Doilin Mellar stand im Korridor, in der Rechten ein blutiges Messer, in der Linken das Medaillon. Ein breites Lächeln, fast schon ein anzügliches Grinsen, ließ ihn das schmale Gesicht verziehen. Obwohl er nur Lumpen trug, sah er so selbstsicher aus wie ein König auf dem Thron.
Elayne zischte und griff nach der Quelle. Nichts geschah. Hinter ihr ertönte ein Kichern. Sie hatte vergessen, Chesmals Abschirmung zu verknüpfen! Sobald sie die Quelle losgelassen hatte, mussten sich die Gewebe aufgelöst haben. Elayne sah genau hin und entdeckte die Gewebe, die sie von der Quelle abschnitten.
Chesmals hübsches Gesicht war gerötet; sie lächelte Elayne an. Beim Licht! Zu Elaynes Füßen bildete sich eine Blutlache. Es wurde immer mehr.
Sie stolperte gegen die Korridorwand, Mellar auf der einen, Chesmal auf der anderen Seite.
Sie konnte unmöglich sterben. Min hatte gesagt… Wir könnten es falsch interpretieren, stiegen Birgittes Worte in ihrer Erinnerung auf. Alles Mögliche könnte trotzdem schiefgehen.
»Heilt sie«, sagte Mellar.
»Was?«, fragte Chesmal. Hinter ihr klopfte Eldrith sich in der Zellentür den Staub ab. Sie war zu Boden gestürzt, als sich Elaynes Luftgewebe aufgelöst hatten, aber die Abschirmung hatte noch immer Bestand. Die hatte Elayne ja auch verknüpft.
Denk nach, sagte sich Elayne, während ihr Blut zwischen den Fingern zu Boden tropfte. Es muss einen Ausweg geben. Das muss es! Beim Licht! Birgitte, beeil dich!
»Ihr sollt sie Heilen«, wiederholte Mellar. »Die Messerwunde sollte nur dafür sorgen, dass sie Euch loslässt.«
»Ihr seid ein Narr«, erwiderte Chesmal. »Wären die Gewebe verknüpft gewesen, hätte eine Verletzung uns nicht befreit!«
»Dann wäre sie eben gestorben.« Mellar zuckte mit den Schultern. Er musterte Elayne; in seinen hübschen Augen funkelte die Lust. »Und das wäre eine Schande gewesen. Denn sie wurde mir versprochen, Aes Sedai. Ich werde sie bestimmt nicht in diesem Kerker sterben lassen. Sie stirbt erst dann, wenn ich Zeit hatte, sie … zu genießen.« Er sah die Schwarze Schwester an. »Davon abgesehen, glaubt Ihr, dass die, denen wir dienen, erfreut sein würden, wenn sie wüssten, dass Ihr die Königin von Andor sterben ließet, ohne vorher ihre Geheimnisse zu ergründen?«
Chesmal sah unzufrieden aus, erkannte aber anscheinend die Weisheit in seinen Worten. Hinter ihnen schlüpfte der Sekretär aus der Zelle, schaute sich nach beiden Seiten um und eilte dann los, in Richtung Treppe. Chesmal trat zu Elayne. Glücklicherweise wurde ihr schwindlig. Sie lehnte den Rücken gegen die Wand, ohne die Schmerzen ihrer gebrochenen Schulter weiter wahrzunehmen, dann rutschte sie nach unten, bis sie auf dem Boden saß.
»Dummes Mädchen«, sagte Chesmal. »Ich habe deine List natürlich durchschaut. Ich habe dich hereingelegt, denn ich wusste, dass Hilfe unterwegs war.«
Die Worte klangen hohl; sie log nur wegen der anderen. Das Heilen. Elayne brauchte … das … Heilen. Ihr Verstand wurde immer benebelter, es wurde dunkel um sie. Sie legte die Hand an die Seite, verspürte schreckliche Angst um sich selbst, Angst um ihre Kinder.
Ihre Hand rutschte ab. Sie fühlte etwas durch den Stoff ihrer Tasche. Die Kopie des Fuchskopf-Medaillons.
Chesmal legte Elayne die Hände auf den Kopf und erschuf Heilgewebe. Elaynes Adern füllten sich mit Eiswasser, eine Welle der Macht überwältigte ihren Körper. Sie schnappte nach Luft, und die Schmerzen in ihrer Seite und ihrer Schulter verschwanden.
»So, erledigt«, sagte Chesmal. »Und jetzt schnell, wir müssen …«
Elayne riss das andere Medaillon heraus. Reflexartig griff Chesmal danach. Und konnte die Macht nicht länger lenken. Ihre Gewebe verschwanden, Elaynes Abschirmung eingeschlossen.
Fluchend ließ Chesmal das Medaillon fallen. Es rollte über den Boden, während sie eine neue Abschirmung webte.
Elayne hielt sich nicht mit einer Abschirmung auf. Dieses Mal webte sie Feuer. Einfach, direkt, gefährlich. Die Kleidung der Schwarzen Schwester flammte auf, bevor sie mit Weben fertig war, und Chesmal schrie auf.
Elayne zwang sich auf die Füße. Der Korridor drehte sich um sie – das Heilen hatte ihr viel abverlangt -, aber bevor das Karussell endete, webte sie einen weiteren Strang Feuer und schleuderte ihn auf Mellar. Er hatte das Leben ihrer Kinder in Gefahr gebracht! Er hatte auf sie eingestochen! Er …
Das Gewebe löste sich in dem Augenblick auf, in dem es ihn berührte. Er lächelte Elayne an und stoppte etwas mit dem Fuß. Das zweite Medaillon. »Was denn, noch eins?«, sagte er und hob es auf. »Wenn ich dich schüttle, fällt dann ein drittes heraus?«
Elayne fauchte. Chesmal brannte noch immer lichterloh und kreischte wie eine Wilde. Sie stürzte zu Boden und trat um sich, und der Korridor füllte sich mit dem beißenden Gestank von verbranntem Fleisch. Beim Licht! Elayne hatte sie nicht töten wollen. Aber nun galt es keine Zeit zu verlieren. Sie webte Luft und riss Eldrith wieder in die Höhe, bevor die Frau entkommen konnte. Stemmte sie zwischen sich und Mellar, nur für alle Fälle. Er sah aufmerksam zu und kam langsam näher, in der einen Hand die beiden Medaillons, in der anderen den Dolch. Er war noch immer mit Elaynes Blut befleckt.
»Wir sind noch nicht fertig miteinander, meine Königin«, sagte er leise. »Den anderen versprach man Macht. Aber meine Belohnung warst schon immer du. Ich bekomme immer, was man mir schuldet.« Er behielt Elayne sorgfältig im Auge, rechnete mit einer Finte.
Wäre ihr doch nur eine eingefallen. Sie konnte kaum aufrecht stehen. Die Quelle festzuhalten fiel schwer. Sie wich zurück, hielt Eldrith zwischen sich und Mellar. Sein Blick glitt zu der stämmigen Frau; Luft fesselte ihre Arme an die Seiten und ließ sie einen Zoll über dem Boden schweben. Mit einer ruckartigen Bewegung machte er einen Satz und schnitt Eldrith die Kehle durch.
Elayne zuckte zusammen und wich hektisch weiter zurück.
»Tut mir leid«, sagte Mellar, und Elayne brauchte einen Augenblick, bis sie begriff, dass er Eldrith meinte. »Aber Befehle sind Befehle.« Und er bückte sich und rammte den Dolch in Temailes bewusstlosen Körper.
Er durfte nicht mit den Medaillons entkommen! Mit einer verzweifelten Kraftanstrengung zog Elayne die Eine Macht in sich hinein und webte Erde. Und als sich Mellar aufrichtete, zerrte sie an der Decke über ihm. Steine zerbrachen und regneten in die Tiefe, ließen ihn aufschreien und den Kopf schützen, als er zurücksprang. Etwas klirrte durch die Luft. Metall auf Stein.
Der Korridor erbebte, eine Staubwolke wogte. Der Steinregen trieb Mellar fort, verhinderte aber auch, dass sie ihn verfolgte. Er verschwand rechts die Treppe hoch. Völlig erschöpft sank Elayne auf die Knie. Aber dann sah sie etwas zwischen dem Geröll der herabgestürzten Deckensteine glitzern. Etwas Silbernes. Eines der Medaillons.
Mit angehaltener Luft schnappte sie es sich. Und glücklicherweise entzog sich die Quelle nicht ihrem Griff. Mellar war anscheinend mit der Kopie entkommen, aber sie hatte noch immer das Original.
Seufzend gestattete sie sich, sich hinzusetzen und gegen die kalte Steinwand zu lehnen. Am liebsten hätte sie das Bewusstsein verloren, aber sie zwang sich dazu, das Medaillon in die Tasche zu stecken und wach zu bleiben, bis Birgitte in der Tür erschien. Die Behüterin keuchte heftig vom Laufen, ihr roter Mantel und der blonde Zopf waren nass vom Regen.
Hinter ihr betrat Mat den Gang, ein Halstuch vor dem Gesicht, das nasse braune Haar an den Kopf geklebt. Sein Blick huschte von Seite zu Seite, den Stab in seinen Händen kampfbereit.
Birgitte kniete an Elaynes Seite nieder. »Bist du verletzt?«, fragte sie drängend.
Elayne schüttelte erschöpft den Kopf. »Ich hatte alles im Griff.« Gewissermaßen. »Hast du zufällig der Welt einen Gefallen getan und Mellar unterwegs getötet?«
»Mellar?«, fragte Birgitte alarmiert. »Nein. Elayne, dein Kleid ist blutverschmiert!«