Bitte, mein Lord, lasst mich ein einfacher Sekretär bleiben. Wisst Ihr, eine der leichtesten Methoden, um herauszufinden, ob jemand nicht das ist, was er zu sein scheint, besteht darin, seinen Lohn zu überprüfen.« Er kicherte. »Ich habe auf diese Weise mehr als nur einen Attentäter oder Spion entlarvt, ja, das habe ich. Eine Bezahlung ist nicht nötig. Die Gelegenheit mit Euch zu arbeiten ist Bezahlung genug.«
Perrin zuckte mit den Schultern, nickte aber, und Balwer zog sich zurück. Perrin verließ den Pavillon und schob die Bilder in die Tasche. Sie beunruhigten ihn. Er ging jede Wette ein, dass es sie auch in Andor gab, verteilt von den Verlorenen.
Und zum ersten Mal stellte er sich die Frage, ob er nicht ein Heer brauchte, um für seine Sicherheit zu sorgen. Es war ein erschreckender Gedanke.
Die Welle der tierähnlichen Trollocs wogte über den Hügel und überrannte die letzten Befestigungen. Sie grunzten und heulten, Hände mit dicken Fingern rissen den dunklen saldaeanischen Boden auf und hielten Schwerter, Speere, Hammer, Keulen und andere scheußliche Waffen. Einigen tropfte Sabber von Lefzen, aus denen Stoßzähne ragten, während bei anderen große, viel zu menschliche Augen hinter gekrümmten Schnäbeln starrten. Ihre schwarze Rüstung war mit Stacheln verziert.
Ituraldes Männer standen gemeinsam mit ihm unten am Fuß des Hügels. Er hatte den Befehl gegeben, das Unterlager aufzulösen und sich so weit wie möglich entlang des Flusses nach Süden zurückzuziehen. In der Zwischenzeit war das Heer aus den Schanzen abgezogen. Er hasste es, das höhere Gelände aufzugeben, aber während eines Angriffs diesen steilen Hügel hinuntergetrieben zu werden, hätte ihren Tod bedeutet. Er hatte den nötigen Platz, um zurückzufallen, also hatte er ihn auch genutzt, jetzt, wo die Befestigungen verloren waren.
Er stellte seine Streitkräfte direkt am Fuß des Hügels auf, ganz in der Nähe, wo sich zuvor das Unterlager befunden hatte.
Die Domani trugen Stahlkappen an den Stiefeln und hatten ihre vierzehn Fuß langen Piken mit dem Schaft in den Boden gerammt; sie hielten sie fest, um für mehr Stabilität zu sorgen, und die Stahlspitzen wiesen auf die angreifenden Trollocs. Eine klassische Verteidigungsposition: drei Reihen aus Pikenmännern und Schildmännern, die Piken schräg dem Hang entgegengehalten. Wenn die erste Pikenreihe einen Trolloc tötete, würden die Männer zurückweichen und ihre Waffen herausziehen, während die zweite Reihe vortrat, um zu töten. Ein langsamer, bedächtiger Rückzug, Reihe um Reihe.
Hinter ihnen begann eine doppelte Reihe Bogenschützen mit ihrem Beschuss und schossen eine Salve nach der anderen auf das Schattengezücht, brachten Leiber auf dem Hang zu Fall. Noch immer brüllend, wälzten sie sich herum und verspritzten schwarzes Blut. Eine größere Anzahl setzte über ihre Brüder hinweg und versuchte die Pikenmänner zu erreichen.
Vor Ituralde starb ein adlerköpfiger Trolloc auf einer Pike. Der Schnabelrand wies Einkerbungen auf, und der Kopf mit den Raubtieraugen saß auf einem Stiernacken; der Federrand war mit irgendeiner dunklen, öligen Substanz verklebt. Das Ungeheuer krächzte, als es starb. Seine Stimme war leise und nicht besonders vogelhaft, bildete irgendwie gutturale Laute in der Trollocsprache.
»Halten!«, rief Ituralde, drehte sein Pferd und trabte hinter der Reihe der Pikenmänner entlang. »Die Formation halten, verdammt!«
Die Trollocs stürmten weiter den Hügel hinunter und starben auf den Piken. Es würde nur für eine kurze Erholungspause sorgen. Dafür waren es einfach zu viele Trollocs, und selbst eine rotierende dreifache Pikenreihe würde überrannt werden. Das war nur eine Hinhaltetaktik. Hinter ihnen fing der Rest seiner Truppen mit dem Rückzug an. Sobald die Reihen geschwächt waren, trugen die Asha’man die Last der Verteidigung und erkauften den Pikenkämpfern die nötige Zeit für den Rückzug.
Falls die Asha’man die erforderliche Kraft aufbrachten. Er hatte sie hart angetrieben. Vielleicht zu hart. Im Gegensatz zu ganz gewöhnlichen Truppen kannte er ihre Grenzen nicht. Falls sie den Vorstoß der Trollocs aufhalten konnten, würde sich sein Heer weiter nach Süden zurückziehen. Dieser Rückzug würde sie an der Sicherheit von Maradon vorbeiführen, aber man würde sie nicht in die Stadt lassen. Die Verantwortlichen hatten Ituraldes Boten zurückgewiesen. »Wir helfen keinen Invasoren«, das war jedes Mal die Erwiderung gewesen. Verdammte Narren.
Nun, vermutlich würden die Trollocs Maradon einkreisen und belagern und Ituralde und seinen Männern die nötige Zeit geben, sich in eine besser zu verteidigende Position zurückzuziehen.
»Halten!«, rief Ituralde erneut und ritt an einer Stelle vorbei, wo der Druck der Trollocs erste Ergebnisse zeigte. Auf einer Hügelbefestigung lauerte ein Rudel wolfsköpfiger Ungeheuer, während ihre Gefährten vor ihnen weiter stürmten. »Bogenschützen!«, rief Ituralde und zeigte auf sie.
Sofort regnete eine Pfeilsalve auf die Wolfsköpfe oder »Schlauköpfe« herab, wie sie die Drachenverschworenen in Ituraldes Heer zu nennen angefangen hatten. Trollocs hatten ihre eigenen Gruppen und Organisationen, aber seine Männer bezeichneten Individuen oft nach ihren äußeren Merkmalen. »Hörner« für Ziegen, »Schnäbel« für Falken, »Arme« für Bären. Die mit den Wolfsköpfen gehörten oft zu den Intelligentesten unter ihnen; einige Saldaeaner behaupteten, sie mit Menschensprache reden gehört zu haben. Angeblich hatten sie versucht, mit ihren Gegnern zu verhandeln oder sie in eine Falle zu locken.
Mittlerweile wusste Ituralde eine Menge über Trollocs. Man musste seinen Feind kennen. Unglücklicherweise war man nicht vor Überraschungen gefeit. Außerdem gab es viele Trollocs, die körperliche Attribute verschiedener Gruppen teilten. Ituralde hätte geschworen, ein widerwärtiges Monstrum mit den Federn eines Falken, aber den Hörnern einer Ziege gesehen zu haben.
Die Trollocs oben auf der Befestigung versuchten den Pfeilen auszuweichen. Eine große Gruppe größerer Bestien kam hinter ihnen heran und drängte sie brüllend den Hügel hinunter. Solange Trollocs nicht hungrig waren, waren sie ausgesprochen feige, aber wenn man sie erst aufgestachelt und in Rage gebracht hatte, kämpften sie gut.
Die Blassen würden dieser ersten Welle folgen. Sobald die Bogenschützen keine Pfeile mehr und die Trollocs die Männer unten erschöpft hatten. Ituralde freute sich nicht darauf.
Beim Licht!, dachte er. Ich hoffe, wir können schneller laufen als sie. In der Ferne warteten die Asha’man auf seine Befehle. Er wünschte, er hätte sie näher bei sich aufstellen können. Aber dieses Risiko durfte er nicht eingehen. Sie waren ein zu wichtiger Vorteil, um einem verirrten Pfeil zum Opfer zu fallen.
Hoffentlich würden die Frontreihen der Trollocs von den Pikenmännern übel zugerichtet und die Nachfolgenden über die blutigen Reste stolpern. Ituraldes übrig gebliebene Saldaeaner würden sich auf jeden von ihnen stürzen, die dem Feuer der Asha’man entkamen. Dann sollten die Pikenmänner imstande sein, sich zurückzuziehen und dem Rest des Heeres zu folgen. Sobald sie Maradon hinter sich gelassen hatten, konnten sie sich mit Wegetoren zu der nächsten von ihm ausgesuchten Position zurückfallen lassen, einen bewaldeten Pass ungefähr zehn Meilen im Süden.
Seine Männer sollten entkommen können. Sollten. Beim Licht, wie er es hasste, gezwungen zu werden, einen überstürzten Rückzug wie den hier zu befehlen.
Durchhalten, sagte er sich, ritt weiter und gab immer wieder den Befehl, die Stellung zu halten. Es war wichtig, dass sie seine Stimme hörten. Der junge ist der Wiedergeborene Drache. Er wird seine Versprechen halten.
»Mein Lord!«, rief eine Stimme. Ituraldes Leibwächter ließen einen keuchenden Jungen durchreiten. »Mein Lord, es ist Leutnant Lidrin!«
»Ist er gefallen?«, wollte Ituralde wissen.