Mit einem zufriedenen Lächeln fing Elayne an, Befehle zu geben. Eine der Gardesoldatinnen rannte los, um sie auszurichten, obwohl die seltsamen Befehle sie verwirrt zu haben schienen. Elayne ging weiter zu ihren Gemächern, dann setzte sie sich und dachte nach. Sie würde schnell handeln müssen. Birgitte war schlechter Laune; das verriet der Bund.
Kurz darauf kam ein Diener mit einem voluminösen schwarzen Umhang. Elayne sprang auf, legte ihn an und umarmte die Quelle. Sie brauchte drei Versuche! Verdammte Asche, aber manchmal war ihre Schwangerschaft frustrierend.
Sie hüllte sich mit Geweben aus Feuer und Luft ein und machte sich mit dem Spiegel des Nebels größer und eindrucksvoller. Sie holte ihr Schmuckkästchen hervor und fischte die kleine elfenbeinerne Schnitzerei einer sitzenden, von ihrem Haar verhüllten Frau heraus. Mit dem Angreal zog sie so viel von der Einen Macht in sich hinein, wie sie wagte. Für einen Beobachter, der die Macht beherrschte, würde sie in der Tat imponierend aussehen.
Sie warf einen Blick auf die Gardistinnen. Sie waren offensichtlich verwirrt und hatten unbewusst die Hände auf den Schwertgriff gelegt. »Euer Majestät?«, fragte Kaila.
»Wie sehe ich aus?«, wollte Elayne wissen und zupfte an den Geweben herum, um ihre Stimme noch tiefer klingen zu lassen.
Kaila riss die Augen noch weiter auf. »Wie eine zum Leben erwachte Donnerwolke, Euer Majestät.«
»Also eindrucksvoll?«, fragte Elayne. Der gefährliche, beinahe unmenschliche Klang ihrer Stimme ließ sie tatsächlich leicht zusammenzucken. Perfekt!
»Das würde ich behaupten«, sagte die schlanke Gardistin und runzelte die Stirn. »Allerdings verderben die Schuhe das Bild.«
Elayne schaute nach unten und fluchte, als sie die pinkfarbene Seide erblickte. Sie webte wieder und ließ Füße und Schuhe verschwinden. Das Gewebe würde den Eindruck erwecken, als schwebte sie in pulsierende Dunkelheit gehüllt in der Luft. Der aufgebauschte Umhang flatterte hinter ihr. Ihr Gesicht war völlig in Dunkelheit getaucht. Als Zugabe erschuf sie zwei leuchtende rote Punkte auf Augenhöhe. Wie zwei brennende Holzscheite, die ein tiefrotes Licht ausstrahlten.
»Das Licht stehe uns bei«, flüsterte eine der Frauen.
Elayne nickte, und ihr Herz schlug vor Aufregung schneller. Sie machte sich keine Sorgen. Sie war sicher. Mins Sicht hatte das versprochen. Noch einmal ging sie ihren Plan durch. Er war solide. Aber man konnte ihn nur auf eine Weise in die Tat umsetzen.
Sie drehte die Gewebe um und verknotete sie. Dann wandte sie sich den Gardistinnen zu. »Macht das Licht aus und verhaltet euch ruhig«, sagte sie zu ihnen. »Ich bin bald wieder da.«
»Aber …«, sagte Kaila.
»Das ist ein Befehl, Gardistin«, sagte sie energisch. »Ihr solltet ihn lieber befolgen.«
Die Frau zögerte. Vermutlich wusste sie ganz genau, dass Birgitte das niemals zugelassen hätte. Aber glücklicherweise war Kaila nicht Birgitte. Zögernd gab sie den Befehl, und im Raum wurden die Lichter gelöscht.
Elayne griff in die Tasche und holte das echte Fuchskopf-Medaillon hervor, verbarg es in der Hand. Dann holte sie tief Luft und erschuf ein Wegetor. Im dunklen Raum gleißte der Strich aus Licht und tauchte sie in einen bleichen Schimmer, der an Mondlicht erinnerte. Er öffnete sich in einen Raum mit vergleichbarer Dunkelheit.
Elayne trat hindurch und fand sich im Palastkerker wieder, in einer der Zellen. Auf der anderen Seite kniete eine Frau neben der stabilen Tür, die durch ein Gitterfenster das einzige Licht in den feuchten Raum einließ. Rechts gab es eine kleine Pritsche, links stand ein Eimer, der als Nachttopf diente. Der kleine Raum stank nach Moder und menschlichen Exkrementen, und ganz in der Nähe konnte Elayne das Scharren von Ratten hören. Für die Frau vor ihr schien die Unterbringung immer noch viel zu üppig zu sein.
Sie hatte Chesmal absichtlich ausgesucht. Die Frau schien eine gewisse Autorität unter den Schwarzen zu haben, und sie war mächtig genug, dass sich die meisten anderen vor ihr verneigten. Aber sie war bei ihrer letzten Begegnung auch eher leidenschaftlich als logisch erschienen. Das würde wichtig sein.
Die hochgewachsene, hübsche Frau fuhr herum, als ihre Besucherin die Zelle betrat. Elayne hielt den Atem an. Glücklicherweise funktionierte die Täuschung. Chesmal warf sich auf den strohbedeckten Boden.
»Erhabener«, zischte die Frau. »Ich hatte …«
»Schweig!«, rief Elayne mit donnernder Stimme.
Chesmal zuckte zusammen und blickte zur Seite, als wartete sie darauf, dass die Wächter draußen einen Blick in die Zelle warfen. Dort würden Kusinen sein, die Chesmals Abschirmung aufrechterhielten; Elayne fühlte sie. Trotz des Lärms kam keiner. Die Kusinen befolgten Elaynes Befehle, so seltsam sie auch sein mochten.
»Du bist weniger wert als eine Ratte«, sagte Elayne mit ihrer vorgetäuschten Stimme. »Man hat dich hergeschickt, um den Ruhm des Großen Herrn zu mehren, und was hast du getan? Zugelassen, dass dich diese Narren gefangen nehmen, diese Kinder?«
Chesmal wimmerte und machte sich noch kleiner. »Ich bin Dreck, Erhabener. Ich bin nichts! Wir haben Euch enttäuscht. Bitte, vernichtet mich nicht!«
»Und warum nicht?«, bellte Elayne. »Deine Gruppe hat immer wieder nur versagt! Was hast du erreicht, das mich vielleicht davon überzeugt, dir dein Leben zu lassen?«
»Wir haben viele dieser Narren getötet, die gegen den Großen Herrn arbeiten!«, wimmerte Chesmal.
Elayne zuckte zusammen, stählte sich, erschuf aus Luft eine Peitsche und prügelte auf den Rücken der Frau ein. Chesmal hatte noch ganz anderes verdient. »Du hattest nichts mit ihrem Tod zu tun! Hältst du mich für dumm? Glaubst du, ich wüsste nicht Bescheid!«
»Nein, Erhabener«, jammerte Chesmal und krümmte sich noch mehr zusammen. »Bitte!«
»Dann gib mir einen Grund, dich am Leben zu lassen!«
»Ich habe Informationen, Erhabener«, sagte Chesmal schnell. »Einer von denen, die wir suchen sollten, die beiden Männer, die um jeden Preis getötet werden müssen … einer von ihnen ist hier, in Caemlyn!«
Wovon spricht sie? Elayne zögerte. »Weiter.«
»Er reitet zusammen mit einem Söldnerhaufen«, sagte Chesmal und schien erleichtert zu sein, über erwünschte Informationen zu verfügen. »Er ist der Mann mit den scharfen Augen, der den Hut trägt und den von Raben gezeichneten Speer hat!«
Mat? Die Schattenfreunde jagten Maf? Sicher, er war Rands Freund und ta’veren. Aber was hatte er getan, um den Zorn der Verlorenen auf sich zu lenken? Viel beunruhigender war, dass Chesmal über Mats Anwesenheit in der Stadt Bescheid wusste. Er war erst nach der Gefangennahme der Schwarzen Schwestern eingetroffen! Das bedeutete …
Das bedeutete, dass Chesmal und die anderen Kontakt mit weiteren Schattenfreunden hatten. Aber mit wem? »Und wie hast du das entdecken können? Warum wurde das nicht bereits berichtet?«
»Ich habe es erst heute gehört, Erhabener«, sagte Chesmal und klang schon viel selbstbewusster. »Wir planen ein Attentat. «
»Und wie willst du das machen, solange du eingesperrt bist?«, verlangte Elayne zu wissen.
Chesmal schaute kurz auf. Ihre Miene zeigte Verwirrung. Sie sagte nichts.
Ich habe ihr verraten, dass ich nicht so viel weiß, wie ich eigentlich wissen müsste. Hinter ihrer Schattenmaske biss Elayne die Zähne zusammen.
»Erhabener«, sagte Chesmal. »Ich habe meine Befehle sorgfältig erfüllt. Wie befohlen sind wir fast in der Position, um mit der Invasion zu beginnen. Bald wird Andor im Blut unserer Feinde schwimmen und der Große Herr in Feuer und Asche herrschen. Wir vollenden es.«
Worum ging es hier? Eine Invasion von Andor? Unmöglich! Wie sollte das passieren? Wie konnte es passieren? Aber konnte sie es wagen, diese Frage zu stellen? Chesmal schien bereits den Verdacht zu haben, dass etwas nicht stimmte.