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Eine Gestalt gesellte sich zu ihm ans Feuer. Hager und knochig sah Noal wie eine Vogelscheuche aus, die sich abgestaubt hatte, um der Stadt einen Besuch abzustatten. Trotz seines weißen Haares und dem ledrigen Gesicht war Noal so agil wie ein halb so alter Mann. Zumindest, wenn er mit einer Waffe umging. Bei anderen Gelegenheiten erschien er so unbeholfen wie ein Maultier in einem Esszimmer.

»Ihr seid wirklich ein bemerkenswerter Mann«, sagte Noal und streckte die Handflächen dem Feuer entgegen. »Als ich Euch zufällig in Ebou Dar über den Weg lief, hatte ich ja keine Ahnung, in welch glanzvoller Gesellschaft ich mich befinde. Noch ein paar Monate, und Ihr seid berühmter als Jain Fernstreicher. «

Mat ließ sich noch tiefer in den Stuhl sacken.

»Männer glauben immer, es wäre so toll, in jeder Schenke und jeder Stadt bekannt zu sein«, sagte Noal leise. »Aber ich will verflucht sein, wenn es nicht einfach nur lästig ist.«

»Was wisst Ihr schon davon?«

»Jain hat sich darüber beschwert«, sagte Noal leise.

Mat grunzte. Thom traf als Nächster ein. Er war wie der Diener eines Kaufmanns gekleidet; seine blaue Ausstattung war nicht zu kostbar, aber auch nicht zu schäbig. Er gab vor, nach Niedercaemlyn gekommen zu sein, um herauszufinden, ob sein Herr gut darin beraten war, hier ein Geschäft zu eröffnen.

Thom trug die Verkleidung äußerst glaubhaft. Er hatte den Schnurrbart zu Spitzen gewachst und sprach mit einem leichten murandianischen Akzent. Mat hatte ihm angeboten, eine Hintergrundgeschichte für seine Vorstellung zu erfinden, aber Thom hatte nur gehustet und behauptet, sie bereits im Kopf zu haben. Verfluchter Lügner von einem Gaukler.

Thom zog einen Stuhl heran und setzte sich geziert, als wäre er ein eingebildeter Diener. »Ah, was für eine Zeitverschwendung! Mein Herr besteht darauf, dass ich mich mit solchem Abschaum befasse! Und hier finde ich die schlimmsten von dem ganzen Haufen!«

Noal kicherte leise.

»Hätte man mich doch stattdessen nur in das Lager des majestätischen, erstaunlichen, unzerstörbaren, berühmten Matrim Cauthon geschickt!«, verkündete Thom dramatisch. »Dann hätte ich bestimmt…«

»Soll man mich doch zu Asche verbrennen, Thom«, fiel ihm Mat ins Wort. »Lass einen Mann in Frieden leiden.«

Thom lachte, winkte die Schankmagd herbei und bestellte eine Runde für sie drei. Er gab ihr eine zusätzliche Münze und bat sie leise darum, andere Zecher unauffällig vom Kamin fernzuhalten.

»Seid Ihr sicher, Euch hier treffen zu wollen?«, fragte Noal.

»Das geht schon in Ordnung«, versicherte Mat. Er wollte sich nicht im Lager sehen lassen, damit der Gholam nicht dort nach ihm suchte.

»Also gut«, meinte Noal. »Wir wissen, wo der Turm steht, und können ihn erreichen, vorausgesetzt natürlich, Mat besorgt uns ein Wegetor.«

»Das werde ich.«

»Ich konnte niemanden aufspüren, der ihn betreten hat«, fuhr Noal fort.

»Manche behaupten, er sei von Geistern heimgesucht.« Thom nahm einen geräuschvollen Schluck aus seinem Becher. »Andere wiederum sagen, er sei ein Relikt aus dem Zeitalter der Legenden. Die Wände sollen aus glattem Stahl sein, ohne jede Öffnung. Ich habe den jüngsten Sohn einer Kapitänswitwe gefunden, der die Geschichte über jemanden kannte, der im Turm einen großen Schatz fand. Allerdings hatte er keine Ahnung, wie der Junge dort hineinkam.«

»Wir wissen, wie wir hineinkommen«, behauptete Mat.

»Olvers Geschichte?« Noal verbarg seine Skepsis nicht.

»Es ist die Beste, die wir haben«, sagte Mat. »Das Spiel und der Reim drehen sich beide um Aelfinn und Eelfinn. Einst wussten die Menschen über sie Bescheid. Diese verfluchten Türrahmen sind der Beweis dafür. Also hinterließen sie das Spiel und den Reim als Warnung.«

»Das Spiel kann nicht gewonnen werden, Mat«, sagte Noal nachdenklich.

»Das ist sein Sinn. Man muss betrügen.«

»Aber vielleicht sollten wir es mit einem Handel versuchen«, sagte Thom und spielte mit der gewachsten Schnurrbartspitze. »Sie geben einem Antworten auf seine Fragen.«

»Die verflucht frustrierend sind«, erwiderte Mat. Er hatte Thom und Noal nichts über seine Fragen erzählen wollen – und hatte es noch immer nicht getan.

»Aber sie antworten«, sagte Thom. »Es klingt, als hätten sie eine Art Abmachung mit den Aes Sedai. Wenn wir wüssten, was die Schlangen und Füchse von den Aes Sedai begehren – also aus welchem Grund sie zu einem Abkommen bereit waren -, dann könnten wir ihnen das vielleicht im Austausch für Moiraine geben.«

»Falls sie noch lebt«, sagte Noal grimmig.

»Das tut sie«, sagte Thom und starrte ins Leere. »Möge das Licht dafür sorgen. Sie muss am Leben sein.«

»Wir wissen, was sie wollen.« Mat schaute in die Flammen.

Noal sah ihn fragend an.

»Uns«, erwiderte Mat. »Seht mal, sie wissen, was passieren wird. Falls dieser Brief recht hat, dann haben sie das bei mir gemacht und auch bei Moiraine. Sie wussten, dass sie dir einen Brief hinterlassen würde, Thom. Sie wussten es. Und sie haben trotzdem ihre Fragen beantwortet.«

»Vielleicht mussten sie das ja.«

»Ja, aber sie müssen keine klaren Antworten geben. Bei mir taten sie es jedenfalls nicht. Sie antworteten in dem Wissen, dass Moiraine zu ihnen zurückkehren würde. Wie sie mir alles in dem Wissen gaben, dass auch ich wieder angelockt werden würde. Sie wollen mich. Sie wollen uns.«

»Das weißt du nicht mit Sicherheit.« Thom stellte den Becher zwischen den Füßen auf den Boden und zog seine Pfeife hervor. Rechts von Mat jubelten Männer beim Würfelspiel. »Sie können Fragen beantworten, aber das heißt noch lange nicht, dass sie alles wissen. Es könnte wie bei den Vorhersagen der Aes Sedai sein.«

Mat schüttelte den Kopf. Die Kreaturen hatten Erinnerungen in seinen Kopf gepflanzt. Seiner Ansicht nach handelte sich um die Erinnerungen von Leuten, die mit dem Turm in Berührung gekommen waren oder ihn betreten hatten. Die Aelfinn und die Eelfinn besaßen diese Erinnerungen, und vermutlich besaßen sie verflucht noch mal seine auch. Konnten sie ihn beobachten, durch seine Augen sehen?

Wieder sehnte er sich nach seinem Medaillon, auch wenn es nichts gegen sie ausrichten würde. Sie waren keine Aes Sedai, sie benutzten nicht die Macht. »Sie wissen Dinge, Thom«, sagte er. » Sie beobachten. Wir werden sie nicht überraschen können.«

»Macht es schwer, sie zu besiegen«, meinte Thom, entzündete einen Zweig im Feuer und brachte damit seine Pfeife zum brennen. »Wir können nicht gewinnen.«

»Es sei denn, wir brechen die Regeln«, wiederholte Mat.

»Aber sie werden wissen, was wir tun, falls du recht hast. Also sollten wir mit ihnen verhandeln.«

»Und was hat Moiraine gesagt, Thom?«, fragte Mat. »In diesem Brief, den du jeden Abend liest.«

Thom paffte seine Pfeife und griff unwillkürlich nach der Brusttasche, wo er den Brief aufbewahrte. » Sie sagt, wir sollen uns daran erinnern, was wir über das Spiel wissen.«

»Sie weiß, dass man nicht gewinnen kann, wenn man mit ihnen zu tun hat«, sagte Mat. »Kein Verhandeln, Thom, kein Austausch. Wir gehen kämpfend hinein und gehen nicht wieder, bevor wir sie haben.«

Thom zögerte einen Augenblick lang, dann nickte er. Seiner Pfeife entstiegen Rauchwölkchen.

»Mut, um stärker zu sein«, sagte Noal. »Nun, bei Mats Glück haben wir davon genug.«

»Ihr müsst nicht mitmachen, das wisst Ihr, Noal«, sagte Mat. »Ihr habt keinen Grund, dieses Risiko einzugehen.«

»Ich gehe«, beharrte Noal. »Ich habe viele Orte kennengelernt. Eigentlich sogar die meisten Orte. Aber den noch nie.« Er zögerte. »Es ist etwas, das ich tun muss. Und damit ist diese Diskussion beendet.«