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Auf der Straße hätten Räuber sein sollen. Die Städte waren voll damit. Das war gewissermaßen eine der verdammten Grundvoraussetzungen für eine Stadt. Eine Stadthalle, ein paar Gasthäuser, eine Schenke und ein paar Burschen mit groben Gesichtern, die allein von dem Verlangen angetrieben wurden, einen in den Schlamm zu prügeln und das geraubte Geld für Frauen und Alkohol zu verschwenden.

Er passierte einen Hof und betrat die Innenstadt durch das Steinmetztor. Im Phantomlicht des bewölkten Mondes schien der regennasse weiße Torbogen beinahe zu glühen. Mats Wanderstab pochte gegen das Straßenpflaster. Die Torwächter hatten die Umhänge eng um die Körper geschlungen und standen reglos da. Wie Statuen und nicht wie Menschen. Der ganze Ort fühlte sich wie eine Gruft an.

Ein Stück hinter dem Tor passierte er eine Gasse und zögerte. Er glaubte dort eine Gruppe schattenhafter Umrisse zu sehen. Zu beiden Seiten erhoben sich hohe Gebäude, großartige Ogierbaukunst. In der Gasse ertönte ein Grunzen.

»Ein Überfall?«, sagte Mat voller Erleichterung.

Eine schwerfällige Gestalt schaute aus der Gasse. Das Mondlicht enthüllte einen Burschen mit dunklen Augen und einem langen Umhang. Es schien ihn zu verblüffen, Mat dort stehen zu sehen. Er zeigte mit einer großen Hand auf ihn, und drei seiner Gefährten rannten auf Mat zu.

Mat entspannte sich und wischte Regenwasser von der Stirn. Also waren an diesem Abend Räuber unterwegs. Was für eine Erleichterung. Seine ganzen Sorgen waren umsonst gewesen!

Ein Schläger hieb mit seiner Keule nach ihm. Mat hatte das Kurzschwert absichtlich an der rechten Seite getragen; der Schläger schluckte den Köder und ging davon aus, dass er die Waffe ziehen würde.

Stattdessen riss er den Stab herum und schlug ihn dem Mann gegen das Bein. Der Straßenräuber stolperte, und Mat versetzte ihm einen Hieb gegen den Kopf. Der Nieselregen, der mittlerweile beinahe schon ein anständiger Regen war, sprühte von dem Beutelschneider, als er fiel und dabei einen seiner Gefährten stolpern ließ.

Mat trat einen Schritt zurück und rammte dem taumelnden Räuber den Stab gegen den Kopf. Er sackte auf seinem Gefährten zusammen. Der dritte Mann schaute zurück zum Anführer, der den Kragen eines schlaksigen Mannes gepackt hielt, der im Schatten kaum zu erkennen war. Mat ergriff die Gelegenheit, über den Haufen bewusstloser Diebe zu springen und nach dem dritten Mann zu schlagen.

Der Räuber riss die Keule hoch, um den Kopf zu schützen, also stieß er ihm den Stab auf den Fuß. Dann wirbelte er die Waffe herum, schlug die schwache Deckung des Mannes zur Seite und fällte ihn mit einem Hieb ins Gesicht.

Währenddessen stürmte der Anführer der Bande heran; Mat zog ein Messer und schleuderte es ihm entgegen. Der Mann stolperte im Nieselregen und krallte gurgelnd nach der Klinge im Hals. Die anderen würde Mat bewusstlos dort liegen lassen – vielleicht würden es die armen Narren ja als Warnung verstehen und ihr Leben in Ordnung bringen.

Er trat zur Seite und ließ den Anführer an sich vorbei stolpern, der über seinen drei Gefährten zusammenbrach. Mit einem Tritt drehte Mat ihn herum, zog das Messer aus dem Körper und säuberte es. Schließlich wandte er sich dem Opfer des Raubüberfalls zu.

»Es freut mich, Euch zu sehen«, sagte er.

»Es freut… Euch?«, sagte der Mann.

»Aber sicher.« Mat richtete sich auf. »Ich dachte schon, die Diebe wären heute Abend zuhause geblieben. Eine Stadt ohne Beutelschneider, nun, das ist wie ein Feld ohne Unkraut. Und gäbe es kein Unkraut, wofür würde man dann einen Bauern brauchen? Verdammt rücksichtslos, das sage ich Euch.«

Der Gerettete stolperte auf unsicheren Beinen heran. Mats Worte schienen ihn verwirrt zu haben, aber er kam heran und ergriff seine Hand. »Danke!« Der Mann hatte eine nasale Stimme. »Danke, vielen, vielen Dank!« In dem schwachen Mondlicht konnte Mat kaum das breite Gesicht mit den hervorstehenden Zähnen auf dem unnatürlich dürren Körper sehen.

Er zuckte mit den Schultern, legte den Stab weg, wickelte das Halstuch ab, das sich mit Regen vollgesogen hatte, und fing an, es auszuwringen. »Ich an Eurer Stelle würde nachts nicht allein unterwegs sein, mein Freund.«

Der Mann kniff in der Dunkelheit die Augen zusammen. »Ihr!«, sagte er beinahe schon quiekend.

Mat stöhnte. »Blut und verdammte Asche! Kann ich denn nirgendwo hingehen, ohne dass …«

Er unterbrach sich, als sich der Mann auf ihn warf und ein Dolch im schwachen Mondlicht aufblitzte. Fluchend ließ er das Halstuch nach vorn peitschen. Statt seinem Bauch traf der Dolch den Stoff, und er verdrehte blitzschnell die Hände und wickelte die Waffe des Attentäters ein.

Der Mann stieß einen leisen Schrei aus. Mat ließ das Halstuch los, zog zwei Messer, mit jeder Hand eines, und schleuderte sie reflexartig. Sie trafen den Meuchelmörder in beide Augen. Eine Klinge in jedes Auge. Beim Licht! Er hatte gar nicht nach den Augen gezielt.

Der Mann brach auf dem feuchten Straßenpflaster zusammen.

Mat stand keuchend da. »Muttermilch in einer Tasse! Verfluchte Muttermilch!« Er packte seinen Stab und schaute sich um, aber die dunkle Straße war leer. »Ich habe dich gerettet. Ich habe dich gerettet, und du willst mich erstechen?«

Er kniete neben der Leiche nieder. Und mit grimmiger Sicherheit, was er finden würde, griff er in den Geldbeutel des Mannes. Er fand ein paar Münzen – Goldmünzen – und ein zusammengefaltetes Stück Papier. Mondlicht enthüllte darauf Mats Gesicht. Er zerknüllte das Blatt und schob es in die Tasche.

Eines in jedes verdammte Auge. Besser, als der Mann verdient hatte. Mat band sich wieder das Tuch um, nahm seine Messer und ging weiter, sich wünschend, er hätte den Meuchelmörder seinem Schicksal überlassen.

Birgitte verschränkte die Arme, lehnte sich gegen eine Marmorsäule und sah zu, wie Elayne eine abendliche Präsentation von »Schauspielern« genoss. Gruppen wie diese, die Geschichten darstellten, waren in Cairhien sehr populär geworden, und jetzt versuchten sie den gleichen Erfolg in Andor zu erringen. Einer der Palastsäle, in denen früher Barden gespielt hatten, war umgestaltet worden, damit die Mimen ihre Stücke aufführen konnten.

Birgitte schüttelte den Kopf. Was hatte man davon, erfundene Geschichten darzustellen? Warum nicht in die Welt hinausgehen und ein paar eigene Geschichten erleben? Davon abgesehen hätte sie jederzeit einen Barden vorgezogen. Hoffentlich würde dieser neumodische »Schauspieler«-Unsinn einen schnellen Tod sterben.

Die fragliche Geschichte nun erzählte die tragische Heirat und den Tod von Prinzessin Walishen nach, die Bestien des Schattens ermordet hatten. Birgitte kannte die Ballade, die den Schauspielern als Grundlage ihrer Vorstellung gedient hatte. Tatsächlich sangen sie zwischendurch immer wieder Teile davon. Es war erstaunlich, wie wenig sich dieses Lied im Laufe der Jahre verändert hatte. Ein paar andere Namen, ein paar andere Noten, aber im Großen und Ganzen war es unverändert.

Fast so wie ihre eigenen Leben. Eine Wiederholung nach der anderen, mit wenig Variationen. Manchmal war sie Soldatin. Manchmal war sie eine Waldfrau ohne eine formelle militärische Ausbildung. Ein- oder zweimal war sie Generalin gewesen. Leider. Diese Arbeit hätte sie nur zu gern jemand anderem überlassen.

Sie war Wächterin, edle Diebin, Lady, Bäuerin, Mörderin und Retterin gewesen. Aber noch nie zuvor Behüterin. Die damit verbundenen Neuerungen störten sie nicht. In den meisten ihrer Leben wusste sie nicht mehr, was zuvor geschehen war. Was sie jetzt aus ihren früheren Leben ziehen konnte, war ein Vorteil, ja, aber sie hatte kein Anrecht auf diese Erinnerungen.

Das hinderte aber ihr Herz keineswegs daran, sich jedes Mal zu verkrampfen, wenn eine dieser Erinnerungen verblich. Beim Licht! Wenn sie dieses Mal schon nicht mit Gaidal zusammen sein konnte, durfte sie sich denn nicht wenigstens an ihn erinnern? Es war, als wüsste das Muster einfach nicht, was es mit ihr anfangen sollte. Sie war in dieses Leben hineingezwungen worden und hatte alle anderen Fäden zur Seite gedrängt, um einen unerwarteten Platz einzunehmen. Das Muster versuchte sie hineinzuweben. Was würde passieren, wenn sämtliche Erinnerungen verblichen waren? Würde sie sich noch an irgendetwas erinnern, wenn sie eines Tages als Erwachsene ohne Geschichte aufwachte? Der Gedanke machte ihr mehr Angst als jedes Schlachtfeld.