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Es überraschte ihn, wie ihm das alles über die Lippen kam, als wären die Schleusen seines Unterbewußtseins geöffnet worden, so daß sich der ganz Schlamm daraus ergoß, der sich in langen Jahren stoischer Selbstbeherrschung angesammelt hatte.

»Kaum hatte ich die High School abgeschlossen, zog ich aus und absolvierte das Junior College, hauste in billigen Bruchbuden, teilte das Bett jede Nacht mit Armeen von Küchenschaben, meldete mich sobald ich konnte beim Bureau, weil ich Gerechtigkeit in der Welt sehen wollte, weil ich daran mitarbeiten wollte, der Welt Gerechtigkeit zu bringen, weil es so wenig Gerechtigkeit und Fairness in meinem Leben gegeben hatte. Aber ich mußte erfahren, daß die Gerechtigkeit in mehr als der Hälfte aller Fälle nicht triumphiert. Die Bösen kommen davon, so sehr man sich auch anstrengt, sie zu Fall zu bringen, weil die Bösen ziemlich oft verdammt gerissen sind, und die Guten werden nie so böse, wie sie sein müßten, um ihre Arbeit richtig zu machen. Als Agent sieht man häufig die kranke Kehrseite der Gesellschaft, man hat es mit dem Abschaum zu tun, mit dem einen oder anderen Abschaum, und man wird mit jedem Tag zynischer, ekelt sich mehr vor den Menschen und hat sie satt.«

Er sprach so schnell, daß er fast atemlos war.

Sie hatte aufgehört zu singen.

Er fuhr mit einem außergewöhnlichen Mangel emotionaler Selbstbeherrschung fort und sprach so schnell, daß seine Worte manchmal zusammenhingen: »Und meine Frau ist gestorben, Karen, sie war wunderbar, Sie hätten sie gemocht, alle haben sie gemocht, aber sie bekam Krebs und starb, unter Schmerzen, schrecklich, nicht so leicht wie Ali McGraw im Film, nicht mit einem Seufzer und einem Lächeln und einem leisen Lebewohl, sondern unter Qualen. Und später habe ich auch meinen Sohn verloren. Oh, er lebt noch, sechzehn, er war neun, als seine Mutter starb, jetzt ist er sechzehn, er ist körperlich und geistig am Leben, aber emotional ist er tot, im Herzen ausgebrannt, kalt im Inneren, so verdammt kalt. Er mag Computer und Computerspiele und das Fernsehen, und er hört Black Heavy Metal. Wissen Sie, was Black Heavy Metal-Musik ist? Das ist Heavy Metal Rock mit einem Schuß Satanismus, das mag er, weil es ihm sagt, daß es keine moralischen Werte gibt, daß alles relativ ist, daß seine Entfremdung richtig ist, daß die Kälte in seinem Inneren richtig ist, es sagt ihm, daß alles gut ist, was gut scheint. Wissen Sie, was er einmal zu mir gesagt hat?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Er sagte zu mir: >Menschen sind nicht wichtig. Menschen zählen nicht. Nur Sachen sind wichtig. Geld ist wichtig, Alkohol ist wichtig, meine Stereoanlage ist wichtig, alles, was dafür sorgt, daß es mir gutgeht, aber ich bin nicht wichtig< Er sagt zu mir, daß Atombomben bedeutsam seien, weil sie eines Tages all die schönen Sachen in die Luft jagen würden, und nicht, weil sie die Menschen in die Luft jagten - schließlich seien die Menschen nichts, nur umweltverschmutzende Tiere, die die Welt verseuchen. Das sagte er. Er sagt mir, daß das seine Überzeugungen seien. Er sagt mir, er könne mir das alles beweisen. Er sagt, wenn ich das nächste Mal Leute um einen Porsche herumstehen sähe, die das Auto bewunderten, soll ich mir ihre Gesichter genau ansehen und würde feststellen, daß ihnen mehr an dem Auto als an sich selbst läge. Und sie bewunderten die Baukunst, nicht in dem Sinne, daß sie an die Menschen dächten, die das Auto gebaut hätten. Es sei, als wäre der Porsche organisch, als würde er wachsen oder sich irgendwie selbst schaffen. Sie bewunderten ihn um seiner selbst willen, und nicht die menschliche Erfindungsgabe und Kunstfertigkeit, die er repräsentiere. Das Auto lebe mehr als sie selbst. Sie zögen Energie aus dem Auto, aus den geschmeidigen Kurven, aus dem Kitzel, wenn sie sich seine Kraft in ihren Händen vorstellen, daher werde das Auto realer und viel wichtiger als die Menschen, die es bewundern.«

»Das ist dummes Zeug«, sagte Tessa überzeugt.

»Aber das sagte er mir, und ich weiß, daß es Mist ist, und ich versuche, vernünftig mit ihm zu reden, aber er weiß auf alles eine Antwort - denkt er jedenfalls. Und ich frage mich manchmal... wenn ich nicht selbst so verdrossen wäre, so lebensüberdrüssig, so angeekelt von den Menschen, könnte ich denn überzeugender argumentieren? Wenn ich nicht so wäre, wie ich bin, könnte ich meinen Sohn dann retten?«

Er verstummte.

Er bemerkte, daß er zitterte.

Sie schwiegen beide einen Augenblick.

Dann sagte er: »Darum sage ich, daß das Leben hart und bitter ist.«

»Tut mir leid, Sam.«

»Ist nicht Ihre Schuld.«

»Ihre auch nicht.«

Er verpackte den Cheddar in Zellophan und legte ihn wieder in den Kühlschrank, während sie sich wieder ihrem Pfannkuchenteig zuwandte.

»Aber Sie hatten Karen«, sagte sie. »Es gab Liebe und Schönheit in Ihrem Leben.«

»Gewiß.«

»Nun, dann...«

»Aber es war nicht von Dauer.«

»Nichts währt ewig.«

»Genau das meine ich«, sagte er.

»Aber das bedeutet nicht, daß wir das Schöne nicht genießen können, solange wir es haben. Wenn Sie immer in die Zukunft sehen und sich fragen, wann dieser Augenblick der Freude aufhören wird, dann werden Sie im Leben nie wahre Freude kennenlernen.«

»Genau das meine ich«, wiederholte er.

Sie ließ den Holzlöffel in der Edelstahlrührschüssel und drehte sich zu ihm um. »Aber das ist falsch. Ich meine, es gibt im Leben Augenblicke der Freude, des Staunens, der Lust... und wenn wir die Gelegenheit nicht beim Schöpf ergreifen, wenn wir Gedanken an die Zukunft nicht manchmal abstellen und den Augenblick genießen, dann haben wir keine Erinnerungen an Freude, die uns durch schlechte Zeiten bringen - und keine Hoffnung.«

Er sah sie an und bewunderte ihre Schönheit und Vitalität. Aber dann dachte er daran, wie sie altern würde, wie sie gebrechlich werden und sterben würde, wie alles sterben mußte, und er ertrug es nicht mehr, sie anzusehen. Er sah statt dessen zum regennassen Fenster über der Spüle hinaus. »Nun, es tut mir leid, wenn ich Ihnen die Stimmung verdorben habe, aber Sie müssen zugeben, daß Sie darum gebeten haben. Sie wollten unbedingt wissen, wie ich so ein Trübsalbläser sein kann.«

»Oh, Sie sind kein Trübsalbläser«, sagte sie. »Sie gehen weit darüber hinaus. Sie sind ein regelrechter Dr. Doom.«

Er zuckte die Achseln.

Sie wandten sich wieder ihrer Küchenarbeit zu.

11

Nachdem sie durch die Tür in der Mauer der Pfarrei geflohen war, blieb Chrissie länger als eine Stunde in Bewegung, während sie überlegte, was sie jetzt machen sollte. Sie hatte vorgehabt, in die Schule zu gehen und Mrs. Tokawa ihre Geschichte zu erzählen, wenn Pater Castelli ihr nicht helfen könnte. Aber jetzt war sie nicht mehr bereit, Mrs. Tokawa zu vertrauen. Nach ihrer Begegnung mit den Priestern war ihr klargeworden, daß die Außerirdischen wahrscheinlich sämtliche mächtigen Leute in Moonlight Cove als ersten Schritt ihrer Eroberung übernommen hatten. Sie wußte bereits, daß die Priester besessen waren. Sie war sicher, daß auch die Polizei übernommen worden war, daher mußte sie logischerweise annehmen, daß auch die Lehrer unter den ersten Opfern gewesen waren.

Während sie von Viertel zu Viertel schlich, verfluchte sie den Regen abwechselnd und war dankbar darum. Ihre Schuhe, die Jeans und das Flanellhemd waren wieder durchnäßt, und sie fror durch und durch. Aber das trübe, graue Licht und der Regen hielten die Leute in den Häusern und boten ihr wenigstens etwas Schutz. Zusätzlich wurde ein dünner kalter Nebel vom Meer hereingeweht, als der Wind etwas nachließ, der zwar nicht annähernd so dicht wie gestern nacht war, nur ein schwacher Dunst, der sich an die Bäume klammerte, aber ausreichend, einem kleinen Mädchen, das durch diese unfreundlichen Straßen schlich, etwas zusätzlichen Schutz zu bieten.