsschiffs, die in Strahlenschutzanzüge gehüllt die verstrahlten Körper der Astronauten aus der Kapsel geborgen hatten -, und die Untersuchungsteams scheuten vor konkreten Maßnahmen zurück. Sie hatten Angst, diese unter den Augen der Öffentlichkeit ablaufende Operation zu verpfuschen.

Also führte Seger ein paar Telefonate, sichtete ein paar alte Unterlagen und übermittelte Muldoon per Funk ein paar Verfahrensratschläge. Muldoon, der sich noch auf dem Rückflug vom Mond befand, war damit einverstanden.

Der erste Schritt bestand nun darin, eine an einem schwenkbaren Ausleger befestigte Lucite-Plattform zu montieren, die durch die Luke der Kommandokapsel paßte und das Innere des Raumschiffs untersuchte. Auf diese Weise vermochten die durch die Strahlenschutzausrüstung behinderten Ermittler sich auf Händen und Knien im Innern der Kapsel zu bewegen. Sie waren in der Lage, die Kabine zu inspizieren, Aufnahmen zu machen und Teile zu demontieren und dabei unnötige Berührungen zu vermeiden.

Die folgenden Maßnahmen legte Seger dann selbst fest.

So war er zum Beispiel anwesend, als eine BesatzungsCheckliste - die vom Meerwasser durchtränkt und kaum noch zu entziffern war - aus dem Raumschiff geborgen wurde. Das Demontage-Team hatte hierfür und für alle anderen Aktionen ein TOTE10-Blatt erstellt. Bevor die Checkliste auch nur angerührt wurde, las der Leitende Ingenieur die jeweilige Instruktion vom TOTE-Blatt ab. Ein Qualitäts-Manager von Rockwell wurde hinzugezogen, und ein NASA-Inspektor fand sich ebenfalls ein. Ein Fotograf wurde bestellt. Ein Rockwell-Techniker stieg vorsichtig ins Raumschiff ein und löste unter Beachtung der spezifizierten Prozedur die Checkliste vom Klettverschluß. Der Techniker mußte die einzelnen Arbeitsschritte bei der Bergung der Checkliste sowie eventuelle Anomalien dokumentieren.

Dann übergab der Techniker die Checkliste dem Rockwell-Qualitätsmanager, der sich davon überzeugte, daß es sich auch um das richtige Teil und die richtige Teilenummer handelte. Anschließend trug er die Ergebnisse ins TOTE-Blatt ein. Nun übernahm der NASA-Inspektor die Liste und dokumentierte seine eigenen Beobachtungen. Der Fotograf machte eine Aufnahme von dem Teil. Der Ingenieur steckte die Liste in einen Plastikbeutel, versiegelte und beschriftete ihn und brachte ihn ins Depot.

Falls es dem Ingenieur aufgrund widriger Umstände nicht gelungen wäre, die Checkliste zu bergen, hätte man alle Bemühungen zunächst eingestellt und einem Prüfungsausschuß ein geändertes TOTE-Blatt zugeleitet, um die Modifikationen absegnen zu lassen.

. Und so weiter, und so fort.

Die Arbeiter in der radioaktiv verseuchten Kommandokapsel waren inzwischen mit Strahlenschutzanzügen ausgestattet worden. Sie mußten alle paar Stunden duschen und sich einer Strahlenmessung unterziehen.

Es war eine schwere und diffizile Arbeit, die dadurch kompliziert wurde, daß nur zwei, maximal drei Leute auf einmal in die Kommandokapsel paßten. Doch Seger bestand auf dieser Prozedur, und Muldoon unterstützte ihn. So hatten sie es nach dem Feuer mit Apollo 1 gemacht, und so würden sie es auch mit Apollo-N machen. Es war genau die Art von Arbeit, in die Seger sich gern verbiß.

Zuweilen dachte er an die Begleitumstände des Flugs zurück. Er erinnerte sich an die zornigen Gesichter der Demonstranten am Tag des Starts. Dieser Anblick verfolgte ihn noch immer. Und er erinnerte sich, wie die interne Kommunikation seiner Organisation, sogar innerhalb des Kontrollzentrums selbst, an jenem Tag versagt hatte. In seiner Eigenschaft als Leiter des Programm-Büros hatte Seger seinen Leuten schon seit Jahren einen engen Finanz- und Zeitrahmen gesteckt, und sie hatten die Aufgaben auch bewältigt. Doch nun fragte er sich, ob nicht gravierendere Probleme unter der Oberfläche geschwelt hatten, die er nur nicht gesehen hatte. Teufel, vielleicht hatte er sie auch nicht sehen wollen.

Nun, falls es solche Probleme gab, würde er sich darum kümmern. Man mußte rational handeln und Zweifel überwinden, wenn man vorankommen und etwas erreichen wollte. Die Besatzung war sich der Risiken bewußt gewesen, als sie das NERVA-Raumschiff bestiegen hatte. Sie hatte den höchsten Preis gezahlt. Und nun war Seger es ihnen schuldig, daß sie ihr Leben nicht umsonst geopfert hatten. Die NASA mußte daraus lernen und weitermachen.

Wenn er sich nicht gerade im Hangar aufhielt, verbrachte Seger viel Zeit mit Telefongesprächen, bei denen er mit Fred Michaels, Tim Josephson und anderen die Zukunft des Raumfahrtprogramms erörterte.

Es war unstrittig, daß der Zwischenfall das Programm zurückwarf. Doch Seger wollte das kompensieren, indem er die >Komplett-Test<-Methode anwandte. Beim nächsten Flug, so forderte Seger, solle wieder eine bemannte Saturn/NERVA starten. Vielleicht sollte man noch ehrgeiziger sein, eine S-NB aus dem Erdorbit holen und auf eine Mondumlaufbahn bringen.

Doch damit war Michaels nicht einverstanden. Michaels sagte, falls sie nicht gleich zu einer Einstellung des Nuklearprogramms gezwungen würden, sollten sie lieber noch ein paar unbemannte Tests durchführen und dann das ApolloN-Missionsprofil wiederholen. Wenn Apollo-N eine sinnvolle Mission gewesen war (und wenn nicht, wieso hatten sie dann drei Leute verloren?) schuldeten sie es dem Programm und dem Andenken an die Besatzung, die Mission durchzuführen.

Seger hielt das für ein rein emotionales Argument.

Sie kauten das stundenlang durch. Manchmal bedauerte Seger es, daß seine persönliche Meinung so stark von Michaels’ und Josephsons Standpunkt abwich. Er mußte sich vorsehen, daß er sich nicht selbst ins Abseits stellte. Wo der erste Schock der Havarie jedoch abgeklungen war, kehrte seine Zuversicht zurück. Er hatte die Sache im Griff. Der Unfall war eine abgeschlossene Sache und lag noch innerhalb der Bandbreite dessen, was menschliche Wesen zu verstehen und zu lösen imstande waren, und man durfte nicht zulassen, daß diese Tragödie die größeren Ambitionen beeinträchtigte.

Er versuchte, im Büro ein Nickerchen zu machen, doch er fand keinen Schlaf.

Spätestens um sieben Uhr morgens war er entweder in >O< oder telefonierte mit den Leuten in Cape Canaveral, Houston und Marshall, die sich rund um die Uhr mit den Facetten der Havarie beschäftigten.