»Großer Gott«, flüsterte Sam.
Coltranes Unterarme waren völlig ohne Fleisch, nur goldene Knochen. Das Heisch der Oberarme endete glatt vier Zentimeter über den Ellbogen; aus diesen Stümpfen ragten die Knochen so sauber wie Roboterarme aus einem Metallgehäuse heraus. Die Skeletthände waren fest um die Kabel geklammert, als wären sie lediglich ein Paar Klammern.
Als Sam näher an Coltrane heranging und genauer hinsah, stellte er fest, daß die Knochen nicht so differenziert waren, wie sie sein sollten, sondern zusammengeschweißt waren. Darüber hinaus fanden sich Metallspuren darin. Während er hinsah, fingen die Kabel so heftig an zu pulsieren, daß sie re-gelrecht vibrierten. Hätten die Klammernhände sie nicht festgehalten, wären sie wahrscheinlich entweder von dem Mann oder der Maschine abgerissen.
Verschwinde.
Eine Stimme sprach in ihm und riet ihm zu fliehen, und es war seine eigene Stimme, wenn auch nicht die des erwachsenen Sam Booker. Es war die Stimme des Kindes, das er gewesen war, und in das seine Angst ihn wieder verwandelte. Extremes Entsetzen ist eine tausendmal wirksamere Zeitmaschine als Nostalgie, die uns über Jahre zurückwirft in diesen vergessenen und unerträglichen Zustand der Hilflosigkeit, in dem so ein großer Teil der Kindheit verbracht wird.
Verschwinde, lauf weg, lauf weg, verschwinde!
Sam trotzte dem Drang zu fliehen.
Er wollte verstehen. Was ging hier vor? Zu was waren diese Menschen geworden? Warum? Was hatte das mit den Schreckgespenstern zu tun, die durch die Nacht schlichen? Thomas Shaddack hatte offenbar durch Mikrotechnologie eine Methode gefunden, die menschliche Biologie radikal und für immer zu verändern. Soviel war Sam klar, aber nur das zu wissen und nichts anderes, war so, als würde er spüren, daß etwas im Meer lebte, ohne daß er jemals einen Fisch gesehen hätte. Noch soviel Geheimnisvolles lag unter der Oberfläche.
Verschwinde.
Weder der Mann vor ihm noch die Frau auf der anderen Seite des Zimmers schienen sich auch nur entfernt seiner Anwesenheit bewußt zu sein. Er war offenbar nicht in unmittelbarer Gefahr.
Lauf weg, sagte der ängstliche Junge in ihm.
Datenströme - Worte, Zahlen, Diagramme und Kurven in Myriaden Variationen - huschten wie wilde Sturzbäche über den bernsteinfarbenen Monitor, während Harley Coltrane den dunkel flackernden Bildschirm, ohne zu blinzeln, anstarrte. Er konnte ihn aber unmöglich so sehen, wie ihn ein gewöhnlicher Mensch sehen würde, denn er hatte keine Augen mehr. Sie waren aus den Höhlen gerissen und durch eine Gruppe anderer Sensoren ersetzt worden: winzige Perlen rubinroten Glases, kleine Drahtspulen, Chips mit gerillter Oberfläche aus einem keramikähnlichen Material, das alles funkelte leicht zurückversetzt in den tiefen schwarzen Löchern seines Schädels.
Sam hielt den Revolver jetzt nur noch mit einer Hand. Er hielt den Finger nicht mehr direkt auf dem Abzug, sondern auf der Abzugsschlinge, weil er so stark zitterte, daß er versehentlich einen Schuß abgeben könnte.
Die Brust der Menschmaschine hob und senkte sich. Der Mund stand offen; bitterer, übelriechender Atem kam in Wogen daraus hervor.
An den Schläfen und den widerlich aufgequollenen Arterien im Hals war ein schneller Puls zu erkennen. Aber auch dort, wo keiner sein sollte, war ein Puls schlag: in der Mitte der Stirn; an jedem Kiefer entlang; an vier Stellen von Brust und Bauch; in den Oberarmen, wo dunkle, seilförmige Blutgefäße unter subkutanem Fett angeschwollen waren und jetzt direkt unter der Haut lagen. Der Kreislauf schien neu gestaltet und eingerichtet worden zu sein, neuen Körperfunktionen zu dienen, die erforderlich geworden waren. Schlimmer noch, die Pulsfrequenzen stimmten nicht überall überein, als schlügen mindestens zwei Herzen in ihm.
Ein schriller Schrei drang aus dem klaffenden Mund des Dings, und Sam zuckte zusammen und schrie auch überrascht auf. Das kam den unirdischen Lauten, die er im Wohnzimmer gehört hatte und die ihn hierher gelockt hatten, ziemlich nahe, aber er hatte geglaubt, sie wären vom Computer ausgegangen.
Sam verzog das Gesicht, während das elektronische Heulen anschwoll und schmerzhaft schrill wurde, und sah vom offenen Mund der Menschmaschine zu ihren >Augen<. Die Sensoren glommen immer noch in den Höhlen. Ein inneres Licht schien in den rubinroten Perlen, und Sam fragte sich, ob sie ihn im Infrarotspektrum oder auf eine andere Weise wahrnahmen. Konnte Coltrane ihn überhaupt sehen? Vielleicht hatte die Menschmaschine die Menschenwelt zugunsten einer anderen Wirklichkeit aufgegeben, vielleicht war Sam eine Nebensächlichkeit für ihn, die gar nicht wahrgenommen wurde.
Das Kreischen wurde leiser und brach unvermittelt ab.
Ohne zu bemerken, was er tat, hatte Sam den Revolver gehoben und aus einer Entfernung von etwa vierzig Zentimetern auf Harley Coltranes Gesicht gerichtet. Er stellte zu seiner Verblüffung fest, daß er auch den Finger wieder um den Abzug gekrümmt hatte und vorhatte, dieses Ding zu vernichten.
Er zögerte. Immerhin war Coltrane noch ein Mensch - wenigstens bis zu einem gewissen Grad. Wer konnte sagen, ob er seinen momentanen Zustand nicht seinem Leben als gewöhnlicher Mensch vorzog? Wer konnte sagen, ob er so nicht glücklicher war? Sam fühlte sich nicht wohl in der Rolle des Richters, aber noch unwohler in der des Henkers. Als Mann, der das Leben als Hölle auf Erden betrachtete, mußte er die Möglichkeit bedenken, daß Coltranes Zustand eine Verbesserung war, ein Entkommen.
Die glänzenden, halborganischen Kabel zwischen Mensch und Computer summten. Sie klapperten gegen die Skeletthände, von denen sie festgeklammert wurden.
Coltranes Atem stank nach verwesendem Fleisch und überhitzten elektronischen Komponenten.
Sensoren leuchteten und bewegten sich in den lidlosen Augenhöhlen.
Coltranes Gesicht, das im Schein der Monitore golden wirkte, schien zu einem endlosen Schrei erstarrt zu sein. Die Adern, die an den Kiefern und Schläfen pulsierten, schienen nicht seinen Herzschlag wiederzugeben, sondern Parasiten zu sein, die sich unter der Haut wanden.
Sam betätigte den Abzug mit einem Erschauern des Abscheus. In dem engen Raum hallte der Schuß wie Donner.
Coltranes Kopf wurde von der Wucht des Schusses zurückgeschleudert, dann sackte er nach vorne und kam rauchend und blutend mit dem Kinn auf der Brust zu liegen.
Die ekelhaften Kabel schwollen an und schrumpften und schwollen wieder an, wie im Rhythmus innerer Flüssigkeiten.
Sam spürte, daß der Mann nicht völlig tot war. Er richtete den Revolver auf den Computerschirm.
Eine von Coltranes Skeletthänden ließ das Kabel los, das sie festgehalten hatte. Sie packte mit einem Klick-schnipp-schnapp blanker Knochen Sams Handgelenk.
Sam schrie auf.
Elektronische Klicks und Klacks und Piepser und Summ-töne dröhnten durch das Zimmer.
Die höllische Hand hielt ihn mit so unglaublicher Kraft fest, daß die Knochenfinger das Fleisch zusammendrückten und dann durch die Haut schnitten. Er spürte, wie unter dem Hemdsärmel warmes Blut am Arm hinabrann. Ihm wurde mit einem Anflug von Panik klar, daß die unmenschliche Kraft der Menschmaschine ausreichend war, ihm das Handgelenk zu brechen und ihn zu verkrüppeln. Im günstigsten Fall würde seine Hand mangels Blutzirkulation taub werden und der Revolver herunterfallen.
Coltrane bemühte sich, den halb zerschmetterten Kopf zu heben.
Sam dachte an seine Mutter im Autowrack, an das aufgerissene Gesicht, das ihn angrinste, grinste, stumm und reglos war, aber grinste...
Er kickte panisch gegen Coltranes Stuhl und hoffte, dieser würde wegrollen und davonwirbeln. Die Bremsen der Rollen waren festgezogen.
Die Knochenhand drückte fester, und Sam schrie. Sein Blick verschwamm.