Tatsächlich hatte es Nynaeve überrascht, diese Zelte außerhalb der Mauern der Schwarzen Burg zu finden und nicht dahinter. Man hatte diese Frauen losgeschickt, um mit Asha’man den Bund einzugehen, genau wie es Rand angeboten hatte. Aber den Wächtern zufolge hatte man Egwenes Gesandte warten lassen. Die Asha’man hatten behauptet, dass die »anderen die erste Wahl hätten«, was auch immer das zu bedeuten hatte. Vermutlich wusste Egwene mehr darüber; sie hatte den Frauen hier Boten geschickt, vor allem um sie vor den möglicherweise in ihrer Mitte befindlichen Schwarzen Schwestern zu warnen. Jene, die ihnen bekannt gewesen waren, waren vor dem Eintreffen des ersten Boten bereits verschwunden gewesen.
Nynaeve hatte keine Lust, sich nach den näheren Einzelheiten zu erkundigen. Sie hatte eine andere Aufgabe zu erledigen. Sie fand das gesuchte Zelt und verspürte dabei eine derartige Müdigkeit, dass sie das Gefühl hatte, jeden Augenblick umzukippen. In der Nähe streiften ein paar Behüter durch das Lager und musterten sie mit reglosen Mienen.
Das Zelt vor ihr war grau und schlicht. Schatten bewegten sich im gedämpften Lampenschein. »Myrelle«, sagte Nynaeve laut, »ich möchte mit Euch sprechen.« Es überraschte sie, wie stark ihre Stimme klang. Sie hatte nicht den Eindruck gehabt, noch immer über so viel Kraft zu verfügen.
Die Schatten verharrten, dann bewegten sie sich wieder. Der Zelteingang raschelte, ein verwirrtes Gesicht spähte hinaus. Myrelle trug ein beinahe durchsichtiges Nachthemd, und einer ihrer Behüter – ein Bär von einem Mann mit einem dichten schwarzen Bart nach illianischer Mode – saß ohne Hemd auf dem Boden.
»Kind?« Myrelle klang überrascht. »Was tut Ihr denn hier?« Sie war eine Schönheit mit olivfarbener Haut, langen schwarzen Haaren und üppigen Rundungen. Nynaeve musste sich zusammenreißen, nicht nach ihrem Zopf zu greifen. Er war jetzt zu kurz, um daran ziehen zu können. Sich daran zu gewöhnen würde auf jeden Fall schwierig werden.
»Ihr habt etwas, das mir gehört«, sagte Nynaeve.
»Hmmm… das kommt auf den Blickpunkt an, Kind.« Myrelle runzelte die Stirn.
»Man hat mich heute erhoben«, sagte Nynaeve. »Formell. Ich habe die Prüfung bestanden. Wir sind jetzt gleichgestellt, Myrelle.« Den zweiten Teil ließ sie unausgesprochen – dass Nynaeve die stärkere von ihnen beiden war. So gesehen waren sie doch nicht gleichgestellt.
»Kommt morgen wieder«, sagte Myrelle. »Ich bin beschäftigt.« Sie wollte zurück ins Zelt.
Nynaeve griff nach ihrem Arm. »Ich habe mich nie bei Euch bedankt«, sagte sie, auch wenn sie die Zähne zusammenbeißen musste, um die Worte auszusprechen. »Das tue ich hiermit. Er lebt nur wegen Euch. Das ist mir klar. Allerdings ist das nicht der Augenblick, um mich herumzuschubsen, Myrelle. Heute musste ich mit ansehen, wie geliebte Menschen abgeschlachtet wurden, ich war gezwungen, Kinder in einer lebenden Hölle zurückzulassen. Man hat mich verbrannt, gegeißelt und gequält.
Ich schwöre Euch, Frau, wenn Ihr Lans Behüterbund nicht in diesem Moment auf mich übertragt, komme ich in dieses Zelt und bringe Euch die Bedeutung des Wortes Gehorsam bei. Bedrängt mich nicht. Morgen früh lege ich die Drei Eide ab. In dieser Nacht bin ich noch frei von ihnen.«
Myrelle erstarrte. Dann seufzte sie und trat aus dem Zelteingang heraus. »Also gut.« Sie schloss die Augen, webte Geist und schickte die Gewebe in Nynaeve hinein.
Es fühlte sich an, als ramme man einen festen Gegenstand in ihren Verstand. Nynaeve keuchte auf, alles um sie herum drehte sich.
Myrelle wandte sich ab und schlüpfte zurück in ihr Zelt. Nynaeve rutschte an der Seite herunter, bis sie auf dem Boden saß. In ihrem Geist blühte etwas auf. Eine Wahrnehmung. Wunderschön, großartig.
Er war es. Und er lebte noch.
Gesegnetes Licht, dachte sie mit geschlossenen Augen. Danke.
21
Ein offenes Tor
Wir hielten es für das Beste«, sagte Seonid, »nur eine von uns Bericht erstatten zu lassen. Von den anderen habe ich die Informationen eingeholt.«
Perrin nickte abwesend. Er saß auf den Kissen im Empfangspavillon, Faile an seiner Seite. Der Pavillon war wieder voller Menschen.
»Natürlich ist Cairhien noch immer eine Katastrophe«, fing Seonid an. Die geschäftsmäßige Grüne war immer kurz angebunden. Nicht bösartig oder streitsüchtig, aber selbst ihr Umgang mit ihren Behütern erschien immer wie der eines Großbauern mit seinen Knechten. »Der Sonnenthron ist zu lange verwaist. Alle wissen, dass der Lord Drache den Thron Elayne Trakand versprach, aber sie musste ihren eigenen Thron sichern. Berichten nach zu urteilen, ist ihr das endlich gelungen.«
Sie schaute Perrin fragend an und roch zufrieden. Er kratzte sich am Bart. Das hier war wichtig, und er musste aufmerksam sein. Aber ständig schweiften seine Gedanken zu der Ausbildung im Wolfstraum ab. »Also ist Elayne nun Königin. Das muss Rand sehr glücklich machen.«
»Die Reaktion des Wiedergeborenen Drachen ist nicht bekannt«, fuhr Seonid fort, als würde sie einen weiteren Eintrag auf einer Liste abhaken. Die Weisen Frauen enthielten sich jeder Bemerkung und stellten auch keine Fragen; sie saßen in einer kleinen, dicht gedrängten Gruppe auf ihren Kissen wie Nieten an einer Türangel. Vermutlich hatten ihr die Töchter bereits alles erzählt.
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Lord Drache in Arad Doman ist«, sagte Seonid. »Davon künden mehrere Gerüchte – obwohl ihn die Gerüchte natürlich vielen Orten zurechnen. Aber Arad Doman macht Sinn als taktische Eroberung, und die dortigen Unruhen drohen die Grenzlande zu destabilisieren. Ich bin mir nicht sicher, ob es stimmt, dass er Aiel dort hinschickte oder nicht.«
»Das tat er«, sagte Edarra schlicht. Sie enthielt sich jeder weiteren Erklärung.
»Ja«, sagte Seonid. »Nun, viele dieser Gerüchte besagen, dass er sich in Arad Doman mit den Seanchanern treffen will. Vermutlich würde er die Clans dort als Unterstützung brauchen.«
Das brachte die Erinnerung an Maiden zurück. Perrin stellte sich Damane und Weise Frauen im Krieg vor, wie die Eine Macht durch die Ränge der Soldaten fuhr, wie Blut, Erde und Feuer durch die Luft wirbelten. Es würde wie bei Dumai sein, nur noch schlimmer. Er fröstelte. Aber wie dem auch sei, seine Visionen – sie erschienen, als Seonid davon sprach – verrieten ihm, dass Rand genau da war, wo sie behauptete.
Seonid fuhr fort, sprach vom Handel und den Lebensmittelreserven in Cairhien. Perrin dachte an die seltsame violette Mauer, die er im Wolfstraum gesehen hatte. Idiot, wies er sich selbst streng zurecht. Hör gefälligst zu! Beim Licht! Er war wirklich ein schlechter Herrscher. Er hatte keinerlei Probleme damit, sich an die Spitze des Wolfsrudels zu setzen, wenn sie ihn jagen ließen. Warum konnte er nicht das Gleiche bei seinen Leuten tun?
»Tear zieht Truppen zusammen«, berichtete Seonid. »Die Gerüchte besagen, dass der Lord Drache König Darlin befohlen hat, Männer für den Krieg zu rekrutieren. Übrigens hat Tear jetzt anscheinend einen König. Eine seltsame Sache. Manche sagen, dass Darlin in Arad Doman einmarschieren soll, aber andere wiederum sind der Ansicht, dass es für die Letzte Schlacht sein muss. Wiederum andere beharren darauf, dass al’Thor zuerst die Seanchaner besiegen will. Alle drei Möglichkeiten erscheinen plausibel, und ohne Ausflug nach Tear kann ich nichts mehr dazu sagen.« Sie musterte Perrin mit einem hoffnungsvollen Geruch.
»Nein«, erwiderte Perrin. »Noch nicht. Rand ist nicht in Cairhien, aber Andor erscheint stabil. Es ist vernünftiger, wenn ich mich dorthin begebe und mit Elayne spreche. Sie wird Information für uns haben.«
Faile roch besorgt.
»Lord Aybara«, sagte Seonid, »glaubt Ihr, die Königin wird Euch willkommen heißen? Mit der Flagge von Manetheren und Eurem selbstverliehenen Titel Lord …«
Perrin runzelte die Stirn. »Diese albernen Flaggen sind beide eingeholt worden, und Elayne wird alles richtig verstehen, sobald ich es ihr erklärt habe.«