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Das Gesicht dieser Angst war so echt wie eine Eisenplatte, die das Leben aus ihm herauspreßte. Manchmal fiel es ihm schwer zu atmen, als hätte er ein Stahlband um die Lungen, so daß diese sich nicht voll ausdehnen konnten.

Die Abmessungen des Streifenwagens schienen zu schrumpfen, bis er sich fast so eingeengt wie in einer Zwangsjacke fühlte. Das metronomhafte Pumpen der Scheibenwischer wurde lauter, jedenfalls kam es ihm so vor, bis es das Ausmaß von Kanonensalven angenommen hatte. Im Verlauf des Vormittags fuhr er wiederholt an den Straßenrand, riß die Tür auf, sprang in den Regen hinaus und atmete die kühle Luft in tiefen Zügen ein.

Doch im Laufe des Tages sih allmählich sogar die Welt außerhalb des Autos kleiner als früher aus. Er parkte in der Holliwell Road, eine halbe Meile westlich vom Hauptsitz von New Wave, und stieg aus dem Streifenwagen aus, aber es wurde nicht besser. Er konnte den grenzenlosen Himmel nicht hinter der tiefhängenden Wolkendecke erkennen. Regen und Nebel hingen gleich halbdurchlässigen Vorhängen aus Flitter oder dünnster Seide zwischen ihm und dem Rest der Welt. Die Feuchtigkeit war zäh und hinderlich. Regen überflutete die Rinnsteine, wirbelte als schlammige Strömungen durch Straßengräben, tropfte von jedem Zweig und jedem Blatt sämtlicher Bäume, prasselte auf den Asphalt, pochte hohl auf den Streifenwagen, zischte, gurgelte, kicherte, wehte ihm ins Gesicht und schlug mit solcher Wucht auf ihn ein, daß es schien, als würde er von Tausenden winziger Hämmer in die Knie gezwungen werden, die alle für sich allein zu winzig waren, deren Wirkung sich aber in ihrer Ge -samtheit addierte.

Neil stieg ebenso eifrig wieder in das Auto ein, wie er vorher herausgeklettert war.

Ihm war klar, daß er weder dem klaustrophobischen Inneren des Streifenwagens oder dem nervtötenden Prasseln des Regens so verzweifelt entkommen wollte. Was ihn tatsächlich bedrückte, war sein Leben als Neuer Mensch. Da er nur Angst empfinden konnte, war er in einem emotionalen Schrank mit so engen Abmessungen eingeschlossen, daß er sich praktisch überhaupt nicht bewegen konnte. Er erstickte nicht an äußerlichen Verstrickungen und Beklemmungen; er war vielmehr durch das, was Shaddack ihm angetan hatte, von innen gefesselt.

Was bedeutete, es gab kein Entkommen.

Es sei denn, möglicherweise durch Regression.

Neil konnte das Leben, wie er es jetzt leben mußte, nicht ertragen. Andererseits entsetzte ihn der Gedanke daran, in eine nicht menschliche Gestalt zu verfallen, und stieß ihn ab.

Sein Dilemma schien unlösbar zu sein.

Sein Unvermögen, nicht mehr an diese Zwickmühle zu denken, beunruhigte ihn fast ebensosehr wie die Zwickmühle selbst. Es ging ihm dauernd durch den Kopf. Er fand keine Ruhe.

Es gelang ihm nur dann einigermaßen, seine Sorgen - und einen Teil der Angst - aus seinem Denken zu verdrängen, wenn er mit dem mobilen VDT im Streifenwagen arbeitete. Wenn er die Anzeigentafel des Computers abrief, ob Nachrichten auf ihn warteten, wenn er sich im Moonhawk-Plan vergewisserte, wie die restlichen Verwandlungen verliefen, oder wenn er andere Aufgaben am Computer erfüllte, konzentrierte sich seine Aufmerksamkeit so sehr auf die Wechselwirkung mit der Maschine, daß er vorübergehend seine Angst vergaß und die beklemmende Klaustrophobie nachließ.

Neu hatte sich schon als Jugendlicher für Computer interessiert, aber er war nie ein Hacker geworden. So obsessiv war sein Interesse nicht. Er hatte natürlich mit Computerspielen angefangen, aber später einen billigen PC bekommen. Noch später hatte er sich mit dem Geld, das er mit einem Ferienjob verdient hatte, ein Modem gekauft. Er konnte sich nicht viele Ferngespräche leisten und verbrauchte seine Freizeit selten damit, aus dem Hinterland von Moonlight Cove in die faszinierenden Datennetze der Außenwelt einzusteigen, aber für ihn waren auch die Ausflüge ins One-li-ne-Datensystem faszinierend und amüsant.

Als er jetzt im geparkten Auto in der Holliwell Road saß und das VDT benützte, dachte er, daß die Innenwelt des Computers bewundernswert sauber und vergleichsweise einfach, vorhersehbar und normal war. So ganz anders als die menschliche Existenz - ob Neue oder Alte Menschen. Dort drinnen herrschten Logik und Vernunft. Ursache und Wirkung und Nebenwirkung wurden immer analysiert und vollkommen deutlich gemacht. Dort drinnen war alles schwarz und weiß - und falls es grau gab, war das Grau sorgfältig abgewogen, festgelegt und bestimmt. Mit kalten Fakten konnte man besser zurechtkommen als mit Gefühlen. Ein ausschließlich aus Daten geformtes Universum, von Materie und Ereignissen abstrahiert, schien ungleich erstrebenswerter als das wirkliche Universum von Kälte und Hitze, scharf und stumpf, glatt und rauh, Blut und Tod, Schmerz und Angst.

Neil rief ein Menü nach dem anderen ab und drang immer tiefer in die Datenspeicher von Moonhawk in Sonne vor. Er brauchte keine der Daten, die er abrief, aber die Aufgabe, sie zu erlangen, tröstete ihn.

Er fing an, den Bildschirm des Terminals nicht mehr nur als Kathodenröhre zu sehen, auf der Informationen abgebildet wurden, sondern als Fenster in eine andere Welt. Eine Welt der Fakten. Eine Welt, in der es keine beunruhigenden Widersprüche gab... und keine Verantwortung. Da dinnen konnte man nichts fühlen; es gab nur das Bekannte und das Unbekannte, entweder einen Überfluß an Fakten zu einem bestimmten Thema, oder ein völliges Fehlen davon, aber kein Fühlen; niemals fühlen; zu fühlen war der Fluch derer, deren Existenz von Heisch und Knochen abhing.

Ein Fenster in eine andere Welt.

Neil berührte den Bildschirm.

Er wünschte sich, er könnte das Fenster aufmachen und in jene Welt von Vernunft, Ordnung und Frieden hineinklettern.

Er strich mit den Fingerspitzen der rechten Hand unabläs -sig über den warmen Glasbildschirm.

Es war seltsam, aber er dachte an Dorothy, die mit ihrem Hund Toto von einem Tornado von den Feldern von Kansas emporgewirbelt und aus der grauen Zeit der Depression in eine ungleich faszinierendere Welt getragen worden war. Wenn nur ein elektronischer Tornado vom Bildschirm losbrechen und ihn in eine bessere Welt transportieren könnte...

Seine Finger drangen in den Bildschirm ein.

Er zog verblüfft die Hand zurück.

Das Glas hatte keinen Sprung. Worte und Zahlen glommen auf der Röhre wie vorher.

Zuerst versuchte er sich einzureden, daß er eine Halluzination gehabt hatte. Aber das glaubte er nicht.

Er spannte die Finger. Die schienen unverletzt zu sein.

Er sah hinaus in den sturmgepeitschten Tag. Die Scheibenwischer waren nicht eingeschaltet. Regen strömte an der Scheibe herunter und verzerrte die Welt dahinter; alles da draußen sah verdreht, mutiert, seltsam aus. In so einer Welt konnte es niemals Ordnung, Vernunft und Frieden geben.

Er berührte den Computerbildschirm zögernd noch einmal. Er fühlte sich fest an.

Er dachte wieder daran, wie wünschenswert die saubere, vorhersehbare Welt des Computers sein würde - und wieder glitt seine Hand durch das Glas, diesesmal bis zum Ge -lenk. Der Bildschirm hatte sich um ihn geöffnet und fest geschlossen, als wäre er eine organische Membran. Die Daten leuchteten weiter auf, die Worte und Zahlen bildeten Linien um seine eingedrungene Hand herum.

Sein Herz schlug schnell. Er hatte Angst und war gleichzeitig aufgeregt.

Er versuchte, die Finger in dieser geheimnisvollen inneren Wärme zu bewegen. Er konnte sie nicht spüren. Er dachte schon, sie hätten sich aufgelöst oder wären abgeschnitten worden, und wenn er die Hand aus der Maschine zöge, würde Blut aus dem Stumpf am Handgelenk spritzen.

Er zog sie trotzdem heraus.

Die Hand war unversehrt.

Aber es war keine Hand mehr. Die Haut der Oberseite schien von den Fingerspitzen bis zum Gelenk von Kupfer und Glasfasern durchzogen zu sein. In den Glasfasern pulsierte ein konstantes Leuchten.