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Connel nickte errötend. Die Wächter schlossen sich Ituralde an, als er den Hof überquerte. Die Sonne war aufgegangen. Viele seiner Soldaten waren schon auf den Füßen. Zu viele. Er war nicht der Einzige, der nicht hatte schlafen können.

Auf der Mauer begrüßte ihn ein entmutigender Anblick. Auf dem sterbenden Land kampierten Abertausende Trollocs und hatten Feuer entzündet. Ituralde dachte nicht gern darüber nach, wo das Holz für diese Feuer herkam. Hoffentlich waren alle Bauern und Dörfler in der Nähe dem Aufruf zur Evakuierung gefolgt.

Yoeli stand neben einem Mann in einem schwarzen Mantel und hatte die Hände auf die steinerne Brüstung gelegt. Deepe Bhadar war der Dienstälteste der Asha’man, die al’Thor ihm überlassen hatte, und der Einzige, der sowohl den Drachen wie auch das Schwert am Kragen trug. Der Andoraner hatte ein flaches Gesicht und schwarzes Haar, das er lang trug. Ituralde hatte manchmal mitbekommen, wie die Männer in den schwarzen Mänteln vor sich hinmurmelten, aber nicht Deepe. Er schien sich völlig unter Kontrolle zu haben.

Yoeli warf ständig einen Blick auf den Asha’man; auch Ituralde fühlte sich in der Nähe von Männern, die die Macht lenken konnten, nicht besonders wohl. Aber sie stellten ein ausgezeichnetes Werkzeug dar, und sie hatten ihn nicht im Stich gelassen. Darum zog er es vor, sich von seinen Erfahrungen und nicht von Gerüchten leiten zu lassen.

»Lord Ituralde«, sagte Deepe. Der Asha’man salutierte Ituralde nie, sondern allein al’Thor.

»Was ist los?«, wollte Ituralde wissen und musterte die Trolloc-Horden. Es schien sich nichts verändert zu haben, seit er schlafen gegangen war.

»Euer Mann behauptet, etwas fühlen zu können«, sagte Yoeli »Da draußen.«

»Sie haben Machtlenker, Lord Ituralde«, sagte Deepe. »Ich vermute, es sind mindestens sechs, vielleicht auch mehr. Menschen, da ich die Macht spüren kann, die sie lenken und etwas Großes vorbereiten. Wenn ich mit zusammengekniffenen Augen die Lager am äußeren Rand betrachte, glaube ich manchmal Gewebe sehen zu können, aber das kann auch eine Einbildung sein.«

Ituralde fluchte. »Darauf haben sie also gewartet.«

»Worauf?«, fragte Yoeli.

»Mit eigenen Asha’man …«

»Das sind keine Asha’man«, sagte Deepe wild.

»Von mir aus. Mit eigenen Machtlenkern können sie diese Mauer so mühelos umstoßen wie einen Ziegelhaufen, Yoeli. Dieses Trolloc-Meer wird wie eine Flut hindurchströmen und Eure Straßen füllen.«

»Nicht, solange ich stehe«, sagte Deepe.

»Ich mag Entschlossenheit in einem Soldaten, Deepe«, erwiderte Ituralde, »aber Ihr seht so erschöpft aus, wie ich mich fühle.«

Deepe warf ihm einen unwirschen Blick zu. Schlafmangel hatte seine Augen gerötet, und er biss die Zähne zusammen. Die Muskeln in seinem Hals und seinem Gesicht traten angespannt hervor. Er erwiderte Ituraldes Blick, dann holte er tief und mühsam Luft.

»Ihr habt recht«, sagte er. »Aber daran kann keiner von uns etwas ändern.« Er hob die Hand und tat etwas, das Ituralde nicht sehen konnte. Ein roter Lichtblitz erschien über seiner Hand – das Signal, mit dem er die anderen zu sich rief. » Bereitet eure Männer vor, General, Hauptmann. Es dauert nicht mehr lang. Sie können eine derartige Ansammlung von Macht nicht lange ohne … Konsequenzen halten.«

Yoeli nickte und eilte los. Ituralde griff nach Deepes Arm, um seine Aufmerksamkeit zu haben.

»Ihr Asha’man seid als Hilfe zu wichtig, um Euch zu verlieren«, sagte Ituralde. »Der Drache hat uns hergeschickt, damit wir helfen, und nicht, um zu sterben. Wenn diese Stadt fällt, dann will ich, dass Ihr die anderen und so viele Verwundete nehmt, wie Ihr könnt, und verschwindet. Habt Ihr verstanden, Soldat?« »Das wird vielen meiner Männer nicht gefallen.« »Aber Ihr wisst, dass es besser so ist«, sagte Ituralde. »Oder?«

Deepe zögerte. »Ja. Ihr habt recht, wie so oft. Ich schaffe sie raus.« Er senkte die Stimme. »Das ist ein hoffnungsloser Widerstand, mein Lord. Was auch immer dort draußen vor sich geht, es wird tödlich sein. Es widert mich an, das vorschlagen zu müssen … aber was Ihr über meine Asha’man gesagt habt, gilt auch für Eure Soldaten. Lasst uns fliehen.« Er sprach das Wort »fliehen« mit Bitterkeit aus.

»Die Saldaeaner würden uns nicht begleiten.«

»Ich weiß.«

Ituralde dachte darüber nach. Aber dann schüttelte er den Kopf. »Jeder Tag, den wir hier ausharren, hält diese Ungeheuer einen Tag länger von meiner Heimat fort. Nein, ich kann nicht gehen, Deepe. Das hier ist immer noch der beste Ort, um zu kämpfen. Ihr habt gesehen, wie befestigt diese Gebäude sind; dort können wir uns ein paar Tage lang verschanzen, uns aufteilen, die Horden beschäftigen.«

»Dann könnten meine Asha’man bleiben und helfen.«

»Ihr habt Eure Befehle, mein Sohn. Ihr befolgt sie. Verstanden?«

Deepe schloss ruckartig den Mund, dann nickte er knapp. »Ich werde die …«

Den Rest konnte Ituralde nicht hören. Eine Explosion brüllte auf.

Ihren Einschlag fühlte er nicht. Im einen Moment stand er neben Deepe, im nächsten lag er auf dem Wehrgang, und die Welt um ihn herum war seltsam stumm. Schmerz tobte in seinem Kopf, und er hustete, hob eine zitternde Hand zum Gesicht und entdeckte, dass er blutete. Da war etwas in seinem rechten Auge; ein unerträglicher Schmerz durchzuckte es bei jedem Blinzeln. Warum war alles so still?

Er drehte sich herum, hustete erneut und kniff das rechte Auge zu; das andere tränte. Nur wenige Zoll entfernt von ihm endete die Mauer.

Er keuchte auf. Ein gewaltiges Stück der Nordmauer war einfach weg. Er stöhnte, schaute in die andere Richtung. Deepe hatte neben ihm gestanden …

Der Asha’man lag mit blutendem Kopf in der Nähe auf dem Wehrgang. Oberhalb der Stelle, wo das Knie hätte sein sollen, endete sein rechtes Bein in einem zerfetzten Stumpf aus Fleisch und gezacktem Knochen. Ituralde fluchte und stolperte vorwärts, sackte neben dem Mann auf die Knie. Unter Deepe sammelte sich eine Blutpfütze, aber er zuckte. Noch lebte er.

Ich muss Alarm geben …

Alarm? Die Explosion hätte Alarm genug sein müssen. Hinter der Mauer hatten aus dem Loch geschleuderte Steine die Gebäude in der Nähe schwer beschädigt. Draußen trabten Trollocs herbei, schleppten Flöße, mit denen sie den Graben überwinden wollten.

Ituralde nahm den Gürtel des Asha’man und band damit den Oberschenkel ab. Das war der einzige Gedanke, der ihn antrieb. Noch immer dröhnte sein Kopf von der Explosion.

Die Stadt ist verloren … Beim Licht! Sie ist verloren, einfach so!

Hände halfen ihm auf. Benommen schaute er sich um. Connel – er hatte die Druckwelle überlebt, auch wenn sein Mantel nur noch aus Fetzen bestand. Er zog Ituralde weg, während sich zwei Soldaten um Deepe kümmerten.

Die nächsten Minuten waren wie ein Fiebertraum. Ituralde stolperte die Mauertreppe hinunter und wäre um ein Haar kopfüber fünfzehn Fuß tief auf das Pflaster gestürzt. Allein Connels Hände verhinderten den Sturz. Und dann… ein Zelt? Ein großes Zelt mit aufgerollten Wänden? Ein Schlachtfeld sollte nicht so ruhig sein.

Eiseskälte schlug über ihm zusammen. Er schrie auf. Laute trommelten gegen seine Ohren und seinen Verstand. Schreie, berstender Stein, Trompeten, dröhnende Trommeln. Sterbende Männer. All das traf ihn auf einmal, als hätte man ihm Stöpsel aus den Ohren gerissen.

Er schüttelte sich, rang keuchend nach Luft. Er befand sich im Krankenzelt. Antail, der stille Asha’man mit dem schütteren Haar, stand über ihn gebeugt. Beim Licht, er war erschöpft! Zu wenig Schlaf und die Belastung durch das Heilen. Als ihn der Schlachtenlärm vereinnahmte, wurden seine Lider verräterisch schwer.

»Lord Ituralde«, sagte Antail. »Ich habe ein Gewebe, das wird Euch nicht gut fühlen lassen, aber Ihr werdet glauben, dass es Euch gut geht. Es könnte Euch schaden. Soll ich weitermachen?«

»Ich…«, sagte Ituralde. Das Wort kam nur als Murmeln heraus. »Es…«

»Blut und verdammte Asche«, murmelte Antail. Er griff zu. Eine weitere Welle der Macht durchströmte Ituralde. Es war, als würde ein Besen durch ihn hindurchfegen und Erschöpfung und Verwirrung mit sich nehmen, seine Sinne wiederherstellen und ihn sich wie nach einer großartigen Nachtruhe fühlen lassen. Sein rechtes Auge schmerzte nicht mehr.