Chubain nickte, und Gawyn ging. Er holte seine Habseligkeiten aus der Unterkunft – es war kaum mehr als Kleidung zum Wechseln und ein Winterumhang -, begab sich zu den Ställen und sattelte Herausforderer.
Dann führte er sein Pferd zum Reisegelände. Dort tat rund um die Uhr eine Schwester Dienst; das hatte Egwene angeordnet. Die Aes Sedai – eine zierliche Grüne mit müdem Blick namens Nimri – stellte ihm keine Fragen. Sie erschuf ein Wegetor zu einem Hügel, der keine Reitstunde von Caemlyn entfernt lag.
Und so ließ er Tar Valon und Egwene al’Vere hinter sich zurück.
»Was ist das?«, verlangte Lan zu wissen.
Der gealterte Nazar schaute von seinen Satteltaschen auf. Der lederne Hadori hielt sein weißes Haar zurück. Neben ihrem Lager in der Mitte eines Waldes aus Hochlandkiefern plätscherte ein kleiner Bach. Diese Kiefern hätten nicht so viele braune Nadeln haben dürfen.
Nazar hatte etwas in die Tasche gestopft, und Län hatte zufällig etwas Goldenes funkeln gesehen. »Das hier?«, fragte Nazar. Er zog das Tuch hervor: eine strahlend weiße Flagge, in deren Mitte ein goldener Kranich aufgestickt war. Es war eine gelungene Arbeit, mit wunderbaren Stichen ausgeführt. Um ein Haar hätte Lan sie Nazar aus den Fingern und in zwei Hälften gerissen.
»Ich sehe Euren Gesichtsausdruck, Lan Mandragoran«, sagte Nazar. »Nun, bezieht das bloß nicht auf Euch. Ein Mann hat das Recht, die Flagge seines Königreichs mit sich zu tragen.«
»Nazar, Ihr seid ein Bäcker.«
»In erster Linie bin ich ein Grenzländer, mein Sohn«, erwiderte der Mann und verstaute das Banner. »Das ist mein Erbe.«
»Bah!«, schnaubte Lan und wandte sich ab. Die anderen brachen das Lager ab. Widerstrebend hatte er den drei Neuankömmlingen erlaubt, sich ihnen anzuschließen – sie waren so stur wie Wildschweine, und am Ende hatte er seinen Schwur erfüllen müssen. Er hatte versprochen, Gefolgsleute zu akzeptieren. Genau genommen hatten diese Männer nicht darum gebeten, an seiner Seite reiten zu dürfen. Sie taten es einfach. Das war genug. Und wenn sie schon in dieselbe Richtung reisten, dann machte es keinen Sinn, zwei Lager aufzuschlagen.
Lan trocknete sich das Gesicht weiter ab. Er hatte sich gewaschen, und Bulen machte gerade Brot zum Frühstück.
Dieser Kiefernhain befand sich im Osten Kandors; sie näherten sich der Grenze nach Arafel. Vielleicht konnte er ja …
Er erstarrte. In ihrem Lager standen neue Zelte. Eine Gruppe aus acht Männern plauderte mit Andere. Drei von ihnen waren ganz schön füllig um die Hüften – ihrer feinen Kleidung nach zu urteilen waren es keine Krieger, obwohl sie Malkieri zu sein schienen. Die anderen fünf waren alle Schienarer mit Haarknoten, Armschutz und Reiterbogen in Behältern auf ihrem Rücken, direkt neben den langen zweihändigen Schwertern.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Lan.
»Weilin, Managan und Gorenellin«, sagte Andere und zeigte auf die Malkieri. »Die anderen sind Qi, Joao, Merekel, Ianor, Kuehn …«
»Ich fragte nicht, wer«, sagte Lan mit kalter Stimme, »ich fragte, was. Was habt Ihr getan?«
Andere zuckte mit den Schultern. »Wir begegneten ihnen, bevor wir auf Euch stießen. Wir sagten ihnen, sie sollen an der Südstraße auf uns warten. Rakim holte sie vergangene Nacht, während Ihr schlieft.«
» Rakim sollte Wache halten!«
»Das habe ich für ihn getan«, sagte Andere. »Ich dachte mir, dass wir diese Burschen dabei haben wollen.«
Die drei dicken Kaufleute musterten Lan, dann gingen sie auf die Knie. Einer weinte ungehemmt. »Tai’shar Malkier.«
Die fünf Schienarer salutierten Lan. »Dai Shan«, sagte einer von ihnen.
»Wir haben für die Sache des Goldenen Kranichs mitgebracht, was wir konnten«, fügte einer der Kaufleute hinzu. »Alles, was wir in der kurzen Zeit zusammenbekommen haben. «
»Es ist nicht viel«, sagte der Dritte. »Aber wir geben Euch auch unserer Schwerter. Wir sehen vielleicht aus, als wären wir verweichlicht, aber wir können kämpfen. Wir werden kämpfen.«
»Ich brauche nichts davon«, sagte Lan verärgert. »Ich …«
»Bevor Ihr zu viel sagt, alter Freund, solltet Ihr Euch das hier vielleicht ansehen«, sagte Andere und legte Lan die Hand auf die Schulter. Er deutete mit dem Kopf zur Seite.
Lan runzelte die Stirn und hörte ein Klappern. Er trat an einer Baumgruppe vorbei und warf einen Blick auf den Pfad, der zum Lager führte. Zwei Dutzend Wagen näherten sich, jeder davon schwer mit Ausrüstungsgegenständen beladen – Waffen, Getreidesäcke, Zelte. Lan blinzelte. Ein gutes Dutzend Schlachtrösser waren in einer Reihe hintereinander angebunden, und die Wagen wurde von starken Ochsen gezogen. Daneben gingen Treiber und Diener.
»Als sie sagten, dass sie alles verkauft haben, was nur möglich war, um Ausrüstung zu kaufen«, sagte Andere, »da haben sie das auch so gemeint.«
»Aber damit können wir uns unmöglich unbemerkt fortbewegen!«, sagte Lan.
Andere zuckte mit den Schultern.
Lan holte tief Luft. Nun gut. Er würde sich damit abfinden müssen. »Unbemerkt zu reisen scheint sowieso unmöglich zu sein. Von jetzt an geben wir uns als Karawane aus, die Vorräte nach Schienar bringt.«
»Aber…«
»Ihr werdet es mir schwören«, sagte er und wandte sich den Männern zu. »Ein jeder von euch wird mir schwören, keinem zu enthüllen, wer ich bin, oder anderen eine Nachricht zu schicken, die möglicherweise auf der Suche nach mir sind. Ihr werdet es mir schwören!«
Nazar schien Einwände zu haben, aber Lan brachte ihn mit einem strengen Blick zum Schweigen. Einer nach dem anderen schworen sie.
Aus fünf waren Dutzende geworden, aber damit würde es aufhören.
24
Standhalten
Bettruhe«, verkündete Melfane und nahm das Ohr von der Holzröhre, die sie an Elaynes Brust gehalten hatte. Die Hebamme war eine kleine Frau mit dicken Wangen, die das Haar heute mit einem hellblauen Tuch zurückgebunden hatte. Ihr schlichtes Kleid war weiß und in einem dazu passenden Hellblau, als sollte es dem ständig bewölkten Himmel trotzen. »Wie bitte?«, fragte Elayne.
»Eine Woche«, sagte Melfane und drohte Elayne mit einem dicken Finger. »Ihr werdet eine Woche lang keinen Schritt laufen.«
Verblüfft blinzelte Elayne und vergaß einen Augenblick lang ihre Erschöpfung. Melfane lächelte fröhlich, als sie Elayne zu dieser unmöglichen Strafe verurteilte. Bettruhe? Eine ganze Woche lang?
Birgitte stand in der Tür, Mat war im Raum nebenan. Er hatte das Zimmer für Melfanes Untersuchung verlassen, aber ansonsten hielt er sich in ihrer Nähe auf und benahm sich beinahe genauso fürsorglich wie Birgitte. Allerdings hätte man ihren Worten nicht entnehmen können, dass sie überhaupt etwas für sie übrighatten – sie hatten versucht, einander mit ihren Flüchen zu übertrumpfen. Elayne hatte ein paar neue gelernt. Wer hätte je geahnt, dass Tausendfüßler solche Dinge taten?
Soweit es Melfane sagen konnte, hatten ihre Kinder keinen Schaden davongetragen. Das war der wichtige Teil. »Natürlich ist Bettruhe unmöglich«, sagte sie. »Ich habe viel zu viel zu tun.«
»Nun, dann müsst Ihr es eben vom Bett aus tun«, erwiderte Melfane freundlich, aber völlig kompromisslos. »Euer Körper und Eure Kinder haben eine große Belastung erfahren. Sie brauchen Zeit zur Erholung. Ich kümmere mich um Euch und sorge dafür, dass Ihr einen strikten Speiseplan einhaltet.«
»Aber…«
»Keine Ausreden«, unterbrach Melfane sie.
»Ich bin die Königini«, rief Elayne außer sich.
»Und ich bin die Hebamme der Königin«, erwiderte Melfane noch immer ruhig. »Es gibt im Palast nicht einen Soldaten oder Diener, der mir nicht hilft, falls ich entscheide, dass Eure Gesundheit und die Eurer Kinder in Gefahr sind.« Sie erwiderte Elaynes Blick. »Möchtet Ihr mich auf die Probe stellen, Euer Majestät?«