Die Männer traten zurück, als Aludra eine rote Fahne hervorholte. Sie hielt sie in die Luft und signalisierte der anderen Mannschaft auf dem benachbarten Turm. Elayne richtete das Fernglas auf sie. Einer hielt eine kleine Fackel. Mat sah neugierig zu.
Aludra senkte die Fahne. Der Soldat hielt die brennende Fackel an die Seite des Drachen.
Die folgende Explosion war so mächtig, dass Elayne zusammenzuckte. Der Knall war scharf wie ein Donnerschlag, und in der Ferne ertönte etwas, das wie das Echo der Explosion klang. Elayne legte eine Hand an die Brust und erinnerte sich Luft zu holen.
Auf dem Hügel explodierte eine Stelle zu einer massiven Wolke aus Staub und Erde. Der Boden selbst schien zu erzittern! Als hätte eine Aes Sedai den Erdboden mit einem Gewebe aufgerissen, dabei war die Eine Macht gar nicht zum Einsatz gekommen.
Aludra erschien enttäuscht. Elayne hob das Fernglas. Die Explosion hatte die Kleiderpuppen um gute zwanzig Schritte verfehlt, dafür aber ein fünf Schritte breites Loch in den Boden gerissen. Explodierte die Kugel wie eine Nachtblume, um das zu erreichen? Dieses Gerät war nicht bloß ein verbessertes Katapult oder Trebuchet; es war etwas anderes. Etwas, das eine Eisenkugel mit einer solchen Gewalt in den Boden schmettern konnte, dass sie ein großes Loch schlug und danach vermutlich selbst explodierte.
Elayne konnte eine ganze Mauer mit diesen Drachen bestücken! Und wenn sie dann alle gemeinsam feuerten …
Aludra hob wieder die Fahne. Elayne sah zu, wie die Männer auf dem anderen Turm das Rohr reinigten und dann nachluden. Mat hielt sich stirnrunzelnd die Ohren zu, was Elayne lächeln ließ. Er hätte von ihrem Turm aus zusehen sollen. Das Nachladen nahm nicht viel Zeit in Anspruch, vielleicht drei Minuten. Und Aludra wollte dafür sorgen, dass es noch schneller ging?
Auldra schrieb ein paar Befehle nieder und übersandte sie per Boten zu den Männern. Sie veränderten die Position des Drachen ein Stück. Wieder schwenkte Aludra die Fahne; Elayne wappnete sich gegen die Explosion, zuckte aber dennoch zusammen, als sie ertönte.
Dieses Mal saß der Schuss genau und traf die Mitte der Reihen aus Kleiderpuppen. Ihre zerfetzten Überreste wirbelten durch die Luft. Der Schuss zerstörte fünf oder sechs und schleuderte ein gutes Dutzend zu Boden.
Mit der Fähigkeit, alle zwei Minuten so weit zu schießen und dabei eine solche Zerstörung anzurichten, würden diese Waffen tödlich sein. Möglicherweise sogar so tödlich wie Damane. Birgitte schaute noch immer durch ihr Fernglas, und auch wenn ihre Miene reglos war, konnte Elayne ihr Erstaunen spüren.
»Die Waffe – Ihr findet sie zufriedenstellend?«, fragte Aludra.
»Ich finde sie zufriedenstellend, Aludra«, sagte Elayne lächelnd. »Ich finde sie sogar in der Tat zufriedenstellend. Die Ressourcen der ganzen Stadt gehören Euch, die Ressourcen von ganz Andor. Es gibt in Andor noch mehr Glockengießer.« Sie sah die Feuerwerkerin an. »Aber Ihr müsst diese Konstruktionspläne geheim halten. Ich werde Euch Wächter mitgeben. Wir können es uns nicht leisten, dass einer der Glockengießer darüber nachdenkt, was es ihm einbringt, wenn er sein Zuhause verlässt und Informationen an unsere Feinde verkauft.«
»Solange die Seanchaner nichts davon erfahren, ist mir das egal«, sagte Aludra.
»Nun, mir aber nicht«, erwiderte Elayne. »Und ich bin diejenige, die dafür sorgen wird, dass diese Dinger vernünftig eingesetzt werden. Ihr müsst mir noch einen Eid leisten, Aludra.«
Die Frau seufzte, gehorchte aber. Elayne hatte nicht vor, diese Waffen gegen jemand anderen als Trollocs oder Seanchaner einzusetzen. Aber das Wissen, sie zu haben, würde sie doch sehr beruhigen, wenn es um die Sicherheit ihrer Nation ging.
Sie lächelte, als sie darüber nachdachte, und es fiel ihr schwer, ihre Aufregung zu verbergen. Birgitte senkte endlich das Fernglas. Sie fühlte sich … ernst an.
»Was ist?«, fragte Elayne, als die Gardisten nacheinander ihr Fernglas benutzten und die Zerstörung inspizierten. Sie fühlte eine seltsame Verstopfung. Hatte sie etwas Verkehrtes zu Mittag gegessen?
»Gerade hat sich die Welt verändert, Elayne«, sagte Birgitte und schüttelte den Kopf; der lange Zopf baumelte etwas. »Sie hat sich auf bedeutende Weise verändert. Ich habe das schreckliche Gefühl, dass das erst der Anfang ist.«
30
Hier träumen Menschen
Diese Weißmäntel sind ein verschlossener Haufen, meine Lady«, sagte Lacile mit einem selbstzufriedenen Lächeln, »aber es sind nun einmal Männer. Männer, die, wie ich glaube, schon lange keine Frau mehr gesehen haben. Das raubt ihnen auch noch den Rest von ihrem armseligen Verstand.«
Faile ging mit vorgehaltener Laterne an den dunklen Pferdeseilen entlang. Perrin schlief; in den letzten Tagen war er immer früh zu Bett gegangen, um den Wolfstraum zu finden. Die Weißmäntel hatten sich zögernd bereit erklärt, die Gerichtsverhandlung zu verschieben, aber Perrin hätte sich trotzdem darauf vorbereiten und überlegen sollen, was er dort vorbringen wollte. Er murmelte etwas davon, es bereits zu wissen. Wie sie ihn kannte, würde er Morgase einfach erzählen, was geschehen war, so geradeheraus wie immer.
Lacile und Selande begleiteten Faile. Hinter ihnen kamen weitere Mitglieder der Cha Faile und passten sorgfältig auf, dass niemand in Hörweite war.
»Ich glaube, die Weißmäntel wussten, dass wir dort spionieren wollten«, sagte Selande. Die kleine blasse Frau ging mit der Hand auf dem Schwertknauf. Diese Haltung erschien nicht mehr so gekünstelt wie einst; Selande hatte ihren Fechtunterricht sehr ernst genommen.
»Nein, das bezweifle ich«, erwiderte Lacile. Sie trug noch immer eine einfache braune Bluse und einen Rock in einem dunkleren Braunton. Selande hatte sich nach ihrer Rückkehr sofort umgezogen und trug wieder Hosen und Schwert – sie hatte noch immer einen Schnitt am Arm, wo das Schwert sie hatte umbringen wollen -, aber Lacile schien den Rock zu genießen.
»Sie wussten kaum etwas Nützliches«, sagte Selande.
»Ja«, erwiderte Lacile, »aber ich glaube, das sind sie einfach nur so gewöhnt. Unser Vorwand, nach Maighdin und den anderen zu sehen, war klug, meine Lady. Wir konnten Eure Nachricht überbringen und dann etwas mit den Männern plaudern. Ich habe ihnen genug Nützliches entlockt!«
Faile hob eine Braue, aber Lacile verstummte, als sie an einem Pferdeknecht vorbeikamen, der noch arbeitete und ein Pferd abrieb.
»Die Weißmäntel respektieren Galad«, fuhr Lacile fort, sobald sie außer Hörweite des Mannes waren. »Auch wenn ein paar von ihnen über die Dinge murren, die er ihnen gesagt hat.«
»Was für Dinge?«, wollte Faile wissen.
»Er will, dass sie sich für die Letzte Schlacht mit den Aes Sedai verbünden«, erklärte Lacile.
»Es weiß doch jeder, dass ihnen diese Idee nicht gefallen wird«, meinte Selande. »Es sind Weißmäntel!«
»Ja«, sagte Faile, »aber es bedeutet, dass Galad vernünftiger als seine Männer ist. Ein nützlicher Hinweis, Lacile.«
Die junge Frau errötete und strich das kurze Haar mit einer bescheidenen Geste zurück, schnippte die roten Schleifen nach hinten, die sie dort hineingebunden hatte. Seit ihrer Gefangenschaft bei den Shaido hatte sie angefangen, doppelt so viele zu tragen.
Ein Stück voraus trat eine schlanke Gestalt zwischen zwei Pferden vor. Der Mann trug einen dicken Schnurrbart im tarabonischen Stil, und obwohl er noch jung war, hatte er die Ausstrahlung von jemandem, der schon viel im Leben gesehen hatte. Dannil Lewin war der Mann, der nun den Befehl über die Männer von den Zwei Flüssen hatte, seit sich Tarn mysteriöserweise zur Abreise entschieden hatte. Mochte das Licht dafür sorgen, dass Tarn wohlauf war, ganz egal, wo er sich nun befand.
»Dannil«, sagte Faile, »was für ein merkwürdiger Zufall, Euch hier zu begegnen.«
»Zufall?« Er kratzte sich am Kopf. In der einen Hand hielt er den entspannten Bogen, sah ihn allerdings immer wieder misstrauisch an. Das taten nun viele Leute mit ihren Waffen. »Ihr habt mich doch gebeten herzukommen.«