Donnergrollen lag in der Luft. Das war nicht seltsam – in diesen Wolken donnerte es häufig, oftmals auf unheimliche Weise unabhängig von Blitzen.
Mühsam stieß Ituralde den Trolloc mit einer Kraftanstrengung zur Seite. Da entdeckte ihn ein Myrddraal.
Ituralde griff fluchend nach dem Schwert, aber er wusste, dass er gerade seinen Henker gesehen hatte. Eine dieser Kreaturen konnte ein Dutzend Männer fällen. Sich ihr mit einem gebrochenen Bein entgegenzustellen …
Er versuchte trotzdem, auf die Füße zu kommen. Und scheiterte, stürzte fluchend zurück. Er hob das Schwert, zum Tod bereit, als die Kreatur mit einer anmutigen Bewegung auf ihn zukam.
Ein Dutzend Pfeile schlugen in dem Blassen ein.
Ituralde blinzelte, als das Geschöpf stolperte. Der Donner wurde lauter. Ituralde setzte sich aufrecht und sah zu seinem Erstaunen Tausende fremder Reiter in Formation durch die Reihen der Trollocs brausen und die Kreaturen vor sich her treiben.
Der Wiedergeborene Drache! Er ist da!
Aber nein. Diese Männer trugen die Flagge von Saldaea. Er wandte den Kopf. Die Stadttore von Maradon standen weit geöffnet, und Ituraldes erschöpfte Überlebende durften hineinhinken. Von den Wehrgängen regnete es Feuer – man hatte seinen Asha’man dort Zutritt gewährt, um Zugang zum Schlachtfeld zu haben.
Zwanzig Reiter lösten sich von der Hauptstreitmacht und ritten den Myrddraal nieder. Der letzte Mann der Gruppe sprang aus dem Sattel und hackte mit einer Handaxt auf die Kreatur ein. Überall auf dem Schlachtfeld wurden Trollocs niedergeritten, mit Pfeilen gespickt oder von Lanzen durchbohrt.
Das würde keine lange Atempause bringen. Immer mehr Trollocs strömten über Ituraldes frühere Befestigungen und den Hang hinunter. Aber der Entlastungsangriff der Saldaeaner würde reichen – zusammen mit den geöffneten Toren und den Asha’man, die Tod und Vernichtung verbreiteten. Die Überreste von Ituraldes Streitmacht brachten sich in Sicherheit. Es erfüllte ihn mit Stolz, Barettal und Connel – die letzten seiner Leibwächter – zu Fuß über das Schlachtfeld zu ihm laufen zu sehen; ihre Uniformen waren blutverschmiert und ihre Pferde zweifellos tot.
Ituralde schob das Schwert in die Scheide und zerrte den Speer aus Dämmerungs Hals. Sich darauf aufstützend, gelang es ihm, sich hinzustellen. Ein Reiter der saldaeanischen Streitmacht trabte heran, ein Mann mit einem schmalen Gesicht, Hakennase und buschigen schwarzen Augenbrauen. Sein Bart war sauber gestutzt. Er grüßte Ituralde mit einer blutigen Klinge. »Ihr lebt.«
»Das ist richtig«, erwiderte Ituralde, als seine beiden Leibwächter eintrafen. »Ihr seid der Befehlshaber dieser Streitmacht?«
»Im Augenblick schon«, sagte der Mann. »Ich bin Yoeli. Könnt Ihr reiten?«
»Besser, als hierzubleiben.«
Yoeli streckte eine Hand aus und zog Ituralde hinter sich auf den Sattel. Ituraldes Bein protestierte gequält, aber es war keine Zeit, um auf eine Trage zu warten.
Zwei andere Reiter ließen seine Leibwächter aufsetzen, und bald galoppierten sie zur Stadt.
»Seid gesegnet«, sagte Ituralde. »Auch wenn Ihr lange genug gewartet habt.«
»Ich weiß.« Yoelis Stimme klang seltsam grimmig. »Ich hoffe, Ihr seid das wert, Eroberer, denn meine heutigen Taten werden mich vermutlich mein Leben kosten.«
»Was?«
Der Mann antwortete nicht. Er brachte Ituralde mit donnernden Hufen in die Sicherheit der Stadt – falls man sie als sicher bezeichnen wollte, da sie nun von einer Streitmacht aus mehreren Hunderttausend Kreaturen Schattengezücht belagert wurde.
Morgase verließ das Lager. Niemand hielt sie auf, obwohl ihr so mancher einen seltsamen Blick zuwarf. Sie passierte den bewaldeten nördlichen Rand. Hier wuchsen Burleichen, die weit genug auseinander standen, um ihre großen Äste entfalten zu können. Sie schritt unter den Zweigen hindurch und atmete tief die schwüle Luft ein.
Gaebril war einer der Verlorenen gewesen.
Schließlich fand sie eine Stelle, an der ein kleiner Fluss aus dem Hochland eine Kluft zwischen zwei Felsen füllte und einen stillen Teich bildete. Die hohen Felsen ringsum drängten sich zusammen wie ein uralter zerbrochener Thron für Riesen.
In der Höhe trugen die Bäume Blätter, auch wenn viele kränklich aussahen. Eine weniger dichte Wolkengruppe trieb am Himmel vorbei und ließ etwas Sonne zum Boden durch. Die verstreuten Lichtstrahlen durchdrangen das klare Wasser und malten helle Flecken auf den Teichgrund. Kleine Fische schossen zwischen den Sprenkeln her, als wollten sie das Licht untersuchen.
Morgase umrundete den Teich und setzte sich schließlich auf einen flachen Stein. Aus der Ferne drang der Lärm des Lagers heran. Rufe, Pfosten, die in den Boden gehämmert wurden, vorbeirollende Karren.
Sie starrte in den Teich. Gab es etwas Widerwärtigeres, als von jemandem zur Schachfigur gemacht zu werden? Gezwungen zu werden, wie eine Holzpuppe an ihren Fäden zu tanzen? In ihrer Jugend hatte sie zur Genüge erlebt, wie man sich den Launen anderer fügen musste. Das war für sie die einzige Möglichkeit gewesen, sich zu behaupten.
Taringail hatte versucht, sie zu manipulieren. Tatsächlich war er oft darin erfolgreich gewesen. Es hatte auch andere gegeben. So viele hatten sie entweder in die eine oder andere Richtung gedrängt. Zehn Jahre hatte sie damit verbracht, die jeweils stärkste Fraktion zufriedenzustellen. Zehn Jahre, in denen sie langsam Allianzen aufgebaut hatte. Es hatte funktioniert. Schließlich hatte sie allein manövrieren können. Als Taringail bei der Jagd gestorben war, hatten viele hinter vorgehaltener Hand behauptet, sein Tod hätte sie befreit, aber ihre engste Umgebung hatte gewusst, dass sie seine Autorität bereits beträchtlich untergraben hatte.
Sie konnte sich noch genau an den Tag erinnern, an dem sie die Letzten losgeworden war, die sich eingebildet hatten, die wahre Macht hinter dem Thron zu sein. Das war der Tag gewesen, an dem sie in ihrem Herzen tatsächlich zur Königin geworden war. Und geschworen hatte, sich nie wieder von anderen manipulieren zu lassen.
Und Jahre später war Gaebril gekommen. Und danach Valda, der noch schlimmer gewesen war. Bei Gaebril hatte sie wenigstens nicht mitbekommen, was da eigentlich vor sich ging. Das hatte die Verletzungen betäubt.
Das Knacken zerbrechender Zweige kündigte einen Besucher an. Das Licht vom Himmel verblich, und die kleinen Fische spritzten auseinander.
Die Schritte verstummten neben ihrem Stein. »Ich reise ab«, sagte Tallanvor. »Aybara hat seinen Asha’man die Erlaubnis gegeben, Wegetore zu machen; sie fangen mit einigen der fernen Städte an. Ich gehe nach Tear. Gerüchten zufolge gibt es dort wieder einen König. Er stellt ein Heer für die Letzte Schlacht auf. Ich will dabei sein.«
Morgase schaute auf und starrte auf die Bäume. Man konnte sie wirklich nicht als Wald bezeichnen. »Es heißt, du wärst so besessen wie Goldauge gewesen«, sagte sie leise. »Du hast dich nicht ausgeruht, hast dir kaum Zeit zum Essen genommen, hast jeden Augenblick mit der Suche nach einer Möglichkeit verbracht, wie man mich befreien könnte.« Tallanvor sagte nichts.
»Das hat noch kein Mann für mich getan«, fuhr sie fort. »Taringail sah mich als Schachfigur, Thom als Schönheit, die es zu erobern galt, und Gareth als Königin, der man dienen musste. Aber keiner von ihnen machte mich zum Mittelpunkt seines Lebens, seines Herzens. Ich glaube, Thom und Gareth haben mich geliebt, aber als etwas, das man festhalten und dann wieder loslassen muss. Aber ich glaube nicht, dass du mich je losgelassen hast.«
»Das werde ich auch nicht«, erwiderte Tallanvor leise.
»Du gehst nach Tear. Aber du hast gesagt, du würdest niemals gehen.«
»Mein Herz bleibt hier. Ich weiß nur zu gut, wie es ist, aus der Ferne zu lieben, Morgase. Ich tat es jahrelang, bevor diese Narrenreise ihren Anfang nahm, und ich werde es noch viele Jahre lang tun. Mein Herz ist ein Verräter. Vielleicht tut ein Trolloc mir ja einen Gefallen und reißt es mir aus der Brust.«