Er verfiel in Den Wind drehen, da er sich verteidigen musste, als wäre er umzingelt. Er konnte den Angreifer kaum unter Kontrolle halten. Aus der Ferne hörte er Rufe – Wächter, die auf seinen Alarm reagierten. Er stieß einen lauten Ruf aus.
Die Frustration in den Schlägen seines Angreifers blieb ihm nicht verborgen; der Attentäter war davon ausgegangen, ihn schnell zu besiegen. Nun, er hatte das Gleiche erwartet, aber es fiel ausgesprochen schwer, sich auf den Gegner zu konzentrieren. Seine Hiebe schlugen ins Leere, wo sie doch Fleisch hätten treffen müssen – jedenfalls die, die er anbringen konnte.
Gawyn wich zur Seite und brachte die Klinge in die Position für Eber stürmt den Hang hinunter. Aber das gab dem Attentäter eine Öffnung; er schleuderte ein Messer nach Gawyn und zwang ihn auszuweichen.
Das Messer prallte gegen die Wand, und der Meuchelmörder floh den Korridor entlang. Gawyn eilte hinterher, aber er konnte nicht mithalten. Einen Augenblick später hatte sein Angreifer einen Vorsprung und eilte nach links. Diese Richtung führte zu einer Reihe sich kreuzender Korridore.
Diese Schnelligkeit, dachte Gawyn und blieb keuchend stehen, schnappte die Hände auf die Knie gestützt nach Luft. Die ist nicht natürlich.
Einen Moment später trafen zwei von Chubains Wächtern mit gezückten Schwertern ein. Gawyn zeigte nach vorn. »Meuchelmörder. Lauschte an Egwenes Tür. Ist da entlang.«
Ein Mann rannte in die Richtung, in die er zeigte. Der andere eilte los, um Großalarm zu schlagen.
Beim Licht! Was, wenn ich ihn gar nicht beim Lauschen überrascht habe? Sondern beim Rückweg?
Er rannte zu Egwenes Tür, und seine Erschöpfung war wie verflogen. Mit gezogener Klinge griff er nach der Tür. Sie war unverschlossen!
»Egwene!«, rief er, stieß die Tür auf und sprang ins Zimmer.
Licht blitzte auf, begleitet von einem Donnerschlag. Gawyn fühlte, wie sich etwas Starkes um ihn legte; unsichtbare Bänder rissen ihn in die Luft. Sein Schwert landete auf dem Boden, sein Mund füllte sich mit einer unsichtbaren Macht.
Und so hing er entwaffnet und zappelnd an der Decke, als die Amyrlin aus dem Schlafzimmer kam. Sie war wach und voll bekleidet mit einem blutroten Kleid, das mit goldenen Stickereien verziert war.
Sie sah nicht erfreut aus.
Mat saß neben dem Kamin des Gasthauses und wünschte sich, das Feuer wäre weniger warm gewesen. Die Hitze konnte er noch durch die Schichten seiner zerlumpten Jacke und das weiße Hemd spüren; dazu trug er die dicke Hose eines Tagelöhners. Die Stiefel an seinen Füßen hatten gute Sohlen, die aber an den Seiten abgelaufen waren. Er trug keinen Hut, und sein Halstuch verdeckte die untere Gesichtshälfte, als er sich auf dem Stuhl aus Bergeiche zurücklehnte.
Elayne hatte noch immer sein Medaillon. Ohne es fühlte er sich nackt. Neben seinem Stuhl lehnte ein Kurzschwert, aber das sollte bloß ablenken. Daneben stand ein unschuldiger Wanderstab; im Zweifelsfall würde er den benutzen oder die unter der Jacke verborgenen Messer. Aber das Schwert war deutlich sichtbar, und es würde die Diebe, die durch die Straßen von Niedercaemlyn streiften, zweimal darüber nachdenken lassen, ob er ein lohnendes Ziel war.
»Ich weiß, warum Ihr nach ihm fragt«, sagte Chet. In beinahe jeder Schenke gab es einen Mann wie Chet. Alt genug, um Männer wie Mat geboren, aufwachsen und sterben zu sehen, und bereit, über die vielen Jahre zu reden, falls man sie nur ausreichend abfüllte. Und manchmal war auch das überflüssig.
Die Bartstoppeln in Chets langem Gesicht waren grau, und er trug eine schiefe Mütze. Sein geflickter Mantel war einst schwarz gewesen, und die roten und weißen Insignien auf der Tasche waren zu verblichen, um sie noch lesen zu können. Sie wirkten militärisch, und für gewöhnlich trug man von Kneipenschlägereien nicht so böse Narben davon, wie er sie an Wange und Hals hatte.
»Aye«, fuhr Chet fort, »viele erkundigen sich nach dem Anführer dieser Bande. Nun, ich weiß diesen Becher Ale zu schätzen, also lasst mich Euch einen Rat geben. Ihr bewegt Euch, als wüsstet Ihr, welches Ende des Schwerts für den Kampf bestimmt ist, aber Ihr wärt ein Narr, wenn Ihr den herausfordert. Prinz der Raben, Herr des Glücks. Er ist dem Tod selbst entgegengetreten und hat um seine Zukunft gewürfelt. Hat nie einen Kampf verloren.«
Mat sagte nichts. Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Das war an diesem Abend bereits die vierte Schenke, und in drei davon hatte er Gerüchte über Matrim Cauthon in Erfahrung bringen können. Kaum auch nur eine Spur Wahrheit dabei. Blut und verdammte Asche!
Oh, sicher, es gab auch Geschichten über andere Leute. Hauptsächlich über Rand, und jede von ihnen hatte die Farben in seinem Kopf wirbeln lassen. Tear war an die Seanchaner gefallen, nein, an die Illianer, nein, Rand hatte sie alle besiegt und kämpfte im Augenblick in der Letzten Schlacht. Nein! Er besuchte Frauen im Schlaf und schwängerte sie. Nein, das war der Dunkle König. Nein, Mat war der Dunkle König!
Verfluchte Geschichten. Ein paar davon konnte er zur Bande zurückverfolgen – wie die Geschichte über die Stadt voller Toten, die zu neuem Leben erwachte. Aber viele der Erzähler behaupteten, dass sie die Geschichten von ihrem Onkel oder Vetter oder Neffen hatten.
Mat schnippte Chet eine Kupfermünze zu. Der Mann tippte sich höflich an die Mütze und ging los, um seinen Becher auffüllen zu lassen. Mat verspürte keine Lust, etwas zu trinken. Er hatte den Verdacht, dass sich diese Geschichten nur deshalb so schnell verbreiteten, weil diese Bilder von ihm im Umlauf waren. In der letzten Schenke hatte tatsächlich jemand eine zerknitterte und gefaltete Kopie des Bildes aus der Tasche gezogen und ihm gezeigt. Bis jetzt hatte ihn allerdings noch niemand erkannt.
Das Kaminfeuer prasselte vor sich hin. Niedercaemlyn wuchs, und geschäftstüchtige Leute hatten erkannt, dass Unterkünfte und Getränke für Durchreisende einen ordentlichen Profit ergeben würden. Also verwandelten sich Bretterhütten in Schenken, und Schenken in richtige Gasthäuser.
Die Nachfrage nach Holz stieg stetig, und einige der Söldnergruppen betätigten sich als Holzfäller. Einige arbeiteten ehrlich und bezahlten die fälligen Abgaben für die Königin. Andere scherten sich nicht darum. Ein paar waren bereits am Galgen gelandet. Wer hätte das jemals gedacht? Männer, die man hängte, weil sie Holz stahlen? Was kam als Nächstes? Männer, die man hängte, weil sie Erde stahlen?
Niedercaemlyn hatte sich dramatisch verändert, Straßen wurden angelegt, Gebäude vergrößert. Noch ein paar Jahre, und Niedercaemlyn würde eine richtige Stadt sein! Man würde noch eine Stadtmauer bauen müssen, um es abzuriegeln.
Der Raum roch nach Dreck und Schweiß, aber auch nicht mehr als in anderen Schenken. Verschüttete Getränke wischte man schnell auf, und die Schankmägde schienen froh zu sein, Arbeit zu haben. Vor allem eine schenkte ihm ein zurückhaltendes Lächeln, füllte seinen Becher auf und zeigte etwas Bein. Mat prägte sie sich ein; sie würde Talmanes gefallen.
Mat hob das Halstuch genug, um trinken zu können. Es auf diese Weise zu tragen ließ ihn sich wie ein Narr fühlen. Aber für eine Umhangkapuze war es viel zu heiß, und der Bart war die reine Folter gewesen. Selbst mit dem Tuch vor dem Gesicht fiel er in Niedercaemlyn nicht besonders auf; er war bei Weitem nicht der einzige Schläger, der mit verhülltem Gesicht umherlief. Er hatte erklärt, eine hässliche Narbe verdecken zu wollen; andere nahmen einfach an, dass ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt war. Leider stimmte beides.
Er saß eine Weile da und starrte in die Flammen. Chets Warnung hatte einen unerfreulichen Abgrund in seiner Magengrube geöffnet. Je mehr sein Ruf wuchs, desto größer wurde die Wahrscheinlichkeit, dass ihn irgendjemand herausforderte. Den Prinz der Raben zu töten würde einen ausgesprochen berüchtigt machen. Wo hatte er bloß diesen Namen herbekommen? Verdammte Asche!