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Er trat ein und machte die Tür leise zu, achtete aber darauf, daß das Schloß nicht wieder einrastete. Wenn er schnell hinaus mußte, wollte er sich nicht erst mit Aufschließen aufhalten müssen.

Die Küche wurde nur vom trüben Licht des regnerischen Tages erhellt, das kaum durchs Fenster drang. Der Vinylboden, die Tapete und die Kacheln schienen die hellsten Farbtöne zu haben, denn im Halbdunkel sah alles mehr oder weniger grau aus.

Er blieb fast eine Minute lang stehen und lauschte angestrengt.

Die Küchenuhr tickte.

Regen trommelte auf das Balkondach.

Sein nasses Haar klebte ihm an der Stirn. Er strich es beiseite, aus den Augen.

Als er sich bewegte, quietschen seine nassen Schuhe.

Er ging direkt zum Telefon, das über einem Sekretär in der Ecke an der Wand befestigt war. Als er den Hörer abnahm, bekam er kein Freizeichen, aber die Leitung war auch nicht tot. Seltsame Laute ertönten: Klicken, leises Piepsen, schwache Oszillationen - alles verschmolz zu einer traurigen, fremdartigen Musik, einem elektronischen Klagelied.

Sanas Nacken wurde kalt.

Er legte den Hörer stumm und vorsichtig wieder auf die Gabel.

Er fragte sich, was für Geräusche man in einem Telefon hören konnte, das als Modem zwischen zwei Computern benützt wurde. Arbeitete einer der Coltranes anderswo im Haus und war per Heimcomputer mit New Wave verbunden?

Aber irgendwie spürte er, daß man das, was er im Telefon gehört hatte, nicht einfach damit erklären konnte. Es war verdammt unheimlich gewesen.

Das Eßzimmer grenzte an die Küche. Gazevorhänge hingen vor den beiden großen Fenstern, sie filterten das asche-farbene Tageslicht noch mehr. Eine Kiste, Büffet, Tisch und Stühle waren als schwarze Blocks und schieferfarbene Schatten zu erkennen.

Er blieb wieder stehen, um zu lauschen. Und hörte wieder nichts Ungewöhnliches.

Das Haus war im klassisch kalifornischen Design gehalten, ohne Erdgeschoßflur. Jedes Zimmer führte direkt ins nächste, eine offene, freizügige Architektur. Er betrat das große Wohnzimmer durch einen Bogen und war froh, daß das Haus mit Teppichboden ausgelegt war, auf dem man seine Schuhe nicht hören konnte.

Das Wohnzimmer war nicht so dunkel wie der Rest des Hauses, soweit er ihn bisher gesehen hatte, trotzdem war der hellste Farbton perlmuttgrau. Die westlichen Fenster wurden von der Vorderveranda überschattet, über die nördlichen strömte der Regen. Bleiernes Tageslicht, das durch die Scheiben drang, überzog den Raum mit einem Fleckenmuster grauer Schatten von Hunderten von Tropfen, die am Glas perlten, und Sam war so nervös, daß er beinahe spüren konnte, wie diese winzigen amöbenhaften Gespenster über ihn hinweg krochen.

Mit der Beleuchtung und seiner Stimmung kam er sich vor wie in einem alten Schwarzweißfilm. Einem der trostlosesten Beispiele des film noir.

Das Wohnzimmer war verlassen, aber dann ertönte unvermittelt ein Geräusch aus dem letzten Zimmer unten. Aus der südwestlichen Ecke. Hinter dem Foyer. Höchstwahrscheinlich das Aufenthaltszimmer. Ein gellendes Kreischen, bei dem er Zahnschmerzen bekam, gefolgt von einem hilflosen Schrei, der weder von einem Menschen noch von einer Maschine stammte, sondern irgendwo dazwischen lag, eine halbmetallische Stimme, die von Angst entstellt und von Verzweiflung verzerrt wurde. Dem folgte ein tiefes elektronisches Pulsieren, gleich einem lauten Herzschlag.

Dann Stille.

Er hatte den Revolver gezückt, hielt ihn starr vor sich und war bereit, auf alles zu schießen, was sich bewegte. Aber alles war still und ruhig.

Das Kreischen, der unheimliche Schrei und das tiefe Pulsieren konnten unmöglich etwas mit den Schreckgespenstern zu tun haben, die er gestern nacht vor Harrys Haus gesehen hatte, oder mit den anderen Gestaltveränderern, die Chrissie beschrieben hatte. Bisher hatte er sich am meisten vor einer direkten Konfrontation mit ihnen gefürchtet. Aber plötzlich war das unbekannte Ding im Nebenzimmer furchterregender.

Sam wartete.

Nichts mehr.

Er hatte das unheimliche Gbfühl, daß etwas so angestrengt nach Bewegungen von ihm lauschte wie er nach seinen.

Er überlegte, ob er zu Harry zurückkehren und sich eine andere Möglichkeit ausdenken sollte, eine Nachricht ans FBI zu schicken, denn mexikanisches Essen und Guinness Stout und Filme mit Goldie Hawn - sogar Swing Shift - schienen plötzlich unschätzbar wertvoll zu sein, keine erbarmenswerten Gründe weiterzuleben, sondern so erlesene Freuden, daß man sie mit Worten gar nicht hinreichend beschreiben konnte.

Nur Chrissie Fester verhinderte, daß er, so schnell er konnte, von hier verschwand. Die Erinnerung an ihre strahlenden Augen. Ihr unschuldiges Gesicht. Der Enthusiasmus und die Lebhaftigkeit, mit denen sie ihre Abenteuer geschildert hatte. Vielleicht hatte er bei Scott versagt, und vielleicht war es zu spät, den Jungen vom Abgrund zurückzuziehen. Aber Chrissie lebte noch in jedem vitalen Sinn des Wortes -körperlich, intellektuell, emotional -, und sie war auf ihn angewiesen. Niemand sonst konnte sie vor der Verwandlung retten.

Mitternacht war nur noch wenig mehr als zwölf Stunden entfernt.

Er schlich durch das Wohnzimmer zurück und durchquerte leise das Foyer. Er stand mit dem Rücken zur Wand neben der halb offenen Tür des Zimmers, aus dem die unheimlichen Laute gekommen waren.

Etwas klickte da drinnen. Er erstarrte.

Ein leises, sanftes Klicken. Nicht das Tick-tick-tick von Krallen wie die, die er gestern nacht ans Fenster klopfen gehört hatte. Mehr als wäre eine lange Reihe Relais eingerastet, als wären Dutzende Schalter umgelegt worden, als wären Dominos nacheinander umgefallen: Klick-klick-klick-klicker-klicker-klick-klick -klicker...

Wieder Stille.

Sam hielt den Revolver mit beiden Händen, trat vor die Tür und stieß sie mit einem Fuß auf. Er sprang über die Schwelle und ging unmittelbar hinter der Tür in Schußhaltung.

Die Fenster waren zugezogen, die einzige Lichtquelle bildeten zwei Computerbildschirme. Beide waren mit Filtern versehen, die für schwarzen Text auf bernsteinfarbenem Hintergrund sorgten. Alles in dem Zimmer, was nicht im Schatten lag, war von dieser goldenen Strahlung erleuchtet.

Zwei Menschen saßen vor den Terminals, einer an der rechten Zimmerwand, der andere an der linken, die Rücken zueinander gekehrt.

»Keine Bewegung«, sagte Sam schneidend.

Sie bewegten sich nicht und sagten nichts. Sie waren so still, daß er zuerst dachte, sie wären tot.

Das seltsame Licht war heller als das halb ausgebrannte Tageslicht, das die anderen Zimmer vage erhellt hatte, enthüllte aber dennoch seltsam wenig. Als sich seine Augen umgestellt hatten, konnte Sam sehen, daß die beiden Menschen an den Computern nicht nur unnatürlich still waren, sondern gar keine richtigen Menschen mehr waren. Er wurde vom eisigen Griff des Entsetzens nach vorne gezogen.

Ein nackter Mann, wahrscheinlich Harley Coltrane, saß, ohne von Sam Notiz zu nehmen, auf einem drehbaren Hok-ker rechts von der Tür, an der Westwand. Er war mit zwei dicken Kabeln, die mehr organisch als metallisch aussahen und im bernsteinfarbenen Leuchten naß glänzten, direkt mit dem VDT verbunden. Sie kamen aus dem Inneren des Datenspeichers heraus - dessen Deckplatte abgeschraubt worden war - und verliefen unterhalb der Rippen in den bloßen Oberkörper des Mannes, wo sie, ohne zu bluten, mit dem Fleisch verschmolzen. Sie pulsierten.