Also war die Kuppel eine Barriere. In ihrem Inneren konnte er sich frei bewegen, aber er konnte keinen Ort außerhalb von ihr erreichen, indem er sich dort hinwünschte. Wenn er hinaus wollte, musste er die Wand der Kuppel körperlich durchdringen.
Eichentänzerin, Grenzenlos und Funke waren irgendwo vor ihnen. Und der Schlächter auch. Perrin knurrte – verzweifelte Bilder überfluteten ihn. Finstere Wälder. Der Schlächter. Er kam den Wölfen so groß vor, ein dunkles Ungeheuer mit einem Gesicht wie aus Stein gemeißelt.
Blut im Gras. Schmerzen, Wut, Entsetzen, Verwirrung. Funke war verletzt. Die anderen beiden sprangen hin und her, verspotteten den Schlächter und lenkten ihn ab, während Funke auf die Kuppelgrenze zukroch.
Vorsicht, Junger Bulle. Dieser Mann jagt gut. Er bewegt sich beinahe wie ein Wolf, auch wenn er falsch ist.
»Ich lenke ihn ab. Du schnappst dir Funke.«
Du hast Arme. Du trägst. Natürlich beinhaltete die Botschaft noch mehr: Springers Alter und Erfahrung, Perrin, der noch immer ein Welpe war.
Perrin biss die Zähne zusammen, widersprach aber nicht. Springer war erfahrener als er. Sie trennten sich, Perrin tastete nach Funke, entdeckte ihn verborgen in einer Baumgruppe und transportierte sich dorthin.
Der dunkelbraune Wolf hatte einen Pfeil im Oberschenkel, und er wimmerte leise und hinterließ eine Blutspur, während er weiterkroch. Perrin kniete schnell nieder und zog den Pfeil heraus. Der Wolf wimmerte weiter, roch ängstlich. Perrin hielt den Pfeil hoch. Er roch böse. Angewidert warf er ihn zur Seite und hob den Wolf auf.
In der Nähe raschelte etwas, und Perrin fuhr herum. Grenzenlos sprang zwischen zwei Bäumen vorbei. Er roch nervös. Die anderen beiden Wölfe führten den Schlächter in die andere Richtung.
Perrin drehte sich um und rannte auf die Kuppelwand zu, Funke auf den Armen. Er konnte nicht direkt zum Kuppelrand springen, weil er nicht wusste, wo er sich genau befand.
Mit wild pochendem Herzen brach er aus dem Unterholz hervor. Der Wolf auf seinen Armen schien stärker zu werden, als sie den Pfeil hinter sich zurückließen. Perrin lief schneller, mit einer Geschwindigkeit, die sich leichtsinnig anfühlte, überbrückte Hunderte von Schritten so schnell, dass alles verschwamm. Die Kuppelwand kam näher, und er blieb stehen.
Plötzlich war der Schlächter da, stand mit gespanntem Bogen vor ihm. Sein schwarzer Umhang wogte um seine Gestalt; er lächelte nicht länger, und sein Blick war finster.
Er ließ die Sehne los. Perrin versetzte sich und bekam nicht mit, wo der Pfeil landete. Er erschien an der Stelle, an der er die Kuppel betreten hatte; er hätte sofort dorthin springen sollen. Er warf sich gegen die violette Mauer und brach auf der anderen Seite zusammen, ließ Funke über den Boden rollen.
Der Wolf jaulte auf. Perrin landete hart.
Junger Bulle! Funke schickte ein Bild des Schlächters, so finster wie eine Gewitterwolke, wie er direkt hinter der Barriere mit gespanntem Bogen stand.
Perrin schaute erst gar nicht hin. Er versetzte sich, transportierte sich zu den Hängen des Drachenberges. Dort sprang er angespannt auf die Füße, der Hammer erschien in seiner Hand. Gruppen in der Nähe befindlicher Wölfe schickten ihren Gruß. Perrin ignorierte sie für den Moment.
Der Schlächter folgte ihm nicht. Ein paar angespannte Augenblicke später erschien Springer. »Sind die anderen entkommen?«, fragte Perrin.
Sie sind frei. Flüsterin ist tot. Das übermittelte Bild zeigte die Wölfin aus dem Blickpunkt der anderen Rudelangehörigen, wie sie Augenblicke nach Erscheinen der Kuppel getötet wurde. Funke hatte den Pfeil erwischt, als er voller Panik ihre Seite angestupst hatte.
Perrin knurrte. Um ein Haar wäre er weitergesprungen, um den Schlächter erneut zu konfrontieren, aber eine Warnung Springers stoppte ihn. Zu früh! Du musst lernen!
»Es geht nicht allein um ihn«, sagte Perrin. »Ich muss mir die Gegend um mein Lager und das der Weißmäntel ansehen. In der wachen Welt riecht dort etwas verkehrt. Ich muss sehen, ob dort etwas Seltsames ist.«
Etwas Seltsames? Springer schickte das Bild der Kuppel.
» Möglicherweise hat das miteinander zu tun.« Es war mehr als nur wahrscheinlich, dass die beiden seltsamen Dinge kein Zufall waren.
Such ein anderes Mal. Der Schlächter ist zu stark für dich. Perrin holte tief Luft. »Irgendwann muss ich ihm entgegentreten, Springer.« Nicht jetzt.
»Nein«, stimmte Perrin ihm zu. »Nicht jetzt. Jetzt üben wir.« Er wandte sich dem Wolf zu. »Und das machen wir jede Nacht, bis ich bereit bin.«
Rodel Ituralde wälzte sich auf seiner Pritsche herum; sein Hals war völlig verschwitzt. War es in Saldaea immer schon so heiß und schwül gewesen? Er sehnte sich nach seinem Zuhause, nach der kühlen Meeresbrise von Bandar Eban.
Alles fühlte sich falsch an. Warum hatte das Schattengezücht nicht angegriffen? Einhundert Möglichkeiten kamen ihm in den Sinn. Warteten sie auf neue Belagerungsmaschinen? Suchten sie nach Wäldern, um sie zu bauen? Oder reichte ihren Befehlshabern die Belagerung schon? Die ganze Stadt war eingekreist, aber mittlerweile mussten genügend Trollocs da sein, um sie überwältigen zu können.
Sie hatten mit ihren Trommeln angefangen. Rund um die Uhr. Bumm, bumm, bumm. Regelmäßig, wie der Herzschlag eines gewaltigen Tieres, wie der der Großen Schlange selbst, die sich um die Stadt wand.
Draußen brach die Morgendämmerung herein. Er war erst kurz nach Mitternacht zu Bett gegangen. Durhem, der den Befehl über die Morgenwache hatte, hatte angeordnet, Ituralde nicht vor Mittag zu stören. Sein Zelt stand in einem schattigen Alkoven des Hofes. Er hatte in der Nähe der Mauer sein wollen und ein richtiges Bett abgelehnt. Das war dumm gewesen. Auch wenn eine Pritsche früher völlig in Ordnung gewesen war, war er doch nicht mehr so jung wie einst. Morgen würde er sich darum kümmern.
Und jetzt schlaf, befahl er sich.
Das war nicht einfach. Die Anschuldigung, zu den Drachenverschworenen zu gehören, setzte ihm zu. In Arad Doman hatte er für seinen König gekämpft, für jemanden, an den er glaubte. Jetzt kämpfte er in einem fremden Land für einen Mann, dem er nur einmal begegnet war. Und das nur wegen seinem Bauchgefühl.
Beim Licht, war das heiß. Schweiß rann seine Wangen hinunter und ließ seinen Hals jucken. So früh am Morgen hätte es nicht so heiß sein dürfen. Das war unnatürlich. Diese verfluchten Trommeln, die noch immer dröhnten.
Er seufzte und stieg von seiner schweißnassen Pritsche. Sein Bein schmerzte. Das ging schon seit Tagen so.
Rodel, du bist ein alter Mann, dachte er, streifte den verschwitzten Lendenschurz ab und nahm sich einen der frisch gewaschenen. Er stopfte die Hose in die kniehohen Reitstiefel. Es folgte ein einfaches weißes Hemd mit schwarzen Knöpfen und sein grauer Mantel, der bis zum Kragen zugeknöpft wurde.
Er schnallte gerade das Schwert um, als sich eilige Schritte näherten, gefolgt von Geflüster. Die Unterhaltung wurde erregter, und er trat in dem Augenblick hinaus, als jemand sagte: » Lord Ituralde wird das wissen wollen!«
»Was wissen?«, fragte Ituralde. Ein Botenjunge zankte sich mit seinen Wächtern. Alle drei wandten sich ihm verlegen zu.
»Es tut mir leid, mein Lord«, sagte Connel. »Wir hatten den Befehl, Euch schlafen zu lassen.«
»Ein Mann, der in dieser Hitze schlafen kann, muss zur Hälfte eine Echse sein, Connel«, sagte Ituralde. »Junge, worum geht es?«
»Hauptmann Yoeli ist auf der Mauer, Herr«, sagte der Junge. Ituralde erkannte ihn – er war schon fast seit dem Beginn dieses Feldzuges bei ihm. » Er sagte, Ihr solltet kommen.«
Ituralde nickte. Er legte Connel die Hand auf den Arm. »Danke, dass Ihr auf mich aufpasst, alter Freund, aber diese Knochen sind nicht so zerbrechlich, wie Ihr vielleicht glaubt.«