Elayne zuckte zusammen. Sie stellte sich vor, wie ihre eigenen Gardistinnen ihr verboten, die eigenen Gemächer zu verlassen. Oder noch schlimmer, sie fesselten. Sie warf Birgitte einen Blick zu, fand aber nur ein zufriedenes Nicken. Das hast du dir redlich verdient, schien das Nicken zu besagen.
Elayne lehnte sich frustriert in ihrem Bett zurück. Es war ein gewaltiges Himmelbett in roten und weißen Farben. Der Raum war überladen; diverse Gegenstände aus Kristall und Rubin funkelten. Er würde in der Tat einen prächtigen goldenen Käfig abgeben. Beim Licht! Das war nicht gerecht! Sie knöpfte ihr Gewand zu.
»Wie ich sehe, wollt Ihr mein Wort nicht auf die Probe stellen«, sagte Melfane und stand von der Bettkante auf. »Ihr zeigt Weisheit.« Sie schaute Birgitte an. »Ich erlaube Euch eine Weile mit dem Generalhauptmann, um die Ereignisse des Abends zu besprechen. Aber nicht länger als eine halbe Stunde, verstanden? Ich lasse nicht zu, dass Ihr Euch überanstrengt!«
»Aber …«
Melfane drohte ihr wieder mit dem Finger. »Eine halbe Stunde, Euer Majestät. Ihr seid eine Frau, kein Zugpferd. Ihr braucht Ruhe und Pflege.« Sie wandte sich wieder Birgitte zu. » Regt sie nicht zu sehr auf.«
»Würde mir im Traum nicht einfallen«, sagte Birgitte. Ihre Wut schwand endlich und wurde von Belustigung ersetzt. Unerträgliche Frau.
Melfane zog sich in das äußere Gemach zurück. Birgitte blieb, wo sie war, und betrachtete Elayne durch die zusammengekniffenen Augen. Durch den Bund brodelte noch immer Unmut. Sie musterten sich einen langen Augenblick.
»Elayne Trakand, was sollen wir bloß mit dir machen?«, fragte Birgitte schließlich.
»Wie es aussieht, mich in meinem Schlafzimmer einschließen«, fauchte Elayne.
»Keine schlechte Lösung.«
»Und würdest du mich für alle Ewigkeit hier behalten? So wie Gelfina aus den Sagen, die man tausend Jahre lang in einem vergessenen Turm wegsperrte?«
Birgitte seufzte. »Nein. Aber sechs Monate würden mich schon sehr beruhigen.«
»Dafür haben wir keine Zeit«, erwiderte Elayne. »In diesen Tagen haben wir für nichts Zeit. Risiken müssen eingegangen werden.«
»Risiken, bei denen die Königin von Andor allein loszieht, um einer Horde Schwarzer Ajah gegenüberzutreten? Du bist wie ein vom Blut berauschter Narr auf dem Schlachtfeld, der seinen Kameraden vorausstürmt und den Tod sucht, ohne dass sein Schildkamerad seinen Rücken deckt!«
Der Zorn in den Worten der Frau ließ Elayne blinzeln.
»Vertraust du mir nicht, Elayne?«, fragte Birgitte. »Würdest du mich loswerden, wenn du könntest?«
»Was? Nein! Natürlich vertraue ich dir.«
»Und warum lässt du mich dann nicht helfen? Eigentlich sollte es mich jetzt hier gar nicht geben. Ich habe keinen Daseinszweck abgesehen von dem, der sich zufällig ergibt. Du hast mich zu deiner Behüterin gemacht, aber du erlaubst nicht, dass ich dich beschütze! Wie soll ich deine Leibwächterin sein, wenn du mir nicht sagst, dass du dich in Gefahr begibst?«
Am liebsten hätte sich Elayne die Decke über den Kopf gezogen, um sich vor diesem Blick zu verbergen. Wie konnte sich Birgitte nur so verletzt fühlen? Schließlich war sie diejenige, die verwundet worden war! »Falls es etwas bedeutet«, sagte sie, »ich habe nicht die Absicht, das zu wiederholen.«
»Nein. Du wirst etwas anderes finden, das genauso tollkühn ist.«
»Ich meine, ich will vorsichtiger sein. Vielleicht hast du recht und die Sicht ist keine perfekte Garantie. Sie hat jedenfalls nicht verhindert, dass ich in Panik geriet, als ich eine richtige Gefahr verspürte.«
»Du hast keine Gefahr gefühlt, als dich die Schwarze Ajah einsperrte und wegschaffen wollte?«
Elayne zögerte. Eigentlich hätte sie sich damals fürchten müssen, aber das hatte sie nicht. Nicht nur wegen Mins Sicht. Die Schwarze Ajah hätte sie niemals getötet, nicht unter diesen Umständen. Sie war zu wertvoll.
Zu fühlen, wie das Messer in sie eindrang, ihre Haut durchbohrte und sich ihrem Schoß entgegengrub … das war anders gewesen. Das Entsetzen. Sie konnte sich daran erinnern, wie es um sie herum dunkel wurde, ihr Herz wild pochte und lauter wurde wie die Trommeln am Ende einer Vorstellung. Die, die vor der Stille kamen.
Birgitte betrachtete sie abschätzend. Sie bekam ihre Gefühle mit. Elayne war die Königin. Sie konnte Risiken nicht meiden. Aber … vielleicht konnte sie sich zügeln.
»Nun«, sagte Birgitte, »hast du wenigstens etwas entdeckt?«
»Das habe ich. Ich …«
In diesem Augenblick erschien ein von einem Tuch verhülltes Gesicht in der Tür. Mat hatte die Augen fest geschlossen. »Bist du angezogen?«
»Ja«, sagte Elayne. »Und zwar weitaus besser als du, Matrim Cauthon. Das Halstuch sieht lächerlich aus.«
Er runzelte die Stirn, öffnete die Augen und zog das Tuch ab, um sein Gesicht zu enthüllen. »Versuch du einmal, durch die Stadt zu gehen, ohne erkannt zu werden«, sagte er. »Jeder Metzger, Wirt und verdammter Hinterzimmerlangfinger scheint zu wissen, wie ich aussehe.«
»Die Schwarzen Schwestern wollten dich ermorden lassen«, sagte Elayne.
»Was?«, fragte Mat.
Elayne nickte. »Eine hat dich erwähnt. Anscheinend suchen die Schattenfreunde schon längere Zeit nach dir, um dich zu töten.«
Birgitte zuckte mit den Schultern. »Es sind Schattenfreunde. Zweifellos wollen sie uns alle tot sehen.«
»Das war etwas anderes. Es erschien… verbissener. Ich schlage vor, du passt in nächster Zeit gut auf dich auf.«
»Das will ich sehen«, bemerkte Birgitte. »Wenn man bedenkt, dass er gar nicht weiß, wie so etwas geht.«
Mat verdrehte die Augen. »Habe ich irgendwie deine Erklärung verpasst, was du in dem verdammten Kerker zu suchen hattest, wo du in deinem eigenen Blut gehockt und ausgesehen hast, als hättest du in einem Scharmützel auf dem Schlachtfeld zu den Verlierern gehört?«
»Ich habe die Schwarzen Ajah verhört«, erwiderte Elayne. »Die Einzelheiten gehen dich nichts an. Birgitte, was ist mit dem Bericht vom Palastgelände?«
»Niemand hat Mellar gesehen«, sagte die Behüterin. »Allerdings fanden wir draußen die Leiche des Sekretärs; sie war noch warm. Starb durch einen Messerstich in den Rücken.«
Elayne seufzte. »Shiaine?«
»Weg. Zusammen mit Marillin Gemalphin und Falion Bhoda.«
»Der Schatten konnte sie nicht in unserer Gewalt lassen«, sagte Elayne und seufzte erneut. »Sie wussten zu viel. Man konnte sie nur retten oder hinrichten.«
Mat zuckte mit den Schultern. »Nun, du lebst, und drei von ihnen sind tot. Klingt nach einem halbwegs vernünftigen Ergebnis.«
Aber der, der entkam, hat eine Kopie deines Medaillons, dachte Elayne. Aber das behielt sie für sich. Sie erwähnte auch nichts von der Invasion, von der Chesmal gesprochen hatte. Natürlich würde sie das bald mit Birgitte besprechen, aber zuerst wollte sie selbst darüber nachdenken.
Mat war der Ansicht, dass die Ereignisse dieser Nacht ein »halbwegs vernünftiges Ergebnis« gebracht hatten. Aber je länger Elayne darüber nachdachte, desto unzufriedener wurde sie. Eine Invasion Andors stand unmittelbar bevor, aber sie kannte den Zeitpunkt nicht. Der Schatten wollte Mat tot sehen, aber das war keine Überraschung, wie Birgitte so treffend bemerkt hatte. Tatsächlich war das einzige unumstößliche Ergebnis dieses abendlichen Abenteuers die Erschöpfung, die Elayne verspürte. Das und die Woche, die sie in ihren Gemächern zu verbringen hatte.
»Mat«, sagte sie und nahm sein Medaillon ab. »Hier, es ist Zeit, dass ich es dir zurückgebe. Du solltest wissen, dass es mir heute Abend vermutlich das Leben gerettet hat.«
Er nahm es begierig entgegen, dann zögerte er. »Konntest du es…«
»Kopieren? Nicht richtig. Aber im Grunde schon.«
Er legte es wieder an, sah aber besorgt aus. »Es fühlt sich gut an, es wiederzuhaben. Übrigens wollte ich dich etwas fragen. Aber jetzt dürfte dafür nicht der richtige Zeitpunkt sein.«
»Nun sag schon«, erwiderte Elayne müde. »Darauf kommt es auch nicht mehr an.«