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Mit einem Schrei, der halb Kreischen und halb Brüllen war, riß er das Messer aus seinem Arm und warf es beiseite. Er fegte mit einem einzigen Hieb seines bizarr mutierten Ar-mes, der jetzt zwanzig oder dreißig Zentimeter länger war als vorher, Schüsseln und Teller vom Tisch. Der Arm ragte als Ansammlung alptraumhafter Knoten und Flächen und Schuppen der dunklen, chitinartigen Substanz, die seine Haut ersetzt hatte, aus dem Hemdsärmel hervor.

Maria, Mutter Gottes, bete für mich; reinste Mutter, bete für mich; keuscheste Mutter, bete für mich. Bitte, dachte Chrissie.

Der Priester packte den Tisch und warf ihn ebenfalls beiseite, als würde er nur ein paar Gramm wiegen. Er krachte gegen den Kühlschrank.

Jetzt trennte sie nichts mehr von ihm.

Dem Ungeheuer.

Sie machte einen Ausfall in Richtung Küchentür, aber nur ein paar Schritte.

Der Priester - der gar kein Priester mehr war; ein Ding, das sich manchmal als Priester verkleidete - wandte sich nach rechts, um ihr den Weg abzuschneiden und sie zu packen.

Sie warf sich sofort herum, wie es immer ihre Absicht gewesen war, und lief in die entgegengesetzte Richtung, zu der Tür, die in den Flur führte; sie sprang über verstreuten Toast und Würstchenketten. Der Trick funktionierte. Ihre nassen Schuhe putschten und quietschten auf dem Linoleum, und sie war an ihm vorbei, bevor ihm klargeworden war, daß sie nach links wollte.

Sie vermutete, daß er nicht nur stark, sondern auch schnell sein würde. Zweifellos schneller als sie. Sie konnte hören, wie er ihr folgte.

Wenn es ihr nur gelänge, zur Eingangstür zu kommen, zur Veranda und hinaus in den Vorgarten, dann wäre sie wahrscheinlich in Sicherheit. Sie ging davon aus, daß er ihr nicht aus dem Haus und hinaus auf die Straße folgen würde, wo ihn andere sehen könnten. Es waren sicher noch nicht alle in Moonlight Cove von diesen Außerirdischen übernommen worden, und bevor nicht der letzte Mensch in der Stadt übernommen worden war, könnten sie nicht in ihrem verwandelten Stadium herumspazieren und auf ungebührliche Weise kleine Mädchen verspeisen.

Nicht weit. Nur zur Eingangstür und ein paar Stufen hinunter.

Sie hatte zwei Drittel der Entfernung zurückgelegt und rechnete jeden Augenblick damit, daß eine Kralle ihr Hemd hinten zerreißen würde, als vor ihr die Tür aufging. Der andere Priester, Pater O'Brien, trat ein und blinzelte überrascht.

Sie wußte sofort, daß sie ihm auch nicht trauen durfte. Er konnte nicht zusammen mit Pater Castelli im selben Haus gelebt haben, ohne daß der Same der Außerirdischen auch in ihn gelegt worden wäre, Samen, Sporen, schleimige Parasiten, Geister - womit die Übernahme auch immer bewerkstelligt wurde. Es war zweifellos auch in Pater O'Brien gerammt oder injiziert worden.

Da sie nicht vor und zurück und auch nicht durch die Tür rechts ins Wohnzimmer konnte, weil das eine Sackgasse war, packte sie den Treppenpfosten, an dem sie gerade vorbeikam, und schwang sich auf die Treppe. Sie hastete in den ersten Stock hinauf.

Unter ihr schlug die Eingangstür zu.

Als sie auf dem Absatz war und die zweite Treppe hinaufwollte, hörte sie, wie beide ihr folgten.

Der obere Flur war weiß verputzt und hatte einen dunklen Holzboden und eine Holzdecke. Auf beiden Seiten waren Zimmer.

Sie lief zum Ende des Flurs in ein Schlafzimmer, in dem nur eine schlichte Kommode, ein Nachttischchen, ein Doppelbett mit weißer Überwurfdecke, ein Bücherregal voller Taschenbücher und ein Kruzifix an der Wand waren. Sie warf die Tür hinter sich zu, machte sich aber nicht die Mühe, sie abzuschließen oder zu verriegeln. Dazu hatte sie keine Zeit. Sie würden sie ohnehin innerhalb von Sekunden zertrümmern. Sie wiederholte ständig »Mariamuttergottes, Mariamuttergottes«, ein atemloses und verzweifeltes Flüstern, und raste durch das Zimmer zum Fenster, das von smaragdgrünen Vorhängen eingerahmt wurde. Regen trommelte gegen das Glas.

Ihre Verfolger waren im oberen Flur. Ihre Schritte dröhnten durch das Haus.

Sie packte die Griffe am Rahmen und versuchte, das Fenster hochzuziehen. Es bewegte sich nicht. Sie griff nach dem Riegel, aber der war schon zurückgeschoben.

Sie rissen die Türen weiter hinten am Flur auf, direkt nach der Treppe, und suchten nach ihr.

Das Fenster war entweder von Farbe verklebt oder von Feuchtigkeit aufgequollen. Sie trat zurück.

Die Tür hinter ihr barst auf, und etwas fauchte.

Sie senkte ohne sich umzudrehen den Kopf, verschränkte die Arme vor dem Gesicht und warf sich durch das Fenster, wobei sie sich fragte, ob sie sich umbringen würde, indem sie aus dem ersten Stock sprang, dachte aber, daß es darauf ankam, wo sie landete. Gras wäre gut. Der Gehweg wäre schlecht. Die Spitzen des schmiedeeisernen Zauns wären ganz schlecht.

Das Geräusch berstenden Glases hallte noch in der Luft, als sie auf einem Verandavordach sechzig Zentimeter unter dem Fenster landete, was wirklich einem Wunder gleichkam

- sie war auch unverletzt -, daher sagte sie immer weiter Mariamuttergottes, während sie durch den prasselnden Regen zum Rand des Daches rollte. Als sie ihn erreichte, hielt sie sich dort einen Augenblick fest, die linke Seite auf dem Dach, die rechte wurde von der ächzenden und zunehmend kippenden Regenrinne gehalten, und sah zum Fenster zurück.

Etwas Wölfisches und Groteskes folgte ihr.

Sie ließ sich fallen. Sie landete auf der linken Seite auf dem Gehweg, stieß sich sämtliche Knochen, klappte die Zähne so heftig aufeinander, daß sie glaubte, sie würden einzeln ausfallen, und schürfte sich eine Hand böse am Beton auf.

Aber sie blieb nicht liegen und bedauerte sich selbst. Sie rappelte sich auf und wandte sich, vor Schmerzen gekrümmt, vom Haus ab und lief zur Straße.

Sie war unglücklicherweise nicht vor dem Pfarrhaus, sondern im Garten dahinter. Die Rückwand von Our Lady of Mercy begrenzte den Rasen rechts, eine zwei Meter hohe Backsteinmauer umgab den Rest des Grundstücks.

Wegen der Mauer und der Bäume auf beiden Seiten konn-te sie die angrenzenden Häuser im Süden und Westen auf der anderen Seite des Weges, der neben dem Grundstück verlief, nicht sehen. Und wenn sie die Nachbarn der Pfarrei nicht sehen konnte, konnten diese sie auch nicht sehen, selbst wenn sie zufällig aus dem Fenster geschaut hätten.

Diese Abgeschiedenheit erklärte, warum das Wolf-Ding es wagte, auf das Dach herauszukommen und sie im offenen -wenn auch grau und mißfälligen - Tageslicht zu verfolgen.

Sie überlegte kurz, ob sie ins Haus gehen sollte, durch die Küche, den Flur, zur Eingangstür hinaus und auf die Straße, denn damit würden sie als allerletztes rechnen. Aber dann dachte sie: Bist du verrückt?

Sie machte sich nicht die Mühe, um Hilfe zu rufen. Ihr klopfendes Herz schien so sehr angeschwollen zu sein, daß die Lungen keinen Platz zum Ausdehnen mehr hatten, und sie bekam kaum genügend Luft, um bei Bewußtsein, auf den Beinen und in Bewegung zu bleiben. Sie hatte keine Luft zum Schreien. Außerdem, selbst wenn jemand sie rufen hörte, würde er nicht unbedingt erkennen können, woher die Rufe kamen; bis man sie gefunden hätte, würde sie entweder in Stücke gerissen oder besessen sein, da das Rufen sie entscheidende Sekunden kosten würde.

Statt dessen eilte sie über den ausgedehnten Rasen und hinkte dabei ein wenig, um einen gedehnten Muskel zu entlasten, wurde aber nicht langsamer. Sie wußte, sie konnte die zwei Meter hohe Mauer nicht schnell genug überklettern, sich in Sicherheit bringen, schon gar nicht mit einer auf ge schürften Hand, daher betrachtete sie im Laufen die Bäume. Sie brauchte einen dicht bei der Mauer; vielleicht konnte sie dort hinaufklettern, an einem Ast entlangkriechen und auf den Weg oder in den Nachbargarten springen.

Sie hörte über das Plätschern und Gurgeln des Regens ein leises Knurren hinter sich und riskierte einen Blick über die Schulter. Das Pater O'Brien-Wolfding, das nur noch Fetzen eines Hemdes trug und Schuhe und Hosen ganz abgestreift hatte, sprang vom Verandadach, um sie zu verfolgen.