»Es muss trotzdem ein Zufall sein, falls jemand fragt«, erwiderte Faile. »Vor allem, wenn derjenige mein Gemahl ist.«
»Ich halte nicht gern Dinge vor Lord Perrin verborgen«, sagte Dannil und schloss sich ihr an.
»Also zieht Ihr lieber das Risiko vor, dass fanatische Weißmäntel ihm den Kopf abschlagen?«
» Nein. Das tut keiner der Männer.«
»Also habt Ihr getan, worum ich Euch bat?«
Dannil nickte. »Ich sprach mit Grady und Neald. Lord Perrin befahl ihnen bereits, in der Nähe zu bleiben, aber wir unterhielten uns. Grady sagte, er habe Gewebe aus Luft vorbereitet und schafft Lord Perrin sofort dort weg, sollte es hässlich werden. Neald deckt den Rückzug. Ich habe mit den Männern aus den Zwei Flüssen gesprochen. Eine Gruppe Bogenschützen in den Bäumen hält sich bereit, für Ablenkung zu sorgen.«
Faile nickte. Glücklicherweise war keiner der Asha’man von dieser Blase des Bösen verletzt worden. Jeder von ihnen trug ein Messer, aber Berichten zufolge hatten sie die schwebenden Waffen nur angesehen, dann lässig die Hände geschwungen und sie aus der Luft geschossen. Als die Boten mit Failes Nachricht über den Trick mit der geworfenen Erde in dem Teil des Lagers eintrafen, in dem sich die Asha’man aufhielten, hatten sie dort beträchtlich weniger Chaos vorgefunden. Grady und Neald schritten durchs Lager und schalteten jede Waffe aus, der sie begegneten.
Der Prozess war zum Teil wegen der nötigen Heilung verschoben worden. Aber es hatte noch andere gravierende Gründe gegeben; Perrin hatte den Lagerschmieden genügend Zeit geben wollen, Ersatzwaffen für jene herzustellen, die sie verloren hatten, nur für den Fall, dass die Verhandlung mit einer Schlacht endete. Wovon Faile immer mehr überzeugt war.
»Lord Perrin wird es nicht gefallen, aus dem Kampf gezerrt zu werden«, meinte Dannil. »Gar nicht gefallen.«
»Dieses Zelt könnte sich in eine Todesfalle verwandeln«, sagte Faile. »Perrin kann die Schlacht führen, wenn er will, aber von einer sichereren Position. Ihr schafft ihn dort raus.«
Dannil seufzte, nickte aber. »Ja, meine Lady.«
Perrin lernte, Junger Bulle nicht zu fürchten.
Schritt für Schritt lernte er, das Gleichgewicht zu erringen. Wolf zu sein, wenn der Wolf gebraucht wurde; Mann zu sein, wenn der Mann gebraucht wurde. Er ließ sich von der Jagd vereinnahmen, behielt aber Faile – und sein Zuhause – stets in seinen Gedanken. Er ging auf der Schwertschneide, aber jeder Schritt machte ihn selbstsicherer.
Heute jagte er Springer, eine verschlagene und erfahrene Beute. Aber Junger Bulle lernte schnell, und über den Verstand eines Menschen zu verfügen brachte ihm Vorteile. Er konnte wie etwas oder jemand denken, der er nicht war.
Hatte es so bei Noam angefangen? Wohin würde dieser Weg des Verstehens führen? Da gab es ein Geheimnis, das Junger Bulle allein ergründen musste.
Ein Scheitern war unvorstellbar. Er musste lernen. Irgendwie hatte es den Anschein, dass er sich in der wachen Welt viel wohler fühlte, je selbstbewusster er im Wolfstraum wurde.
Junger Bulle rannte durch einen fremden Wald. Nein, einen Dschungel, mit herabhängenden Schlingpflanzen und breiten Farnen. Das Unterholz war so dicht, dass selbst eine Ratte sich kaum hätte durchquetschen können. Aber Junger Bulle verlangte, dass sich die Welt vor ihm öffnete. Schlingpflanzen rollten sich auf. Büsche beugten sich zurück. Farne machten den Weg frei, wie Mütter, die ihre Kinder aus dem Weg eines galoppierenden Pferdes rissen.
Er erhaschte einen Blick auf den vor ihm laufenden Springer. Seine Beute verschwand. Junger Bulle verringerte das Tempo nicht, raste über die Stelle, wo er eben noch gewesen war, und erwischte den Geruch von Springers Ziel. Junger Bulle versetzte sich auf eine baumlose, offene Ebene, deren Boden mit unbekannten Büschen bewachsen war. Seine Beute war eine Abfolge von Schemen in der Ferne. Junger Bulle folgte, und jeder Sprung trug ihn Hunderte Schritte weiter.
Innerhalb von Sekunden kamen sie zu einem gewaltigen Plateau. Seine Beute rannte die Flanke des Felssockels senkrecht hinauf. Junger Bulle folgte ihr und ignorierte, was »richtig« war. Er rannte, obwohl sich der Boden tief unter seinem Rücken befand, die Nase dem brodelnden Meer aus schwarzen Wolken zugewandt. Er setzte über Felsspalten hinweg, sprang abwechselnd von einer Seite einer tiefen Klamm zur anderen und erreichte die Oberseite des Plateaus.
Springer griff an. Junger Bulle war bereit. Er rollte sich ab und landete auf allen vieren, während seine Beute über seinen Kopf hinwegsetzte, über die Klippenkante hinausgetragen wurde, aber dann mit einem Aufblitzen verschwand und wieder am Klippenrand stand.
Junger Bulle wurde zu Perrin mit einem Hammer aus weichem Holz in der Hand. Im Wolfstraum waren solche Dinge möglich; ein Treffer dieses Hammers würde nicht schmerzen.
Perrin schwang die Waffe, und die plötzliche Geschwindigkeit der Bewegung ließ die Luft erzittern. Aber Springer war genauso schnell, wich aus. Er rollte sich ab und sprang mit gebleckten Zähnen auf Perrins Rücken. Perrin knurrte und versetzte sich, sodass er ein paar Fuß weiter von der Stelle stand, an der er sich eben noch befunden hatte. Springers Kiefer schnappte ins Leere, und Perrin schwang erneut den Hammer.
Plötzlich wurde Springer von dichtem Nebel eingehüllt. Perrins Hammer durchschlug ihn und traf den Boden. Er prallte ab. Perrin fluchte und fuhr herum. In dem Nebel konnte er nicht sehen, konnte Springers Geruch nicht erfassen.
Mach die Welt zu der deinen, Junger Bulle.
Perrin konzentrierte sich, dachte an trockene Luft. An den muffigen Geruch von Staub. So hätte die Luft in einer so unfruchtbaren Landschaft sein sollen.
Nein. So hätte die Luft nicht sein sollen. So war sie! Sein Verstand, seine Willenskraft, seine Gefühle krachten gegen ein Hindernis. Er stemmte sich hindurch.
Der Nebel verschwand und löste sich in der Hitze auf. Springer hockte ein kurzes Stück entfernt auf den Hinterläufen. Gut, sagte der Wolf. Du lernst. Er schaute zur Seite nach Norden, schien von etwas abgelenkt zu sein. Dann war er mit einem Mal verschwunden.
Perrin fand seinen Geruch und folgte ihm zur Jehannahstraße. Springer rannte an der seltsamen violetten Kuppel vorbei. Sie sprangen häufig an diesen Ort zurück, um zu sehen, ob die Kuppel je verschwand. Bis jetzt war das noch nicht geschehen.
Perrin rannte weiter. Sollte die Kuppel die darin befindlichen Wölfe einsperren? Aber falls dem so war, warum hatte der Schlächter seine Falle nicht am Drachenberg aufgestellt, wo sich aus irgendeinem Grund so viele Wölfe versammelten?
Vielleicht diente die Kuppel einem anderen Zweck. Perrin merkte sich ein paar markante Felsformationen am Kuppelrand, dann folgte er Springer auf einen niedrigen Felsvorsprung. Der Wolf sprang und verschwand mitten in der Luft, und Perrin folgte ihm.
Er fing den Geruch von Springers Ziel mitten im Sprung ein, dann begab er sich noch in der Bewegung selbst dorthin. Er erschien etwa zwei Fuß über einer schimmernden blauen Fläche. Verblüfft landete er im Wasser.
Er paddelte wild und ließ den Hammer fallen. Springer stand auf der Wasseroberfläche und zeigte das wölfische Gegenstück zu Missbilligung. Nicht gut. Du musst noch immer lernen.
Perrin spukte Wasser.
Die See wurde stürmisch, aber Springer saß ganz ruhig auf den rollenden Wellen. Wieder schaute er nach Norden, aber dann wandte er sich Perrin zu. Das Wasser macht dir zu schaffen, junger Bulle.
»Ich war bloß überrascht«, sagte Perrin und schwamm mühsam.
Warum?
»Weil ich nicht damit gerechnet habe!«
Warum mit etwas rechnen? Wenn du einem anderen folgst, könntest du überall enden.