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In der Ferne sah sie eine kleine Gruppe Flüchtlinge das Lager verlassen und querfeldein nach Südosten gehen. Man hatte ungefähr zehntausend in die ländlichen Gegenden von Cairhien schicken können, bevor die Wegetore versagten. Sie alle hatten den Befehl erhalten, sich ruhig zu verhalten. Perrin wollte nicht, dass sein Aufenthaltsort vorzeitig bekannt wurde. Die Frauen würden den Mund halten, aber natürlich würde die Männer klatschen; so waren sie nun einmal.

Nur wenigen war bekannt, dass die Wegetore versagten; Perrin hatte allgemein verkündet, dass er die Asha’man ausgeruht brauchte für den Fall, gegen die Weißmäntel kämpfen zu müssen. Das stimmte auch. Aber einige der Flüchtlinge hatten gebeten, gehen zu dürfen, und brachen zu Fuß auf. Ihnen hatte Faile Gold oder Juwelen aus Sevannas Hort gegeben und Glück gewünscht. Es hatte sie überrascht, wie viele von ihnen in eine Heimat zurückkehren wollten, die in von den Seanchanern kontrollierten Ländern lag.

Trotzdem wuchs die Größe von Perrins Streitmacht jeden Tag. Faile und die anderen passierten eine große Gruppe, die sich im Schwertkampf übte. Die Flüchtlinge, die sich zu einer solchen Ausbildung entschieden hatten, zählten nun ungefähr fünfundzwanzigtausend Köpfe. Sie übten bis spät am Tag, und Faile konnte noch immer Tams gebellte Befehle hören.

»Nun«, nahm Berelain wieder den Faden auf, »was wird Perrin tun? Warum sich diesem Verfahren stellen? Er will etwas von diesen Weißmänteln.« Sie trat um eine knorrige Fingerwurzel herum. Wie so viele andere las die Erste viel mehr in Perrins Taten hinein, als es da zu finden gab. Es hätte ihn amüsiert, die vielen Pläne zu erfahren, die man ihm zuschrieb.

Und sie will Männer verstehen, dachte Faile. Perrin war alles andere als dumm, und er war auch bei weitem nicht der einfach gestrickte Mann, als den er sich gern hinstellte. Er plante, er dachte nach, und er war sorgfältig. Aber er war auch direkt. Überlegt. Wenn er etwas sagte, dann meinte er es auch so.

»Ich stimme Berelain zu«, sagte Alliandre. »Wir sollten einfach aufbrechen. Oder diese Weißmäntel angreifen.«

Faile schüttelte den Kopf. »Es macht Perrin zu schaffen, wenn die Leute glauben, dass er etwas Falsches tat. Solange die Weißmäntel weiterhin darauf beharren, dass er ein Mörder ist, ist sein Name nicht makellos.« Er war stur und dumm, aber es hatte auch etwas Edles.

Solange er nicht daran starb. Allerdings liebte sie ihn für dieses Ehrgefühl. Ihn ändern zu wollen wäre ein schlechter Rat gewesen, also musste sie dafür sorgen, dass andere ihn nicht ausnutzten.

Wie immer trat ein seltsamer Blick in Berelains Augen, wenn sie über die Weißmäntel sprachen, und sie schaute möglicherweise unbewusst in die Richtung ihres Lagers. Beim Licht. Sie würde doch nicht noch einmal fragen, ob sie mit ihnen sprechen durfte? Bis jetzt hatte sie ein Dutzend verschiedene Gründe gefunden, warum sie das wollte.

Faile bemerkte eine große Gruppe Soldaten, die versuchten, unauffällig auszusehen, während sie eine Runde im Lager drehten und bestrebt waren, mit Faile und ihren Leibwächtern Schritt zu halten. Perrin wollte sie ausreichend beschützt wissen.

»Dieser junge Kommandierende Lordhauptmann«, sagte Alliandre nachdenklich. »Diese weiße Uniform stand ihm wirklich gut, findet Ihr nicht? Falls man über diese Sonne auf seinem Umhang hinwegsehen kann. So ein hübscher Mann.«

»Ach?«, erwiderte Berelain. Überraschenderweise röteten sich ihre Wangen.

»Ich hatte schon gehört, dass Morgases Stiefsohn ein ansehnlicher Mann ist«, fuhr Alliandre fort. »Aber ich hätte nie erwartet, dass er so … makellos ist.«

»Wie eine Marmorstatue«, flüsterte Berelain, »ein Relikt aus dem Zeitalter der Legenden. Ein perfektes Werk, für uns zurückgelassen. Damit wir es anbeten.«

»Er ist ganz passabel«, sagte Faile mit einem Schnauben. »Ich persönlich ziehe ein bärtiges Gesicht vor.«

Das war nicht einmal gelogen – sie liebte ein bärtiges Gesicht, und Perrin war ansehnlich. Er verfügte über eine stattliche Kraft, die ziemlich anziehend war. Aber dieser Galad Damodred war… nun, ihn mit Perrin zu vergleichen war nicht gerecht. Das war so, als würde man ein Buntglasfenster mit einem von einem Meisterschreiner gefertigten Schrank vergleichen. Beide waren ausgezeichnete Beispiele ihres Handwerks, und es fiel schwer, sie gegeneinander aufzuwiegen. Allerdings glänzte das Fenster zweifellos.

Berelains Miene erschien gedankenverloren. Damodred hatte ihr definitiv gefallen. Dabei war das in so kurzer Zeit passiert. Faile hatte Berelain gesagt, dass es für die Gerüchte hilfreich sein würde, einen anderen Mann für ihre Aufmerksamkeiten zu finden. Aber den Hauptmann der Weißmäntel? Hatte die Frau jetzt völlig den Verstand verloren?

»Also was machen wir?«, fragte Alliandre, als sie an der südlichen Lagerseite vorbeistreiften und damit den halben Weg zu ihrem Ausgangspunkt zurückgelegt hatten.

» Mit den Weißmänteln?«, fragte Faile.

»Mit Maighdin«, sagte Alliandre. »Morgase.«

Faile schüttelte den Kopf. »Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass sie meine Freundlichkeit schamlos ausgenutzt hat. Nach allem, was wir zusammen durchgemacht haben, verrät sie mir nicht, wer sie ist?«

»Ihr scheint Euch entschlossen zu haben, ihr nur wenig zuzugestehen«, meinte Berelain.

Faile schwieg. Sie hatte über Perrins Worte nachgedacht, und er hatte vermutlich recht. Sie hätte nicht so wütend auf sie sein sollen. Falls Morgase tatsächlich vor einem der Verlorenen geflohen war, dann war es ein Wunder, dass sie noch lebte. Davon abgesehen hatte sie ihre wahre Identität selbst dann noch verschwiegen, als sie Perrin kennengelernt hatte.

In Wahrheit lag Failes Zorn in der Tatsache begründet, dass Morgase über Perrin richten würde. Sie erdreistete sich, über Perrin zu richten. Maighdin, die Dienerin, mochte möglicherweise dankbar sein, aber Morgase, die Königin, würde Perrin als Rivalen sehen. Würde Morgase diesen Prozess wirklich unvoreingenommen betrachten, oder würde sie die Chance ergreifen, einen Mann zu diskreditieren, der sich selbst zum Lord gemacht hatte?

»Ich fühle da genauso wie Ihr, meine Lady«, sagte Alliandre leise.

»Wie denn?«

»Ich fühle mich hintergangen«, sagte Alliandre. »Maighdin war unsere Freundin. Ich dachte, ich würde sie kennen.«

»Ihr hättet in dieser Situation genau das Gleiche getan«, meinte Berelain. »Warum ohne Not diese Information preisgeben?«

»Weil wir Freundinnen waren«, sagte Alliandre. »Nach allem, was wir zusammen durchgemacht haben, stellt sich heraus, dass sie Morgase Trakand ist. Nicht nur eine Königin, sondern die Königin. Die Frau ist eine Legende. Und sie war hier bei uns und servierte uns Tee. Und das schlecht.«

»Ihr müsst zugeben«, meinte Faile nachdenklich, »dass sie mit dem Tee besser geworden ist.«

Sie griff sich an den Hals und berührte die Schnur mit Rolans Stein. Sie trug ihn nicht jeden Tag, aber sie tat es oft genug. Hatte Morgase die ganze Zeit, die sie zusammen bei den Shaido verbracht hatten, alles nur vorgetäuscht? Oder war sie in gewisser Weise viel wahrhaftiger gewesen? Ohne Titel, dem man gerecht werden musste, war sie nicht gezwungen gewesen, die »legendäre« Morgase Trakand zu sein. Zeigte sich die wahre Persönlichkeit unter solchen Umständen nicht viel eher?

Faile schloss die Finger um die Schnur. Morgase würde sich bei dem Prozess nicht aus Bosheit gegen Perrin wenden. Aber sie würde ein unvoreingenommenes Urteil fällen. Was bedeutete, dass Faile vorbereitet sein musste und …

In der Nähe ertönten Schreie.

Faile reagierte sofort und fuhr zum Wald herum. Instinktiv wappnete sie sich dagegen, dass Aiel aus den Büschen sprangen, um zu töten und Gefangene zu machen, und sie verspürte einen Augenblick der nackten Panik.

Aber die Schreie kamen aus dem Lagerinneren. Fluchend drehte sie sich um, fühlte aber, wie etwas an ihrem Gürtel zerrte. Überrascht schaute sie nach unten und sah, wie sich ihr Messer aus der Scheide schob und in die Luft stieg.