Sie nickte einer ihrer Gardistinnen zu, Kaila Bent, die an der hintersten Reihe des provisorischen Theaters vorbeikam und salutierte.
Birgitte trat um die Ecke, um mit ihr zu sprechen. »Und?«
»Keine besonderen Vorkommnisse«, sagte Kaila. »Alles in Ordnung.« Sie war eine schlanke Frau mit feuerrotem Haar und hatte sich schnell daran gewöhnt, Hosen und Mantel der Gardistinnen zu tragen. »Zumindest soweit alles in Ordnung sein kann, während man Der Tod von Prinzessin Walishen über sich ergehen lassen muss.«
»Hört auf, Euch zu beschweren«, sagte Birgitte und unterdrückte ein Zusammenzucken, als die Diva, wie sie von den anderen Schauspielern genannt wurde, zu einer besonders schrillen Arie ansetzte. So nannte man ein Lied, das man allein sang. Warum brauchten diese Schauspieler so viele neue Namen für alte Dinge? »Ihr könntet im Regen patrouillieren.«
»Wäre das möglich?«, fragte Kaila eifrig. »Warum habt Ihr das nicht früher gesagt? Vielleicht würde mich ein Blitz treffen. Das wäre dem hier vorzuziehen.«
Birgitte schnaubte. »Geht zurück zu Eurer Runde.«
Kaila salutierte und ging. Birgitte wandte sich wieder der Aufführung zu und lehnte sich gegen die Säule. Vielleicht hätte sie etwas Wachs für die Ohren mitbringen sollen. Sie warf Elayne einen Blick zu. Die Königin saß ganz ruhig da und verfolgte das Schauspiel. Manchmal kam sich Birgitte eher wie ein Kindermädchen als wie eine Leibwächterin vor. Wie sollte man eine Frau beschützen, die manchmal entschlossen den Tod zu suchen schien?
Andererseits war Elayne so außerordentlich fähig. Genau wie heute Abend; irgendwie hatte sie ihre bitterste Rivalin davon überzeugt, sich dieses Schauspiel anzusehen. Ellorien saß drüben in der östlichen Reihe. Das letzte Mal hatte diese Frau den Palast mit einer solchen Verbitterung verlassen, dass Birgitte niemals mit ihrer Rückkehr gerechnet hätte, es sei denn, man hätte sie in Ketten hergeschleift. Und doch saß sie da. Es roch nach einem politischen Manöver Elaynes, das dreizehn Schritte subtiler war, als Birgitte es verstehen konnte.
Sie schüttelte den Kopf. Elayne war eine Königin. Die Unberechenbarkeit gehörte dazu. Sie würde gut für Andor sein. Immer natürlich unter der Voraussetzung, dass Birgitte verhindern konnte, dass man ihr den blonden Kopf vom Hals schlug.
Nachdem sie den Gesang eine Weile ertragen hatte, kam Kaila erneut. Birgittes Neugier wuchs, als sich die Frau rasch näherte. »Was ist?«
»Ihr seht gelangweilt aus«, flüsterte Kaila, »also dachte ich mir, ich teile Euch das mit. Ein Tumult am Pflaumentor.« Das war der südöstlichste Eingang des Palastgeländes. »Jemand wollte sich einschleichen.«
»Wieder ein Bettler auf der Suche nach Abfällen? Oder ein Spion von einem der Lordschaften, der etwas belauschen wollte?«
»Ich weiß es nicht«, erwiderte Kaila. »Ich erfuhr es zufällig aus dritter Hand von Calison, als wir uns auf unserer Patrouille begegneten. Er sagte, die Wächter hätten den Eindringling am Tor festgesetzt.«
Birgitte warf einen Blick zur Seite. Anscheinend nahm das nächste Solo seinen Anfang. »Ihr habt hier das Kommando; besetzt diesen Posten und nehmt die Berichte entgegen. Ich vertrete mir die Beine und sehe mir den Zwischenfall einmal an.«
»Bringt mir Wachs für die Ohren mit, wenn Ihr zurückkommt; wäre das möglich?«
Birgitte kicherte, verließ das Theater und betrat den in Weiß und Rot gehaltenen Palastkorridor. Obwohl sie Gardistinnen und Männer mit zusätzlichen Bogen in den Gängen postiert hatte, trug Birgitte immer ein Schwert, denn ein Attentatsversuch würde mit Sicherheit in einem Handgemenge enden.
Sie lief den Korridor entlang und warf einen Blick nach draußen, als sie an einem Fenster vorbeikam. Vom Himmel fiel ständig stärker werdender Nieselregen. Absolut unerfreulich. Gaidal hätte dieses Wetter gefallen. Er hatte den Regen geliebt. Gelegentlich hatte sie gescherzt, dass Nieselregen besser zu seinem Gesicht gepasst hätte, weil er den Kindern dann weniger Angst gemacht hätte. Beim Licht, wie sie diesen Mann vermisste.
Der schnellste Weg zum Pflaumentor führte sie durch die Dienstbotenquartiere. In vielen Palästen hätte das bedeutet, einen bedeutend schlichteren Teil des Gebäudes zu betreten, da er für die weniger wichtigen Leute bestimmt war. Aber dieses Gebäude war von Ogiern erbaut worden, und sie hatten diesbezüglich ihre eigenen Ansichten. Der Marmor war hier genauso großartig bearbeitet wie anderswo auch, mit roten und weißen Mosaiken am Boden.
Verglichen mit dem königlichen Standard waren die Räume klein, aber sie waren immer noch groß genug, um eine ganze Familie beherbergen zu können. Birgitte zog für gewöhnlich vor, ihre Mahlzeiten im großen Speisesaal der Diener einzunehmen. Dort prasselten vier Kamine und boten dem ungemütlichen Abend die Stirn, während Diener, die Feierabend hatten, und Wächter lachten und plauderten. Viele waren der Ansicht, dass man einen Monarchen nach der Art und Weise beurteilen konnte, wie er jene behandelte, die ihm dienten. Falls das zutraf, dann war der Palast von Andor auf eine Weise entworfen worden, um das Beste in seinen Königinnen zum Vorschein zu bringen.
Zögernd passierte Birgitte den einladenden Essensduft und ging stattdessen hinaus in den kalten Sommersturm. Die Kälte ging nicht in Mark und Bein. Sie war lediglich ungemütlich. Birgitte schlug die Kapuze ihres Umhangs hoch und überquerte das regennasse Pflaster zum Pflaumentor. Das Torhaus war hell erleuchtet, und Gardisten mit feuchten Umhängen und Hellebarden standen davor.
Birgitte marschierte zum Torhaus. Wasser tropfte ihr von der Kapuze, als sie gegen die dicke Eichentür klopfte. Sie wurde geöffnet und enthüllte das schnurrbärtige Gesicht und den Kahlkopf von Renald Macer, dem diensthabenden Sergeanten. Der stämmige Mann hatte große Hände und ein mildes Temperament. Sie war immer der Ansicht gewesen, er hätte besser in einen Schuhmacherladen gepasst, aber die Garde nahm alle möglichen Leute auf, und Verlässlichkeit war oft wichtiger als der Umgang mit dem Schwert.
»Generalhauptmann!«, rief er aus. »Was macht Ihr denn hier?«
»Ich genieße den Regen«, fauchte sie.
»O je!« Er trat zurück und gab den Weg frei, damit sie das Torhaus betreten konnte. Es bestand aus einem einzigen bevölkerten Raum. Die Soldaten taten Dienst in der Sturmschicht – das bedeutete, dass das Tor von doppelt so vielen Männern wie üblich bewacht wurde, aber sie würden nur eine Stunde draußen stehen müssen, bevor sie sich mit Männern abwechselten, die sich ihm Torhaus aufgewärmt hatten.
Drei Gardisten saßen am Tisch und warfen Würfel in einen Würfelkasten, während ein offener Eisenofen Scheite verschlang und Tee wärmte. Ein drahtiger Mann, dessen Gesicht zur Hälfte von einem schwarzen Halstuch verborgen wurde, würfelte mit den Soldaten. Seine Kleidung war abgetragen, und der feuchte braune Haarschopf stand in allen Richtungen ab. Über dem Halstuch musterten braune Augen Birgitte, dann sackte der Mann ein Stück in sich zusammen.
Birgitte nahm den Umhang von den Schultern und schüttelte das Regenwasser ab. »Ich nehme an, das ist Euer Eindringling?«
»Nun ja«, sagte der Sergeant. »Wieso habt Ihr davon gehört?«
Sie betrachtete den Eindringling. »Er hat versucht, sich auf das Palastgelände zu schleichen, und jetzt würfelt ihr mit ihm?«
Der Sergeant und die anderen Männer sahen verlegen aus. » Nun, meine Lady …«
»Ich bin keine Lady.« Zumindest nicht dieses Mal. »Ich arbeite für meinen Lebensunterhalt.«