Die Trage erklomm ächzend die Turmspitze. Oben stand Aludra mit einem ihrer Drachenprototypen. Die Bronzeröhre war relativ lang und steckte auf einem Holzrahmen. Das war bloß ein Modell. Ein zweiter, funktionierender Drachen war auf dem nächsten Turm entlang der Mauer aufgebaut worden. Das war weit genug weg, um Elayne bei einer Panne nicht in Gefahr zu bringen.
Die schlanke Tarabonerin schien sich keine Gedanken über die Tatsache zu machen, dass sie der Königin einer fremden Nation eine möglicherweise die Welt verändernde Waffe überließ; offenbar schien sich Aludra nur dafür zu interessieren, sich an den Seanchanern zu rächen, zumindest hatte Mat es so erklärt. Als Elayne mit Lucas Zirkus gereist war, hatte sie einige Zeit mit der Frau verbracht, aber sie war sich noch immer nicht sicher, wie vertrauenswürdig sie letztlich war. Sie würde sie von Meister Norry im Auge behalten lassen.
Immer natürlich vorausgesetzt, die Drachen funktionierten. Elayne warf noch einen Blick auf die Menschen in der Tiefe. Erst da wurde ihr bewusst, in welcher Höhe sie sich eigentlich befand. Beim Licht!
Ich bin sicher, erinnerte sie sich. Mins Sicht. Nicht, dass sie so etwas zu Birgitte sagte, das nicht mehr. Und sie wollte wirklich damit aufhören, so viele Risiken einzugehen. Das hier war kein Risiko. Nicht, wenn man es genau nahm.
Sie wandte den Blick ab, bevor ihr schwindlig werden konnte, und konzentrierte sich auf den Drachen. Er war im Prinzip geformt wie eine große Bronzeglocke, nur länger und schmaler. Wie eine gewaltige Vase, die man auf die Seite gelegt hatte. Elayne hatte mehr als einen Brief von den aufgebrachten Glockengießern der Stadt erhalten. Aludra beharrte darauf, dass ihre Befehle ganz genau ausgeführt wurden, und hatte die Männer gezwungen, die Röhre dreimal neu zu gießen.
Spät am vergangenen Abend war in der Stadt ein lauter Knall zu hören gewesen. Als wäre irgendwo eine Steinmauer umgestürzt oder ein Blitz eingeschlagen. Am Morgen hatte Elayne eine Nachricht von Aludra bekommen.
Erster Test ein Erfolg, hatte dort gestanden. Trefft mich heute auf der Stadtmauer für eine Demonstration.
»Euer Majestät«, sagte Aludra. »Euch geht es … gut?«
»Seid unbesorgt, Aludra«, erwiderte Elayne und versuchte ihre Würde zu bewahren. »Der Drache ist bereit?«
»Das ist er«, erwiderte Aludra. Sie trug ein langes braunes Kleid, und ihr langes, gelocktes schwarzes Haar fiel ihr offen bis zur Taille. Warum heute keine Zöpfe? Aludra schien sich nichts aus Schmuck zu machen, und Elayne hatte sie auch nie welchen tragen gesehen. In ihrer Nähe standen fünf Männer aus Mats Bande der Roten Hand, von dem einer etwas trug, das wie die Bürste eines Schornsteinfegers aussah. Ein anderer hielt eine Eisenkugel in den Händen, ein dritter trug ein kleines Holzfass.
Auf dem nächsten Turm konnte Elayne eine ähnliche Gruppe sehen. Dort hob jemand einen Hut in die Luft und winkte ihr zu. Anscheinend wollte Mat von dem Turm mit dem funktionierenden Drachen zusehen. Leichtsinniger Trottel. Was, wenn das Ding wie eine Nachtblume explodierte?
»Dann wollen wir mit den Demonstrationen beginnen«, sagte Aludra. »Diese Männer hier werden Euch vorführen, was auf dem anderen Turm geschieht.« Sie zögerte und sah Elayne an. »Ich finde, wir sollten Euer Majestät in die Höhe stemmen, damit Ihr das Schauspiel sehen könnt.«
Wenige Minuten später hatten sie ein paar kleine Kisten gefunden, die man unter der Trage stapeln konnte, sodass Elayne nun über die Turmzinnen schauen konnte. Anscheinend hatte man etwas auf einem fernen Hügel aufgebaut, allerdings war es zu weit weg, als dass sie die Einzelheiten ausmachen konnte. Aludra holte mehrere Ferngläser hervor und gab je eines an sie und Birgitte weiter.
Elayne hob das Fernglas ans Auge. Kleiderpuppen. Aludra hatte fünfzig von ihnen in Rängen auf dem fernen Hügel aufgestellt. Beim Licht! Wo hatte sie so viele davon her? Vermutlich würde Elayne ein paar ausführliche Briefe von den Schneidern der Stadt bekommen.
Mat hatte versprochen, dass das jeden Preis wert sein würde. Natürlich war hier die Rede von Mat. Er war nicht unbedingt die verlässlichste Person, wenn es um solche Dinge ging.
Er ist nicht derjenige, der ein unschätzbares Ter’angreal an den Schatten verloren hat, rief sie sich in Erinnerung. Sie runzelte die Stirn. In der Tasche trug sie eine weitere Kopie des Fuchskopfes. Es war eine von dreien, die sie bis jetzt hatte herstellen können. Wenn sie schon ans Bett gefesselt war, dann konnte sie ihre Zeit auch genauso gut nutzen. Es wäre weniger frustrierend gewesen, hätte sie ständig die Macht lenken können.
Alle drei Reproduktionen des Fuchskopf-Medaillons funktionierten genau wie die erste Kopie. Solange sie sie hielt, konnte sie die Macht nicht lenken, und ein mächtiges Gewebe konnte sie überwältigen. Sie brauchte das Original wirklich noch länger, um es genauer studieren zu können.
»Wie Ihr seht, Euer Majestät«, sagte Aludra steif, als wäre sie nicht daran gewöhnt, eine Demonstration zu geben, »haben wir versucht, die Bedingungen nachzustellen, unter denen Ihr die Drachen einsetzen würdet, ja?«
Nur dass wir es statt mit fünfzig Kleiderpuppen mit hunderttausend Trollocs zu tun haben werden, dachte Elayne.
»Ihr solltet zum nächsten Turm schauen«, sagte Aludra gestikulierend.
Elayne richtete das Fernglas auf den benachbarten Turm. Dort standen fünf uniformierte Mitglieder der Bande an dem Drachen. Mat musterte das Ding und schaute ins Rohr.
»Sie haben etwas mit dem Drachen geübt«, fuhr Aludra fort. »Aber sie sind nicht so effizient, wie ich es gern hätte. Für den Augenblick werden sie reichen, ja?«
Elayne senkte das Fernglas, als die Männer das Modell zurückrollten – es war mit Rädern ausgestattet – und das Rohr ein Stück zum Himmel hinaufkippten. Einer schüttete etwas schwarzes Pulver aus seinem Fässchen hinein, dann stopfte ein anderer irgendeinen Propfen nach. Der Mann mit der langen Stange rammte sie dann in das Rohr hinein. Er hielt in Wahrheit gar keine Schornsteinbürste, sondern eine Art Werkzeug, mit dem man alles feststopfen konnte.
» Das sieht wie das Pulver in einer Nachtblume aus «, meinte Birgitte. Sie verspürte Skepsis.
Aludra warf der Behüterin einen Blick zu. »Und woher wisst Ihr, was in einer Nachtblume ist, Maerion? Euch ist schon klar, wie gefährlich es ist, eine davon zu öffnen, ja?«
Birgitte zuckte mit den Schultern.
Aludra runzelte die Stirn, erhielt aber keine Antwort, also holte sie tief Luft und beruhigte sich. »Dieses Gerät ist völlig sicher. Wir haben den anderen Drachen zum Schießen vorbereitet, also besteht keine Gefahr, ja? Aber es bestünde sowieso keine Gefahr. Der Guss ist gut, und meine Berechnungen sind perfekt.«
»Elayne«, sagte Birgitte, »ich finde noch immer, wir sollten uns das besser auf der Mauer dort unten ansehen. Selbst wenn das Ding hier nicht angezündet werden wird.«
»Nach der ganzen Mühe, die ich mir machen musste, um hier heraufzukommen?«, fragte Elayne. »Nein, danke. Aludra, Ihr dürft weitermachen.«
Sie ignorierte Birgittes Verärgerung. Glaubte Aludra allen Ernstes, sie würde mit ihrer Eisenkugel eine der Kleiderpuppen treffen? Das war ein weiter Weg, und die Kugel war so klein, kaum breiter als die Handfläche eines Mannes. Hatte sie diese ganze Mühe für ein Gerät investiert, das noch schlechter als ein Katapult funktionierte? Es hatte sich angehört, als könnte dieser Drache seine Kugel weiter schleudern, aber die von einem Katapult geschleuderten Steine waren vielfach größer.
Die Männer kamen zum Schluss. Der letzte Mann hielt eine kleine Fackel an eine Zündschnur, die aus der Kugel ragte, und ließ sie dann in das Rohr rollen, dann drehte er die Röhre genau nach Süden.
»Seht Ihr?«, sagte Aludra und tätschelte den Drachen. »Drei Männer sind am besten. Vier zur Sicherheit, falls einer fällt. Falls nötig kann das auch einer allein bewältigen, aber das wäre dann sehr zeitraubend.«