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»Ihr seid nicht der Auserwählte, der mich zuvor besuchte, oder, Erhabener?«

»Jemand wie du darf uns nicht infrage stellen«, knurrte Elayne und unterstrich die Bemerkung mit einem weiteren Peitschenschlag Luft auf den Rücken der Frau. »Ich muss wissen, wie viel man dir verraten hat. Damit ich die Lücken in deinem Wissen beurteilen kann. Wenn du nicht weißt, dass … Nun, das werden wir ja sehen. Erkläre mir zuerst, was du über die Invasion weißt.«

»Ich weiß, dass die Stunde nahe ist«, sagte Chesmal. »Hätten wir mehr Zeit gehabt, hätten wir vielleicht besser planen können. Könntet Ihr mich aus diesem Kerker befreien, dann könnte ich …«

Sie verstummte und blickte zur Seite.

Der Zeitpunkt. Elayne wollte weitere Informationen verlangen, zögerte dann aber. Was? Sie konnte die Kusinen draußen nicht länger fühlen. Waren sie gegangen? Und was war mit Chesmals Abschirmung?

Die Tür rüttelte, das Schloss drehte sich, dann flog sie auf und enthüllte eine Gruppe von Leuten auf der anderen Seite. Und es waren nicht die Wächter, mit denen Elayne gerechnet hatte. An der Spitze der Gruppe stand ein Mann mit kurz geschnittenem schwarzen Haar, das an den Seiten dünner wurde, und einem gewaltigen Schnurrbart. Er trug braune Hosen und ein schwarzes Hemd; sein langer Mantel hatte Ähnlichkeit mit einer vorn geöffneten Robe.

Sylvases Sekretär! Hinter ihm befanden sich zwei Frauen, Temaile und Eldrith. Beide von der Schwarzen Ajah. Beide hielten die Quelle umarmt. Beim Licht!

Elayne unterdrückte ihre Überraschung, erwiderte ihren Blick und wich keinen Schritt zurück. Wenn sie eine Schwarze Schwester davon überzeugen konnte, eine Verlorene zu sein, dann konnte sie vielleicht auch drei von ihnen davon überzeugen. Temaile riss die Augen auf und warf sich auf die Knie, genau wie der Sekretär. Aber Eldrith zögerte. Elayne vermochte nicht mit Sicherheit zu sagen, ob es an ihrer Haltung, ihrer Verkleidung oder ihrer Reaktion auf die drei Neuankömmlinge lag. Vielleicht war es auch etwas ganz anderes. Auf jeden Fall ließ sich Eldrith nicht einschüchtern. Die Frau mit dem Mondgesicht fing an, die Macht zu lenken.

Elayne fluchte im Stillen und erschuf selbst Gewebe. Sie rammte eine Abschirmung gegen Eldrith, noch während sie fühlte, wie eine auf sie zuraste. Glücklicherweise hielt sie Mats lex’angreal. Das Gewebe löste sich auf, und das Medaillon in Elaynes Hand wurde eiskalt. Ihr Gewebe glitt mühelos zwischen Eldrith und die Quelle und schnitt sie davon ab. Das Glühen der Macht um sie herum erlosch.

»Was tust du da, du Närrin!«, kreischte Chesmal. »Du willst einen der Auserwählten überwältigen? Du wirst uns alle noch umbringen!«

»Das ist kein Auserwählter«, brüllte Eldrith zurück. Zu spät dachte Elayne daran, einen Knebel aus Luft zu weben. »Man hat dich reingelegt! Das ist…«

Elayne stopfte ihr den Knebel in den Mund, aber es war bereits zu spät. Temaile, die immer viel zu vornehm ausgesehen hatte, um eine Schwarze Schwester zu sein, umarmte die Quelle und sah auf. Chesmals Ausdruck verwandelte sich von Entsetzen in nackte Wut.

Mit rasender Schnelligkeit verknüpfte Elayne Eldriths Abschirmung und webte die nächste. Ein Gewebe Luft traf sie. Das Fuchskopf-Medaillon wurde kalt, und Elayne segnete Mat für seine genau zum richtigen Zeitpunkt erfolgte Leihgabe und platzierte eine Abschirmung zwischen Chesmal und der Quelle.

Temaile starrte Elayne ungläubig an, als ihre Gewebe versagten. Aber Sylvases Sekretär war nicht so langsam. Unerwartet warf er sich nach vorn und stieß Elayne wuchtig gegen die Mauer.

Ein greller Schmerz durchzuckte ihre Schulter; sie fühlte etwas brechen. Ihr Schulterblatt? Die Kinder!, schoss ihr durch den Kopf. Es war ein instinktives Aufblitzen aus Entsetzen und würgender Angst, das sämtliche Gedanken an Min und Sichten verdrängte. In ihrer Überraschung ließ sie das Wegetor zu ihrem Zimmer oben im Palast los. Es erlosch flackernd.

»Sie hat irgendein Ter’angreal«, rief Temaile. »Die Gewebe gleiten von ihr ab.«

Elayne stieß sich von der Wand ab und prallte gegen den Sekretär, setzte zu einem Gewebe Luft an, das ihn zurückstoßen sollte. Aber dabei krallte er nach ihrer Hand, da er dort vermutlich etwas Silbernes hatte aufblitzen sehen. Der Sekretär schloss die langen Finger in dem Augenblick um das Medaillon, in dem ihn Elaynes Luftstoß traf.

Der Mann wurde zurückkatapultiert, hielt das Medaillon aber fest. Elayne knurrte wütend. Temaile grinste bösartig, Gewebe aus Luft bildeten sich um sie. Sie schleuderte sie, aber Elayne begegnete ihnen mit ihren eigenen Geweben.

Die beiden Gewebe stießen zusammen und wühlten die Luft in dem kleinen Raum auf. Stroh flog in alle Richtungen. Der plötzliche Druckanstieg ließ Elaynes Ohren protestieren. Der dunkelhaarige Sekretär floh auf allen vieren vor der Schlacht, das Ter’angreal in der Faust. Elayne griff mit einem Gewebe danach – aber es löste sich auf.

Wütend schrie sie auf; in ihrer Schulter pochte der Schmerz, wo sie gegen die Wand geprallt war. In dem kleinen Raum war durch die vielen Leute kaum Platz, und Temaile stand in der Tür und hinderte den Sekretär unbeabsichtigt an der Flucht. Vielleicht war es auch Absicht; vermutlich wollte sie das Medaillon haben. Die anderen beiden Schwarzen Schwestern waren noch immer abgeschirmt und kauerten sich zusammen, während um sie herum der Wind tobte.

Elayne sog so viel Macht durch ihr Angreal, wie sie wagte, dann stemmte sie Gewebe gegen das von Temaile. Einen Augenblick lang rangen sie miteinander, dann gelang Elaynes Gewebe der Durchbruch, traf Temaile und schleuderte sie aus der Zelle gegen die Korridorwand. Elayne ließ eine Abschirmung folgen, allerdings sah es so aus, als hätte Temaile durch den Luftstoß das Bewusstsein verloren.

Der Sekretär schoss auf die Tür zu. Ein Stich der Panik durchzuckte Elayne. Sie tat das Einzige, das ihr einfiel. Mit einem Gewebe Luft warf sie Chesmal gegen den Mann.

Beide gingen zu Boden. Ein metallisches Klirren hallte durch die Zelle, als das Fuchskopf-Medaillon über den Boden durch die Tür rollte.

Elayne atmete tief ein; Schmerzen schossen durch ihre Brust, und ihr Arm erschlaffte. Sie konnte ihn nicht mehr richtig heben. Wütend hielt sie ihn mit der anderen Hand fest und klammerte sich an die Quelle. Die Süße Saidars war ein Trost. Sie webte Luft und fesselte Chesmal, den Sekretär und Eldrith, die versucht hatte, verstohlen auf sie zuzukriechen.

Sich zur Ruhe zwingend, drängte sich Elayne an ihnen vorbei aus der kleinen Zelle, um nach Temaile im Korridor zu sehen. Die Frau atmete noch, war aber in der Tat bewusstlos. Elayne fesselte zur Sicherheit auch sie, dann hob sie vorsichtig das Medaillon auf. Die Bewegung ließ sie zusammenzucken. Ja, sie hatte sich mit Sicherheit einen Knochen gebrochen.

Der dunkle Korridor war leer; seine vier Zellentüren wurden von einer einzigen Stehlampe erhellt. Wo waren die Gardisten und die Kusinen? Zögernd löste sie die Gewebe ihrer Tarnung auf – sie wollte nicht, dass eintreffende Soldaten sie für eine Schattenfreundin hielten. Jemand musste doch den Lärm gehört haben! Im Hinterkopf spürte sie Birgittes Sorge; ihre Behüterin hatte zweifellos ihre Verletzung gespürt und war bereits auf dem Weg.

Beinahe hätte Elayne die Schmerzen in ihrer Schulter dem Vortrag vorgezogen, den sie sich von Birgitte würde anhören müssen. Als sie daran dachte, zuckte sie wieder zusammen, dann drehte sie sich um und sah nach ihren Gefangenen. Sie musste noch die anderen Zellen überprüfen.

Natürlich würden ihre Kinder wohlauf sein. Die Schmerzen hatten sie überreagieren lassen; eigentlich hatte sie gar keine Angst verspürt. Trotzdem war es besser …

»Hallo, meine Königin«, flüsterte ihr ein Mann ins Ohr, bevor ein zweiter Schmerz durch ihre Seite fuhr. Sie keuchte auf und stolperte vorwärts. Eine Hand riss ihr das Medaillon aus den Fingern.

Elayne fuhr herum, und der Raum schien zu verschwimmen. Etwas Warmes floss ihr die Seite hinunter. Sie blutete! Sie war so verblüfft, dass ihr die Quelle entglitt.