»Nun, also gut«, sagte sie. »Aber bitte ziehe in Zukunft in Betracht, mich vor deinen Plänen zu warnen.«
»Das werde ich«, sagte er, gähnte und legte sich hin. »Ehrlich gesagt ist mir das erst im letzten Augenblick eingefallen.«
Faile hielt mühsam eine Erwiderung zurück. Immerhin hatte diese Waffenstillstandsverhandlung auch ihr Gutes gehabt. Sie hatte Berelain bei ihrem Treffen mit Damodred beobachtet, und ihr war selten eine Frau begegnet, deren Augen so hell gestrahlt hatten. Möglicherweise konnte sie sich das ja zunutze machen.
Sie schaute nach unten. Perrin schnarchte bereits leise.
Perrin spürte im Rücken etwas Hartes und Glattes. Der viel zu dunkle, beinahe schon böse Himmel des Wolfstraums brodelte über dem Wald, der eine Mischung aus Tannen, Eichen und Zwerglorbeer darstellte.
Er stand auf, dann drehte er sich um und betrachtete, wogegen er sich gelehnt hatte. Ein gewaltiger Stahlturm streckte sich dem in Aufruhr befindlichen Himmel entgegen. Viel zu gerade und mit Wänden, die wie ein einziges Stück aus nahtlosem Metall aussahen, strahlte der Turm völlige Unnatürlichkeit aus.
Ich sagte doch, dass dieser Ort böse ist, meinte Springer, der plötzlich neben Perrin saß. Dummer Welpe.
»Das war nicht meine Entscheidung«, protestierte Perrin. »Ich bin hier aufgewacht.«
Dein Verstand ist darauf konzentriert. Oder der Verstand von jemanden, mit dem du verbunden bist.
» Mat«, sagte Perrin, ohne zu begreifen, wieso er das wusste. Die Farben erschienen nicht. Das taten sie im Wolfstraum nie.
Ist dieser Welpe genauso dumm wie du?
»Vielleicht sogar noch dümmer.«
Springer roch ungläubig, als könnte er sich nicht vorstellen, dass so etwas überhaupt möglich war. Komm, sagte der Wolf. Es ist zurückgekehrt.
»Was ist…«
Springer verschwand. Perrin folgte ihm stirnrunzelnd. Mittlerweile konnte er mühelos Springers Geruch folgen. Sie erschienen auf der Jehannahstraße, und da war wieder diese seltsame violette Glasmauer, die die Straße in zwei Hälften teilte, auf beiden Seiten in der Ferne verschwand und sich hoch in den Himmel erstreckte. Perrin begab sich zu einem Baum. Seine kahlen Äste schienen im Glas gefangen zu sein.
Springer schlich in der Nähe auf und ab. Wir haben dieses Ding schon einmal gesehen. Vor langer, langer Zeit. Vor so vielen Leben.
»Was ist das?«
Menschenwerk.
Springers Botschaft enthielt verwirrende Bilder. Fliegende, glühende Scheiben. Unmöglich hohe Gebäude aus Stahl. Dinge aus dem Zeitalter der Legenden? Springer verstand ihren Nutzen genauso wenig wie die Benutzung eines Pferdewagens oder einer Kerze.
Perrin musterte die Straße. Diesen Teil Ghealdans erkannte er nicht; es musste weiter in Richtung Lugard sein. Die Mauer war an einem anderen Ort erschienen als beim letzten Mal.
Ihm kam ein Gedanke, und er machte ein paar Sätze die Straße entlang. Einhundert Schritte entfernt schaute er zurück und fand seinen Verdacht bestätigt. Dieses Glas bildete keine Mauer, sondern eine gewaltige Kuppel. Lichtdurchlässig und mit einem violetten Schimmer versehen, schien sie sich über Meilen zu erstrecken.
Springer bewegte sich schemenhaft und blieb neben ihm stehen. Wir müssen gehen.
»Er ist da drin, nicht wahr?«, fragte Perrin. Er tastete umher. Eichentänzerin, Funke und Grenzenlos waren in der Nähe. Voraus, in der Kuppel. Sie reagierten mit schnellen, verzweifelten Botschaften; sie waren auf der Jagd und wurden gejagt.
»Warum flüchten sie nicht?« Springer übermittelte Verwirrung.
»Ich gehe zu ihnen«, sagte Perrin und versetzte sich nach vorn.
Nichts geschah.
Perrin verspürte einen Stich der Panik in seinen Eingeweiden. Was stimmte nicht? Er versuchte es erneut, versetzte sich dieses Mal zum Fundament der Kuppel.
Es funktionierte. Im nächsten Augenblick war er da, die glasähnliche Oberfläche stieg vor ihm empor. Es ist diese Kuppel, dachte er. Sie blockiert mich. Plötzlich verstand er das eingesperrte Gefühl, das die Wölfe übermittelten. Sie konnten nicht weg.
War das der Zweck dieser Kuppel? Wölfe gefangen zu setzen, damit der Schlächter sie töten konnte? Perrin knurrte, trat an die Kuppel heran. Sie zu passieren war unmöglich, indem er sich in sie hineindachte, aber vielleicht konnte er auf profanere Weise hindurch. Er hob eine Hand, zögerte. Er wusste nicht, was passieren würde, wenn er die Oberfläche berührte.
Die Wölfe schickten das Bild eines Mannes in Schwarz und Leder mit einem grausamen, von tiefen Furchen durchzogenen Gesicht und einem Lächeln auf den Lippen, als er Pfeile abschoss. Er roch falsch, so schrecklich falsch. Außerdem roch er nach toten Wölfen.
Perrin konnte sie nicht dort drinnen lassen. So wenig wie er Meister Gill und die anderen den Weißmänteln überlassen konnte. Voller Wut auf den Schlächter berührte er die Kuppeloberfläche.
Plötzlich verloren seine Muskeln jede Kraft. Sie fühlten sich wie Wasser an, seine Beine konnten ihn nicht länger aufrecht halten. Er stürzte hart zu Boden. Sein Fuß berührte noch immer die Kuppel – durchdrang sie. Die Kuppel schien substanzlos zu sein.
Seine Lungen arbeiteten nicht mehr; seine Brust zu dehnen war zu schwer. Panisch dachte er sich anderswo hin, aber es funktionierte nicht. Er war so gefangen wie die Wölfe!
Neben ihm erschien ein grauer Schemen. Zähne packten seine Schulter. Als Springer ihn aus der violetten Kuppel zog, kehrten Perrins Kräfte sofort zurück. Er schnappte keuchend nach Luft.
Dummer Welpe.
»Du würdest sie im Stich lassen?«, fragte Perrin. Seine Stimme klang heiser.
Nicht dumm, weil du in diesem Loch gräbst. Dumm, weil du nicht auf mich wartest für den Lall, dass dort Hornissen lauern. Springer wandte sich der Kuppel zu. Hilf mir, wenn ich falle. Der Wolf bewegte sich nach vorn, berührte die Kuppel mit der Nase. Er stolperte, richtete sich aber wieder auf und bewegte sich langsam weiter. Auf der anderen Seite brach er zusammen, aber seine Brust bewegte sich noch.
»Wie hast du das geschafft?«, fragte Perrin und stand auf.
Ich bin ich. Springer, wie er sich selbst sah – was dem entsprach, wer er war. Begleitet von Kraft und Stabilität.
Anscheinend bestand der Trick in der absoluten Kontrolle seiner selbst. Wie viele Dinge im Wolfstraum war die Stärke des geistigen Selbstbildes mächtiger als die Substanz der Welt selbst.
Komm. Sei stark, geh hindurch.
»Ich habe eine bessere Idee«, sagte Perrin und stand auf. Er stürmte so schnell er konnte los. Seine Glieder verloren beim Aufprall auf der violetten Kuppel augenblicklich sämtliche Kraft, aber der Schwung beförderte ihn auf die andere Seite, wo er sich abrollte und schließlich liegen blieb. Am Arm war die Haut abgeschürft und die Schulter schmerzte; er stöhnte.
Dummer Welpe. Du musst lernen.
»Dafür ist jetzt keine Zeit«, erwiderte Perrin und kam auf die Füße. »Wir müssen den anderen helfen.«
Pfeile flogen im Wind, dick, schwarz, tödlich. Das Gelächter des Jägers. Der Geruch eines Mannes, der abgestanden war. Der Mörder war hier. Springer und Perrin jagten die Straße entlang, und Perrin entdeckte, dass er innerhalb der Kuppel seine Geschwindigkeit erhöhen konnte. Vorsichtig versuchte er mit einem Gedanken einen Sprung auszuführen, und es gelang. Aber als er versuchte, sich nach draußen zu denken, geschah nichts.