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Ein kurzes Stück entfernt betrat er eine kleine Baumgruppe, in der aufgeschichtetes Holz lag. Sein Diener Denton, der Lamgwin bis zu dessen Rückkehr vertrat, hatte die Stirn gerunzelt, als Perrin darum gebeten hatte. Denton war einst ein unbedeutender Lord in Cairhien gewesen, der sich geweigert hatte, seine Stellung wieder einzunehmen. Er betrachtete sich jetzt als Diener, und niemand konnte ihn vom Gegenteil überzeugen.

Dort lag eine Axt. Nicht die tödliche halbmondförmige Klinge, die er in der Schlacht getragen hatte, sondern eine stabile Holzfälleraxt mit einem prächtigen Stahlkopf und einem von verschwitzten Arbeiterhänden geglätteten Schaft. Perrin rollte die Ärmel auf, dann spuckte er in die Hände und nahm die Axt. Es fühlte sich gut an, das abgenutzte Holz in den Händen zu halten. Er legte sie sich auf die Schulter, stellte das erste Scheit auf, trat dann einen Schritt zurück und schwang die Axt.

Er traf das Scheit beim ersten Mal. Splitter flogen in die dunkle Nachtluft, das Holz teilte sich. Als Nächstes spaltete er eine der Hälften. Gaul setzte sich neben einen Baum, zog einen Speer und machte damit weiter, die Klinge zu schärfen. Das Scharren aufeinandertreffenden Metalls begleitete das dumpfe Dröhnen von Perrins Axt auf dem Holz.

Es fühlte sich gut an. Warum funktionierte sein Verstand so viel besser, wenn er sich beschäftigte? Loial sprach oft vom Sitzen und Denken. Perrin glaubte nicht, auf diese Weise jemals etwas ergründen zu können.

Er spaltete das nächste Scheit. Stimmte das wirklich? Konnte er seine eigene Natur für seine Handlungen verantwortlich machen und nicht die Wölfe? Daheim in den Zwei Flüssen hatte er sich nie so verhalten.

Er spaltete das nächste Scheit. Ich war immer gut darin, mich auf eine Sache zu konzentrieren. Das hatte zu den Dingen gehört, die Meister Luhhan beeindruckt hatten. Man übertrug ihm eine Aufgabe, und er arbeitete daran, bis sie erledigt war.

Er spaltete die Hälften des Scheits.

Vielleicht lag es ja an seiner Begegnung mit der Welt, dass er sich so verändert hatte. Er machte die Wölfe für vieles verantwortlich, und er hatte Springer unmöglich zu erfüllende Dinge abverlangt. Wölfe waren weder dumm noch einfältig, aber sie betrachteten die Dinge auf eine andere Weise als die Menschen. Es musste Springer sehr schwergefallen sein, ihn auf eine Weise zu unterrichten, die er verstand.

Was schuldete der Wolf ihm? Springer war während dieser schicksalhaften Nacht vor so langer Zeit gestorben. Die Nacht, in der er seinen ersten Mann getötet hatte, die Nacht, in der er im Kampf das erste Mal die Kontrolle über sich verloren hatte. Springer schuldete ihm nicht das Geringste, hatte ihn aber bei mehreren Gelegenheiten gerettet – tatsächlich wurde ihm klar, dass Springers Eingreifen ihm dabei geholfen hatte, sich nicht im Wolf zu verlieren.

Er schlug auf das Holz ein, ein schlecht gezielter Schlag, der an der Seite abglitt und es umstieß. Er stellte das Scheit wieder auf und machte weiter – Gauls stummes Speerschärfen beruhigte ihn. Sauber teilte die Axt das Holz.

Er ließ sich von den Dingen vereinnahmen, die er tat, vielleicht sogar zu sehr. Das stimmte schon.

Andererseits, wollte man je etwas erreichen, dann musste man so lange an einer Sache arbeiten, bis sie erledigt war. Er kannte viele Männer, die anscheinend niemals etwas zu Ende brachten, und ihre Höfe befanden sich in einem schlimmen Zustand. So konnte er nicht leben.

Es musste ein Gleichgewicht geben. Er hatte immer behauptet, in eine Welt gestoßen worden zu sein, deren zahllose Probleme so viel größer als er waren. Er hatte von sich behauptet, nur ein einfacher Mann zu sein.

Was, wenn er sich irrte? Was, wenn er ein komplizierter Mann war, der einst nur zufällig ein einfaches Leben gelebt hatte? Denn wenn er tatsächlich so schlicht war, wieso hatte er sich dann in eine so komplizierte Frau verliebt?

Das gespaltete Holz häufte sich. Perrin bückte sich und sammelte es auf; die Maserung fühlte sich auf seiner Haut rau an. Schwielige Finger; er würde nie ein Lord wie diese verwöhnten Kreaturen aus Cairhien sein. Aber es gab auch eine andere Sorte von Lord, Männer wie Failes Vater. Oder Männer wie Lan, die mehr Waffe als Mann zu sein schienen.

Perrin stapelte das Holz auf. Es machte ihm Spaß, die Wölfe in seinem Traum anzuführen, aber Wölfe erwarteten auch nicht von einem, dass man sie beschützte oder für sie sorgte oder für sie Gesetze machte. Sie klagten einen nicht an, wenn ihre geliebten Angehörigen unter seinem Kommando starben.

Nicht die Führung bereitete ihm Sorgen. Sondern all die Dinge, die sie mit sich brachte.

Die Luft trug den Geruch des sich nähernden Elyas heran.

Mit seinem natürlichen, erdigen Duft roch er wie ein Wolf. Zumindest beinahe.

»Du bist aber noch spät auf«, sagte Elyas. Perrin hörte, wie Gaul seinen Speer raschelnd an seinem angestammten Platz im Bogenköcher verstaute und sich dann mit der Lautlosigkeit eines in den Himmel aufsteigenden Spatzen zurückzog. Er würde in der Nähe bleiben, aber er würde nicht zuhören.

Perrin schaute in den dunklen Himmel, dann legte er die Axt auf die Schulter. »Manchmal fühle ich mich nachts lebendiger als tagsüber.«

Elyas lächelte. Perrin sah es nicht, aber er konnte die Belustigung riechen.

»Hast du je versucht, das alles zu meiden?«, fragte Perrin. »Ihre Stimmen zu ignorieren, einfach so zu tun, als hätte sich nichts an dir verändert?«

»Das habe ich«, erwiderte Elyas. Seine Stimme war leise und weich; irgendwie erinnerte sie an in Bewegung geratenes Erdreich. An fernen Donner. »Ich wollte es, aber dann wollten die Aes Sedai mich einer Dämpfung unterziehen. Ich musste fliehen.«

»Vermisst du dein altes Leben?«

Elyas zuckte mit den Schultern – Perrin konnte die Bewegung hören, der Stoff, der gegeneinander schabte. »Kein Behüter will seine Pflicht im Stich lassen. Aber manchmal sind andere Dinge wichtiger. Oder … vielleicht verlangen sie auch einfach mehr. Ich bereue meine Entscheidungen nicht.«

»Ich kann nicht gehen, Elyas. Ich werde es auch nicht.«

»Ich habe mein Leben für die Wölfe hinter mir gelassen. Das bedeutet noch lange nicht, dass du das auch tun musst.«

»Noam blieb keine andere Wahl.«

»Hatte er die wirklich nicht?«

»Es verschlang ihn. Er hörte auf, ein Mensch zu sein.« Da war ein Hauch von Sorge. Elyas wusste darauf keine Antwort.

»Besuchst du die Wölfe je im Traum?«, fragte Perrin. »An einem Ort, an dem tote Wölfe wieder laufen und leben?«

Elyas drehte sich um und musterte ihn. »Dieser Ort ist gefährlich. Es ist eine andere Welt, auch wenn sie irgendwie mit der hier verbunden ist. Legenden zufolge konnten die Aes Sedai der Vergangenheit sie betreten.«

»Und andere Leute auch«, sagte Perrin und musste an den Schlächter denken.

»Sei in diesem Traum vorsichtig. Ich halte mich davon fern.« Sein Geruch kündete von Vorsicht.

»Fällt es dir jemals schwer?«, wollte Perrin wissen. »Dich von dem Wolf zu trennen?«

»Früher schon.«

»Aber heute nicht mehr?«

»Ich habe ein Gleichgewicht gefunden«, sagte Elyas. » Wie?«

Der ältere Mann schwieg einen Augenblick lang. »Ich wünschte, ich könnte das sagen. Es war einfach etwas, das ich lernte, Perrin. Etwas, das du lernen musst.«

Oder du endest wie Noam. Perrin erwiderte den Blick aus Elyas’ goldenen Augen, dann nickte er. »Danke.«

»Für den Rat?«

»Nein«, sagte Perrin. »Dafür, dass du zurückgekommen bist. Dass du mir gezeigt hast, dass zumindest einer von uns mit den Wölfen leben kann, ohne sich darin zu verlieren.«

»Das war doch nicht der Rede wert«, sagte Elyas. »Ich hatte ganz vergessen, dass es durchaus nett sein kann, sich zur Abwechslung mal mit Menschen zu umgeben. Aber ich weiß nicht, wie lange ich bleiben kann. Die Letzte Jagd ist fast da.«

Perrin schaute wieder zum Himmel. »Das ist sie. Teile bitte Tarn und den anderen in meinem Namen Folgendes mit. Ich habe mich entschieden. Die Weißmäntel haben ein Schlachtfeld bestimmt. Ich habe mich entschieden, sie morgen zu treffen.«