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Keineswegs bin ich dagegen, den Lord Drachen infrage zu stellen, las Egwene. Sie saß in ihrem Arbeitszimmer. Je absoluter die Macht eines Mannes wird, umso nötiger ist es, ihn immer wieder infrage zu stellen. Allerdings solltet Ihr wissen, dass ich kein Mann bin, der seine Loyalität so ohne Weiteres vergibt, und ich habe ihm meine Loyalität geschenkt. Nicht, weil er mir den Thron gab, sondern wegen dem, was er für Tear tat.

Ja, er wird jeden Tag unberechenbarer. Was sollten wir sonst vom Wiedergeborenen Drachen erwarten? Er wird die Welt zerstören. Das wussten wir, als wir ihm unsere Treue schenkten, so wie ein Matrose manchmal dem Kapitän seine Loyalität schenken muss, der das Schiff direkt auf die Küste zusteuert. Wenn hinter einem ein nicht zu navigierender Sturm aufsteigt, dann bleibt der Strand der einzige Ausweg.

Dennoch bereiten mir Eure Worte Kummer. Wir sollten die Siegel nicht vernichten, ohne vorher in Ruhe darüber gesprochen zu haben. Der Lord Drache hat mich damit beauftragt, für ihn ein Heer aufzustellen, und das habe ich getan. Wenn Ihr für die versprochenen Wegetore sorgt, bringe ich Truppen zu diesem Treffen mit, zusammen mit den loyalen Adligen. Aber seid gewarnt, dass mir die Anwesenheit der Seanchaner im Westen schwer auf der Seele liegt. Der größte Teil meiner Heere muss zurückbleiben.

Hochlord Darlin Sisnera
König von Tear
Unter der Herrschaft des
Wiedergeborenen Drachen
Randal’Thor

Egwene klopfte mit einem Finger auf das Blatt. Sie war beeindruckt – Darlin hatte seine Worte Papier anvertraut, statt sie einen Boten auswendig lernen zu lassen. Fiel ein Bote in die falschen Hände, konnte man seine Worte immer noch abstreiten. Aufgrund der Aussage eines Boten einen Mann des Verrats zu überführen war schwierig.

Worte auf Papier hingegen … Mutig. Indem Darlin sie niederschrieb, sagte er: »Mir ist egal, ob der Lord Drache entdeckt, was ich schrieb. Ich stehe dazu.«

Aber die meisten seiner Männer zurückzulassen? Das ging nicht. Egwene tauchte ihre Feder in die Tinte.

König Darlin. Eure Sorge um Euer Königreich ist wohlüberlegt, genau wie Eure Loyalität dem Mann gegenüber, dem Ihr folgt.

Ich weiß, dass die Seanchaner für Tear eine Gefahr darstellen, aber lasst uns nicht vergessen, dass der Dunkle König und nicht die Seanchaner unsere Hauptsorge während dieser schlimmsten aller Tage ist. Vielleicht fällt es leicht, sich vor den Trollocs sicher zu fühlen, wenn man so weitab von allen Frontlinien ist, aber wie werdet Ihr Euch fühlen, wenn die Puffer Andor und Cairhien gefallen sind? Von den Seanchanern trennen Euch Hunderte von Meilen.

Egwene hielt inne. Tar Valon war Hunderte von Meilen von den Seanchanern getrennt und beinahe zerstört worden. Er hatte einen guten Grund für seine Angst, und er war ein guter König, weil er es in seine Überlegungen mit einbezog. Aber sie brauchte seine Armee auf dem Feld von Merrilor. Vielleicht konnte sie ihm eine Möglichkeit bieten, sicher zu sein und bei Rand zu helfen.

Illian hält im Moment stand, schrieb sie. Und es sorgt für einen Puffer zwischen Euch und den Seanchanern. Ich gebe Euch Wegetore und ein Versprechen. Sollten die Seanchaner gegen Tear marschieren, erschaffe ich für Euch Wegetore, damit Ihr augenblicklich zurückkehren und Eure Nation verteidigen könnt.

Sie zögerte. Die Chancen standen gut, dass die Seanchaner mittlerweile das Reisen beherrschten. Niemand war vor ihnen sicher, ganz egal, wie nah oder fern er auch sein mochte. Falls sie sich für einen Angriff auf Tear entschieden, reichte es möglicherweise nicht, Darlin Tore für die Heimreise zur Verfügung zu stellen.

Sie fröstelte, als sie sich an ihre Zeit bei den Seanchanern erinnerte, gefangen als Damane. Sie verabscheute sie mit einem Hass, den sie manchmal besorgniserregend fand. Aber Darlins Unterstützung war für ihre Pläne von essenzieller Bedeutung. Sie biss die Zähne zusammen und schrieb weiter.

Der Wiedergeborene Drache muss erkennen, dass unsere vereinten Streitkräfte gegen sein ungestümes Vorhaben sind. Sollte er den Eindruck haben, dass das nur halbherzig geschieht, werden wir ihn niemals von seinem Kurs abbringen können. Bitte kommt mit all Euren Truppen.

Sie sandete den Brief, dann faltete und versiegelte sie ihn. Darlin und Elayne waren Monarchen zwei der mächtigsten Königreiche. Beide waren für ihre Pläne äußerst wichtig.

Als Nächstes würde sie einen Brief von Gregorin den Lushenos von Illian beantworten. Sie hatte ihm nicht mitgeteilt, dass sich Mattin Stepaneos in der Weißen Burg in ihrer Obhut befand, es aber angedeutet. Sie hatte auch schon mit Mattin gesprochen und ihn wissen lassen, dass er jederzeit gehen konnte, wenn er wollte. Sie würde keine Monarchen gegen deren Willen festhalten.

Dummerweise fürchtete Mattin nun um sein Leben, sollte er zurückkehren. Er war zu lange weg und betrachtete Illian als in derTasche des Wiedergeborenen Drachen. Was vermutlich auch der Wahrheit entsprach. Was für ein Durcheinander.

Ein Problem nach dem anderen. Gregorin, der Statthalter von Illian, konnte sich nicht dazu durchringen, ihre Sache zu unterstützen – er schien eingeschüchterter von Rand zu sein als Darlin, und für ihn waren die Seanchaner keine ferne Sorge. Im Grunde pochten sie schon an seine Stadttore.

Sie schrieb Gregorin einen energischen Brief und gab ihm ein ähnliches Versprechen wie Darlin. Vielleicht konnte sie dafür sorgen, dass sich Mattin aus allem heraushielt, wenn Gregorin dafür im Austausch seine Heere nach Norden führte – etwas, das möglicherweise beide Männer wollten, obwohl sie das Gregorin natürlich nicht wissen lassen würde.

Plötzlich wurde ihr bewusst, was sie da tat. Sie benutzte Rands Ankündigung als Signalfeuer, um das sich die Monarchen versammeln konnten, um sich zugleich an die Weiße Burg zu binden. Sie würden kommen, um ihre Argumente gegen die Vernichtung der Siegel zu unterstützen. Aber am Ende würden sie der Menschheit in der Letzten Schlacht dienen.

Ein Klopfen ertönte. Sie schaute auf, als Silviana hereinschaute. Die Frau hielt einen Brief in die Höhe. Er war fest zusammengerollt, also hatte ihn eine Taube gebracht.

»Ihr seht grimmig aus«, bemerkte Egwene.

»Die Invasion hat begonnen. Die Wachtürme an der Grenze zur Großen Fäule verstummen, einer nach dem anderen. Angriffswellen von Trollocs stoßen unter schwarz brodelnden Wolken vor. Kandor, Ära fei und Saldaea befinden sich im Krieg.«

»Halten sie stand?« Egwene verspürte einen Stich der Furcht.

»Ja«, sagte Silviana. »Aber Neuigkeiten kommen nur bruchstückhaft. Dieser Brief ist von einer Augen-und-Ohren, der ich vertraue, und sie behauptet, dass es seit den Trolloc-Kriegen keinen so massiven Angriff mehr gegeben hat.«

Egwene holte tief Luft. »Was ist mit dem Tarwin-Pass?«

»Ich weiß es nicht.«

»Findet es heraus. Ruft Siuan her. Sie weiß vielleicht mehr. Das Netzwerk der Blauen ist immer noch das größte.« Natürlich würde auch Siuan nicht alles wissen, aber sie würde ihre Finger drin haben.

Silviana nickte knapp. Sie sparte sich die offensichtliche Bemerkung – dass das Netzwerk der Blauen das der Blauen Ajah war und die Amyrlin nichts anging. Nun, die Letzte Schlacht war da. Da mussten eben Konzessionen gemacht werden.

Silviana schloss leise die Tür, und Egwene nahm ihre Schreibfeder, um ihren Brief an Gregorin zu beenden. Ein weiteres Klopfen, dieses Mal nur drängender, unterbrach sie erneut. Einen Augenblick später stieß Silviana die Tür auf.

»Mutter«, sagte sie. »Sie treffen sich. Genau wie Ihr voraussagtet!«

Zorn flammte in Egwene auf. Ruhig legte sie die Feder nieder und stand auf. »Dann wollen wir uns zu ihnen gesellen.«

Mit eiligen Schritten verließ sie ihr Arbeitszimmer. Im Vorraum der Behüterin passierte sie zwei Aufgenommene – Nicola, die man gerade erst erhoben hatte, und Nissa. Egwene hätte gern gesehen, wenn man beide vor der Letzten Schlacht noch zur Stola erhoben hätte. Sie waren jung, aber mächtig, und jede Schwester wurde gebraucht – selbst eine wie Nicola, die in der Vergangenheit ein geradezu schreckliches Urteilsvermögen bewiesen hatte.