Perrin versetzte sich, schlug die Augen auf. Er hockte in einem Feld an der Jehannahstraße. Hier war Eichentänzerins Rudel zuvor hingelaufen; Springer schlich über die Wiese und roch nach Neugier. Das Rudel war weitergezogen, aber es befand sich noch immer in der Nähe.
»Kann ich das immer tun?«, fragte Perrin den Wolf. »Riechen, wo ein Wolf im Traum hinging?«
Das kann jeder, erwiderte Springer. Wenn er wie ein Wolf riechen kann. Er grinste.
Perrin nickte nachdenklich.
Springer schaute ihn über die Wiese hinweg an. Wir müssen üben, Junger Bulle. Du bist noch immer ein Welpe mit kurzen Beinen und weichem Fell. Wir…
Springer erstarrte plötzlich.
»Was ist?«
Ein Wolf heulte schmerzerfüllt. Perrin fuhr herum. Es war Morgenlicht. Das Heulen verstummte wie abgeschnitten, und das Bewusstsein des Wolfs verschwand.
Springer knurrte. Er roch panisch, wütend und traurig.
»Was war das?«, wollte Perrin wissen.
Man jagt uns. Geh, Junger Bulle! Wir müssen gehen.
Die anderen Rudelmitglieder sprangen weg. Perrin knurrte. Starb ein Wolf im Wolfstraum, starb er für immer. Es gab keine Wiedergeburt, keine Jagd mit der Nase im Wind. Nur einer jagte die Geister von Wölfen.
Der Schlächter.
Junger Bulle! Wir müssen gehen!
Perrin knurrte immer noch. Morgenlicht hatte einen letzten Ausbruch von Überraschung und Schmerzen geschickt, ihr letzter Blick auf die Welt. Perrin formte ein Bild aus dem Wirrwarr. Dann schloss er die Augen. Junger Bulle! Nein! Er…
Ortswechsel. Perrin riss die Augen auf und fand sich auf einer kleinen Lichtung in der Nähe der Stelle wieder, wo seine Leute in der realen Welt ihr Lager aufgeschlagen hatten. In der Mitte der Lichtung kauerte ein muskulöser, gebräunter Mann mit dunklem Haar und blauen Augen. Vor ihm lag ein Wolfskadaver. Der Schlächter war ein Mann mit kräftigen Armen, und er roch leicht unmenschlich, wie ein mit Stein vermischter Mensch. Er war dunkel gekleidet; Leder und schwarze Wolle. Er hatte gerade damit begonnen, den Kadaver zu häuten.
Perrin stürmte los. Der Schlächter schaute überrascht auf. Er hatte eine fast schon unheimliche Ähnlichkeit mit Lan, sein hartes Gesicht bestand nur aus scharfen, kantigen Zügen. Perrin brüllte auf und hielt plötzlich einen Hammer in Händen.
Der Schlächter verschwand in der Spanne eines Blinzeins, und der Hammer teilte nur die Luft. Perrin atmete tief ein. Die Gerüche waren da. Salzwasser und durchnässtes Holz. Möwen und ihre Exkremente. Perrin griff auf seine neu errungenen Fertigkeiten zurück und schleuderte sich an den fernen Ort.
Ortswechsel.
Er erschien auf einem leeren Dock in einer ihm unbekannten Stadt. Der Schlächter stand in der Nähe und inspizierte seinen Bogen.
Perrin griff an. Der Schlächter hob den Kopf, und seine Augen weiteten sich; er roch erstaunt. Er riss den Bogen hoch, um den Schlag abzuwehren, aber Perrins Hieb zerschmetterte ihn.
Aufbrüllend riss Perrin die Waffe zurück und schwang sie erneut, zielte dieses Mal auf den Kopf des Schlächters. Seltsamerweise lächelte der Mann, in seinen dunklen Augen funkelte es belustigt. Mit einem Mal roch er begierig. Begierig zu töten. In seiner erhobenen Hand erschien ein Schwert, und er parierte Perrins Hieb.
Der Hammer prallte viel zu hart ab, als hätte er einen Stein getroffen. Perrin stolperte, und der Schlächter legte ihm die Hand auf die Schulter. Und stieß ihn zurück.
Seine Kraft war gewaltig. Der Stoß warf Perrin rückwärts auf das Dock, aber das Holz verschwand, als er auftraf. Er flog weiter durch die Luft und landete im Wasser. Sein wütendes Brüllen verwandelte sich in ein Gurgeln; dunkle Flüssigkeit umgab ihn.
Mühsam schwamm er nach oben, ließ den Hammer los, aber unerklärlicherweise war die Oberfläche zu Eis gefroren. Seile peitschten aus der Tiefe, schlangen sich um seine Arme und rissen ihn zurück. Ein Schatten bewegte sich über der Eisdecke. Der Schlächter, der seinen wiederhergestellten Bogen hob.
Das Eis verschwand, und das Meer teilte sich. Wasser strömte von Perrins Gestalt, und er starrte auf einen Pfeil, der direkt auf sein Herz zielte.
Der Schlächter ließ die Sehne los.
Perrin versetzte sich mit der Kraft seines Willens.
Ortswechsel. Keuchend landete er auf dem Felsen, auf dem er zuvor mit Springer gewesen war. Er fiel auf die Knie, Meerwasser strömte von seinem Körper. Er rang nach Luft, wischte sich mit pochendem Herzen das Gesicht.
Hechelnd erschien Springer an seiner Seite. Der Wolf verströmte den Geruch von Wut. Dummer Welpe! Verrückter Welpe! Bist kaum entwöhnt und willst einen Löwen erlegen?
Perrin setzte sich zitternd auf. Würde der Schlächter ihm folgen? Konnte er das überhaupt? Als die Minuten vergingen und niemand kam, fing er an sich zu entspannen. Der Kampf mit dem Schlächter war so schnell geschehen, dass er ihm unwirklich vorkam. Diese Kraft… kein Mann sollte solche Kräfte haben. Und das Eis, die Seile …
»Er veränderte Dinge«, sagte Perrin. »Ließ unter mir das Dock verschwinden, erschuf Seile, um mich zu fesseln, verdrängte das Wasser, um freie Schussbahn zu haben.«
Er ist ein Löwe. Er tötet. Ist gefährlich.
»Ich muss lernen. Ich muss mich ihm stellen, Springer.«
Du bist zu jung. Diese Dinge sind zu groß für dich.
»Zu jung?« Perrin stand auf. »Springer, die Letzte Jagd ist fast da!«
Springer legte sich hin, bettete den Kopf auf die Pfoten.
»Du sagst mir immer, ich sei zu jung«, sagte Perrin. »Oder dass ich nicht weiß, was ich tue. Nun, warum mich unterrichten, wenn du mir nicht zeigst, wie man gegen Männer wie den Schlächter kämpft?«
Wir werden sehen. Für diese Nacht gehst du. Wir sind fertig -
Perrin spürte einen trauernden Unterton in der Botschaft und Entschlossenheit. Heute Nacht würden Eichentänzerins Rudel und Springer um Morgenlicht trauern.
Seufzend setzte sich Perrin mit untergeschlagenen Beinen hin. Er konzentrierte sich, und es gelang ihm die Dinge zu imitieren, die Springer getan hatte, um ihn aus dem Traum zu werfen.
Die Umgebung verblich um ihn herum.
Er erwachte auf der Pritsche in dem dunklen Zelt. Faile schmiegte sich an ihn.
Eine Weile lag er einfach nur da und starrte zur Decke hoch. Die Dunkelheit erinnerte ihn an den stürmischen Himmel des Wolfstraums. Schlaf erschien so fern wie Caemlyn. Schließlich löste er sich vorsichtig von Faile, stand auf und zog Hosen und Hemd an.
Im Lager war es dunkel, aber für seine Augen reichte das Licht. Er nickte Kenly Maerin und Jaim Dawtry zu, den beiden Männern von den Zwei Flüssen, die heute Nacht sein Zelt bewachten.
»Wie spät ist es?«, fragte er.
»Nach Mitternacht, Lord Perrin«, sagte Jaim.
Perrin grunzte. In der Ferne erhellten Blitze die Landschaft. Er ging ein paar Schritte, und die Männer schlossen sich ihm an. »Ich brauche keine Wächter«, sagte er. »Passt auf mein Zelt auf – Lady Faile schläft noch.«
Sein Zelt stand in der Nähe des Lagerrandes. Ihm gefiel das; die Nähe des Hügels an der westlichen Lagerseite verstärkte das Gefühl der Abgeschiedenheit. Trotz der späten Stunde schärfte Gaul neben einem umgestürzten Baumstamm seine Speere. Der hochgewachsene Steinhund stand auf und folgte ihm, und Perrin schickte ihn nicht weg. Gaul war der Ansicht, seiner selbstauferlegten Pflicht, auf Perrin aufzupassen, in letzter Zeit nicht ausreichend nachgekommen zu sein, und hatte seine Bemühungen verstärkt. Perrin glaubte, dass er eigentlich nur einen Vorwand suchte, um von seinem Zelt und den beiden Gai’schain-Frauen wegzubleiben, die sich dort eingenistet hatten.
Gaul hielt Abstand, worüber Perrin froh war. Empfanden alle Anführer so? Kein Wunder, dass so viele Nationen irgendwann miteinander Krieg führten – ihre Führer hatten niemals Gelegenheit, in Ruhe nachzudenken, und griffen vermutlich an, damit ihre Leute endlich aufhörten, sie zu bedrängen!