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Jemand hatte die Straße blockiert. Andere Zufahrtswege zu den Docks sahen gleichermaßen versperrt aus. Uniformierte Soldaten spähten nervös hinter der Barrikade hervor, als Rands Streitmacht heranmarschiert kam.

»Bleibt sofort stehen!«, rief eine Stimme. »Wir haben keine …«

Rand hob die Hand und schwenkte sie. Die aus Möbeln und Planken gebildete Barrikade knirschte, dann rutschte sie ächzend zur Seite. Männer dahinter schrien auf, brachten sich in Sicherheit.

Rand ließ die Trümmer am Straßenrand liegen. Er setzte sich wieder in Bewegung, und Min konnte den Frieden in ihm spüren. Eine zerlumpt aussehende Gruppe aus Männern mit Keulen stand mit weit aufgerissenen Augen auf der Straße. Rand suchte sich einen von ihnen aus. »Wer versperrt meinem Volk den Weg zu diesem Dock und will Lebensmittel für sich selbst horten? Ich will… mit dieser Person sprechen.«

»Mein Lord Drache?«, fragte eine überraschte Stimme.

Min warf einen Blick zur Seite. Ein hochgewachsener schlanker Mann in einem roten Domanimantel eilte von den Docks auf sie zu. Einst war sein Hemd kostbar und mit Rüschen versehen gewesen, aber jetzt war es zerknittert und zerlumpt. Er sah erschöpft aus.

Wie hieß er noch mal?, dachte Min. Iralin. Das ist es. Der Dockmeister.

»Iralin?«, fragte Rand. »Was geht hier vor? Was habt Ihr getan?«

»Was ich getan habe?«, rief der Mann. »Ich habe versucht, alle davon abzuhalten, diese Schiffe zu stürmen, um sich verdorbene Lebensmittel zu holen! Jeder, der davon isst, wird krank und stirbt. Die Leute hören nicht auf uns. Mehrere Gruppen wollten die Docks stürmen, also entschied ich, sie keinen Selbstmord begehen zu lassen, indem sie davon essen.«

Die Stimme des Mannes war nie zuvor so wütend gewesen. In Mins Erinnerung war er friedlich gewesen.

»Lady Chadmar floh eine Stunde nach Eurem Aufbruch«, fuhr Iralin fort. »Die anderen Mitglieder des Kaufmannsrates flüchteten im Laufe dieses Tages. Diese verdammten Meervolk-Leute wollen nicht ablegen, bevor sie ihre Ladung gelöscht haben – oder ich sie bezahle, damit sie etwas anderes tun. Also habe ich darauf gewartet, dass die Stadt verhungert, diese Nahrung isst und stirbt, oder in einem weiteren Aufruhr aus Feuer und Tod untergeht. Das habe ich hier getan! Was habt Ihr getan, Lord Drache?«

Rand schloss die Augen und seufzte. Er entschuldigte sich nicht bei Iralin wie bei den anderen; vielleicht war ihm klar, dass das nichts bedeutet hätte.

Min funkelte Iralin finster an. »Er trägt viele Lasten auf seinen Schultern, Kaufmann. Er kann nicht auf jeden einzelnen …«

»Schon gut, Min«, sagte Rand, legte ihr die Hand auf den Arm und öffnete die Augen. »Das ist nicht mehr, als ich verdient habe, Iralin. Bevor ich die Stadt verließ, sagtet Ihr mir, dass die Lebensmittel auf diesen Schiffen verdorben sind. Habt Ihr jedes Fass und jeden Sack überprüft?«

»Ich habe genug davon überprüft«, erwiderte Iralin noch immer feindselig. »Wenn man hundert Säcke öffnet und in jedem das Gleiche findet, dann ist einem das Muster klar. Meine Frau hat versucht, eine sichere Methode zu finden, das verdorbene Korn vom unversehrten zu trennen. Falls es überhaupt unversehrtes gibt.«

Rand ging auf die Schiffe zu. Iralin folgte ihm. Er sah verwirrt aus, vielleicht weil Rand ihn nicht angebrüllt hatte. Min folgte ihnen. Rand trat an ein tiefliegendes und vertäutes Schiff des Meervolks. Eine Gruppe Seeleute lungerte dort herum.

»Ich möchte eure Segelherrin sprechen«, rief Rand.

»Das bin ich«, erwiderte eine der Frauen. Ihr glattes schwarzes Haar war mit grauen Strähnen durchzogen, und ihre rechte Hand wies Tätowierungen auf. »Milis din Shalada Drei Sterne.«

»Ich habe eine Abmachung getroffen, damit man hier Lebensmittel ausliefert«, rief Rand nach oben.

»Der da will nicht, dass man sie ausliefert«, erwiderte Milis und deutete auf Iralin. »Er lässt uns die Ladung nicht löschen, sagt, dass er seine Bogenschützen schießen lässt, wenn wir es tun.«

»Ich hätte die Leute nicht zurückhalten können«, erklärte Iralin. »Ich musste in der Stadt das Gerücht verbreiten lassen, dass das Meervolk die Nahrungsmittel nicht herausrückt.«

»Seht Ihr, was wir für Euch erdulden?«, fragte Milis. »Ich fange an, die Abmachung mit Euch infrage zu stellen, Rand al’Thor.«

»Bestreitet Ihr, dass ich der Coramoor bin?«, fragte Rand und erwiderte ihren Blick. Sie schien Mühe zu haben, ihn zu senken.

»Nein«, sagte sie. »Nein, das wohl nicht. Ich nehme an, Ihr wollt die Weiße Gischt betreten?«

»Wenn es gestattet ist.«

»Dann herauf mit Euch.«

Sobald der Landungssteg gesenkt worden war, stieg Rand ihn hinauf, gefolgt von Min, Naeff und den beiden Töchtern. Einen Augenblick später schloss sich ihm auch Iralin an, gefolgt von dem Hauptmann und einigen Soldaten.

Milis führte sie zur Decksmitte, wo eine Luke und eine Leiter in den Frachtraum führte. Rand stieg als Erster hinunter und bewegte sich unbeholfen, da er nur eine Hand zur Verfügung hatte. Min folgte ihm.

Unten drang Licht durch Spalten zwischen den Decksplanken und erhellte zahllose Kornsäcke. Die Luft roch staubig und dick.

»Wir wären froh, diese Ladung loszuwerden«, sagte Milis, die als Nächste hinunterstieg. »Sie tötet die Ratten.«

»Ich hätte gedacht, das würde Euch freuen«, sagte Min.

»Ein Schiff ohne Ratten ist wie ein Ozean ohne Stürme«, erwiderte Milis. »Wir beschweren uns über beides, aber meine Mannschaft murmelt jedes Mal unheilvoll, wenn sie die nächste tote Ratte findet.«

In der Nähe lagen ein paar geöffnete Säcke, die ihren dunklen Inhalt auf den Boden verteilt hatten. Iralin hatte davon gesprochen, das gute Getreide vom schlechten zu trennen, aber Min konnte darin keinen Sinn erkennen. Hier gab es nur verschrumpeltes, verfärbtes Korn.

Rand starrte die geöffneten Säcke an, als Iralin den Frachtraum betrat. Hinter ihm kamen Hauptmann Durnham mit seinen Männern.

»Nichts bleibt essbar«, sagte Iralin. »Es ist nicht nur dieses Getreide. Leute haben ihre Wintervorräte von ihren Höfen mitgebracht. Alles ist verdorben. Wir werden sterben, so einfach ist das. Wir werden die verdammte Letzte Schlacht nicht mehr erleben. Wir …«

»Friede, Iralin«, sagte Rand leise. »Es ist nicht so schlimm, wie Ihr glaubt.« Er riss die Schnur vom obersten Sack. Goldgelbe Gerste ergoss sich über den Boden des Frachtraums, und es war nicht ein dunkler Fleck zu sehen. Die Gerste sah aus, als wäre sie eben erst geerntet worden.

Milis keuchte. »Was habt Ihr damit gemacht?«

»Nichts«, erwiderte Rand. »Ihr habt nur die falschen Säcke geöffnet. Der Rest ist völlig in Ordnung.«

»Nur die …«, sagte Iralin. »Wir haben zufällig die genaue Zahl der schlechten Säcke geöffnet, ohne dabei auf die guten zu stoßen? Das ist lächerlich.«

»Das ist nicht lächerlich«, sagte Rand und legte Iralin die Hand auf die Schulter. »Einfach nur unwahrscheinlich. Das hier habt Ihr gut gemacht, Iralin. Es tut mir leid, dass ich Euch in einer solchen Zwangslage zurückließ. Ich berufe Euch in den Kaufmannsrat.« Iralin keuchte auf.

Hauptmann Durnham öffnete einen anderen Sack. »Der hier ist gut.«

»Der hier auch«, sagte einer seiner Männer.

»Hier sind Kartoffeln«, sagte ein anderer Soldat, der vor einem Fass stand. »Sehen gut aus. Eigentlich sogar besser als die meisten. Gar nicht vertrocknet, wie man eigentlich von Winterresten erwarten sollte.«

»Verbreitet die Nachricht«, sagte Rand zu den Soldaten. » Holt Eure Männer zusammen, um in einem der Lagerhäuser eine Verteilungsstelle zu eröffnen. Ich will, dass dieses Korn gut bewacht wird; Iralin hatte recht mit der Befürchtung, die Leute könnten die Docks stürmen. Gebt kein ungekochtes Korn heraus – das führt nur dazu, dass gehortet und gehandelt wird. Wir brauchen Kessel und Kochfeuer. Bringt den Rest in Lagerhäuser. Beeilt Euch.«