»Das kommt darauf an, wie diese Regelung formuliert ist«, sagte Egwene.
Im Korridor vor dem Eingang wurde es laut, dann stürmte Saerin begleitet von Janya Frende in den Saal. Sie warfen Takima vernichtende Blicke zu, die wie ein bedrohter Vogel in sich zusammenschrumpfte. Saerin und Egwenes andere Gefolgsleute hätte man sowieso erst nach Egwene über diese Sitzung informiert.
Romanda räusperte sich. »Vielleicht sollten wir im Gesetz über den Krieg nachsehen, ob es dort eine Hilfestellung gibt.«
»Ich bin mir sicher, das habt Ihr mittlerweile gründlich studiert, Romanda«, meinte Egwene. »Was also schlagt Ihr vor?«
»Es gibt eine Bestimmung, nach der der Saal die Führung eines Krieges übernimmt«, sagte Romanda.
»Dazu bedarf es aber der Zustimmung der Amyrlin«, erwiderte Egwene gleichmütig. Falls Romandas Spiel darauf hinauslief, wie hatte sie Egwenes Zustimmung erringen wollen, nachdem sie ohne sie zusammengetreten waren? Möglicherweise verfolgte sie ja einen anderen Plan.
»Ja, das würde die Zustimmung der Amyrlin erfordern«, sagte Raechin. Sie war eine große dunkelhaarige Frau und trug ihr Haar gern zu zusammengelegten Zöpfen hochgesteckt. »Aber Ihr sagtet ja gerade, Ihr würdet es als weise Maßnahme betrachten, wenn wir so verfahren.«
»Nun ja«, erwiderte Egwene und versuchte so zu klingen, als würde man sie in die Ecke drängen, »dem Saal zuzustimmen ist etwas ganz anderes, als eine Regelung zu erlauben, die es mir verbietet, am Tagesgeschehen des Heeres teilzuhaben. Was soll der Amyrlin-Sitz denn tun, wenn er sich nicht um den Krieg kümmert?«
»Den Berichten zufolge widmet Ihr Eure Zeit dem Versuch, Könige und Königinnen niederzuringen«, sagte Lelaine. »Das scheint doch eine angemessene Aufgabe für die Amyrlin zu sein.«
»Dann wärt Ihr mit einer solchen Regelung einverstanden?«, fragte Egwene. »Der Saal kümmert sich um das Heer, während ich die Autorität erhalte, mich mit den Monarchen der Welt zu befassen?«
»Ich …«, erwiderte Lelaine. »Ja, ich wäre dafür.«
»Damit könnte ich mich wohl einverstanden erklären«, sagte Egwene.
»Sollen wir darüber abstimmen?«, sagte Romanda schnell, als würde sie sich auf den Augenblick stürzen.
»Nun gut«, sagte Egwene. »Wer erhebt sich für diesen Antrag?«
Rubinde stand von ihrem Sitz auf, gefolgt von Faiselle und Farnah, den anderen Grünen. Raechin und ihre Schwester standen schnell auf, allerdings musterte Barasine Egwene die ganze Zeit mit zusammengekniffenen Augen. Magla stand als Nächste auf, und Romanda schloss sich ihr zögernd an. Ferane erhob sich langsam. Lelaine war die Nächste. Sie und Romanda tauschten ein paar giftige Blicke aus.
Das waren neun. Egwenes Herz klopfte schneller, als sie Takima ansah. Die Frau erschien ausgesprochen verstört, als würde sie versuchen, Egwenes Pläne zu ergründen. Das Gleiche galt für Saroiya. Die berechnende Weiße musterte Egwene und zog sich am Ohr. Plötzlich riss sie die Augen auf und öffnete den Mund, um zu sprechen.
In diesem Augenblick rauschten Doesine und Yukiri in den Raum. Saerin stand sofort von ihrem Stuhl auf. Doesine sah in die Runde. »Für welchen Antrag stehen wir auf?«
»Einen wichtigen«, sagte Saerin.
»Nun, dann werde ich wohl dafür stehen.«
»Ich auch«, sagte Yukiri.
»Wie es aussieht, haben wir den kleinen Konsens«, stellte Saerin fest. »Der Saal erhält die Autorität über die Heere der Weißen Burg, während die Amyrlin die Autorität und die Verantwortung über die Führung der Monarchen der Welt erhält.«
»Nein!« Saroiya sprang auf. »Begreift Ihr denn nicht? Er ist ein König! Er trägt die Lorbeerkrone! Ihr habt der Amyrlin gerade die alleinige Verantwortung für den Umgang mit dem Wiedergeborenen Drachen gegeben!«
Im Saal breitete sich Stille aus.
»Nun, sicherlich hat sie …« Romanda verstummte, als sie sich umdrehte und Egwenes gelassene Miene sah.
»Ich schätze, jemand könnte um den großen Konsens bitten«, sagte Saerin trocken. »Aber Ihr habt Euch ja schon kunstvoll mit dem kleinen Seil aufgehängt.«
Egwene erhob sich. »Es war mein Ernst, als ich sagte, dass der Saal weise Entscheidungen trifft, und hier hat sich niemand aufgehängt. Es ist weise vom Saal, mir den Umgang mit dem Wiedergeborenen Drachen zu übertragen – er braucht eine strenge, vertraute Hand. Es war ebenfalls weise von Euch, zu erkennen, dass die Führung der Armeen mir viel zu viel Aufmerksamkeit abverlangte. Ihr werdet bestimmt jemanden unter Euch bestimmen, der General Brynes Materialanforderungen und Rekrutierungspläne durchsieht und abgesegnet. Ich versichere Euch, davon gibt es eine ganze Menge.
Es freut mich, dass Ihr die Notwendigkeit eingesehen habt, die Amyrlin zu unterstützen, obwohl mir die verstohlene Natur dieser Sitzung doch sehr missfällt. Versucht nicht abzustreiten, dass das im Geheimen stattfand, Romanda. Ich sehe, Ihr wollt widersprechen. Aber Ihr solltet wissen, dass ich Euch mit den Drei Eiden auf eine direkte Antwort festnageln werde, solltet Ihr Euch dazu äußern.«
Die Gelbe verkniff sich ihre Bemerkung.
»Wieso habt Ihr immer noch nicht einsehen können, wie dumm ein solches Verhalten ist?«, fragte Egwene. »Habt Ihr ein so kurzes Gedächtnis?« Sie sah jede Frau nacheinander an, und jede, die zusammenzuckte, erfüllte sie mit Zufriedenheit.
»Die Zeit für Veränderungen ist gekommen«, fuhr Egwene fort. »Ich schlage vor, dass es keine Sitzungen dieser Natur mehr gibt. Ich schlage vor, dass im Burggesetz festgelegt wird, dass, wenn eine Sitzende die Weiße Burg verlässt, ihre Ajah eine Vertreterin ernennen muss, die in ihrer Abwesenheit für sie stimmt. Ich schlage vor, dass im Burggesetz festgelegt wird, dass keine Sitzung des Saals einberufen werden kann, solange nicht jede Sitzende oder ihre Vertreterin anwesend ist oder auf direktem Weg verkündet, dass sie nicht teilnehmen kann. Ich schlage vor, dass die Amyrlin über jede Sitzung des Saals informiert werden muss und ausreichend Zeit zur Teilnahme hat, falls sie es wünscht, es sei denn, sie ist unauffindbar oder auf andere Weise indisponiert.«
»Mutige Veränderungen, Mutter«, meinte Saerin. »Ihr schlagt vor, seit Jahrhunderten bewährte Traditionen zu ändern.«
»Traditionen, die bis jetzt nur für Verrat, Verleumdung und Spaltung benutzt wurden«, erwiderte Egwene. »Es ist Zeit, dass diese Lücke geschlossen wird, Saerin. Als man sie das letzte Mal effektiv genutzt hat, hat die Schwarze Ajah uns dazu gebracht, eine Amyrlin zu stürzen und an ihrer Stelle eine Närrin zu erheben und die Burg zu spalten. Wisst Ihr, dass Kandor, Saldaea und Arafel von Schattengezücht überrannt werden?«
Einige der Schwestern keuchten auf. Andere nickten, Lelaine eingeschlossen. Also war das Netzwerk der Blauen noch immer verlässlich. Gut.
»Die Letzte Schlacht hat begonnen«, sagte Egwene. »Ich werde meinen Vorschlag nicht zurückziehen. Entweder Ihr steht jetzt dafür auf, oder Ihr werdet für alle Zeiten als diejenigen bekannt, die sich verweigerten. Könnt Ihr am Abend eines Zeitalters nicht für Offenheit und Licht stehen? Wollt Ihr nicht zum Besten von uns allen dafür sorgen, dass der Saal nicht ohne Eure Anwesenheit zusammentreten kann? Um jede Möglichkeit zunichtezumachen, dass man Euch ausschließt?«
Die Frauen schwiegen. Eine nach der anderen setzten sich jene, die noch standen, wieder hin, um sich für die neue Abstimmung vorzubereiten.
»Wer steht für diesen Vorschlag auf?«, fragte Egwene.
Sie standen auf. Gesegneterweise standen sie auf – eine nach der anderen, langsam, zögernd. Aber sie erhoben sich. Jede Einzelne von ihnen.
Egwene atmete tief aus. Sie mochten sich zanken und intrigieren, aber sie erkannten, wenn etwas richtig war. Sie teilten dieselben Ziele. Wenn sie widersprachen, dann weil sie verschiedene Ansichten darüber hatten, wie man diese Ziele erreichen sollte. Manchmal fiel es schwer, das in Erinnerung zu behalten.