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Er drehte sich um und rannte durch den feindseligen Wald. Das Ding folgte ihm. Er hörte, wie es Zweige brach und seine Schritte den Erdboden erbeben ließen. Ein Stück voraus entdeckte er die Frau; ihr dünnes weißes Gewand verlangsamte ihre Flucht, als es sich an einem Ast verfing. Sie riss es frei und lief weiter.

Die Kreatur ragte hinter ihm auf. Sie würde ihn erwischen, ihn verschlingen, vernichten! Er rief nach der Frau, griff nach ihr. Sie warf einen Blick über die Schulter und stolperte.

Perrin fluchte. Er eilte an ihre Seite, um ihr aufzuhelfen. Aber das Ding war so nah!

Also hieß es kämpfen. Sein Herz trommelte so schnell, wie eine Heidelerche gegen einen Baum pickte. Mit schweißnassen Händen drehte er sich um und hielt den Hammer fester, um sich dem schrecklichen Wesen hinter ihm zu stellen. Er trat zwischen die Kreatur und die Frau.

Das Ungeheuer bäumte sich auf, wurde noch größer, und die roten Augen loderten grell! Beim Licht! Er konnte unmöglich dieses Ding bekämpfen, oder doch? Irgendeinen Vorteil, er brauchte einen Vorteil. »Was ist das?«, fragte er die Frau verzweifelt. »Warum verfolgt es uns?«

»Er ist es«, zischte sie. »Der Wiedergeborene Drache.«

Perrin erstarrte. Der Wiedergeborene Drache. Aber … aber das war doch Rand. Es ist ein Albtraum, rief er sich in Erinnerung. Nichts davon ist real. Ich darf mich nicht darin verfangen lassen.

Der Boden erbebte, als stöhnte er. Er konnte die Hitze aus den Augen des Ungeheuers spüren. Hinter ihm ertönte ein Rascheln, als die Frau weiterlief und ihn zurückließ.

Perrin stand mit zitternden Beinen da, und jeder Instinkt drängte ihn zur Flucht. Aber nein. Er konnte auch nicht dagegen kämpfen. Dieses Ding konnte er einfach nicht als real akzeptieren.

Ein Wolf heulte und sprang auf die Lichtung. Springer schien die Dunkelheit wegzuschieben. Die Kreatur bückte sich zu Perrin und breitete eine gewaltige Hand aus, als wollte sie ihn zerquetschten.

Das war eine Gasse.

In Caemlyn.

Es war nicht real.

Das war es nicht.

Um ihn herum verblich die Dunkelheit. Die gewaltige finstere Schattenkreatur verformte sich in der Luft, wie ein Stück Stoff, das man dehnte. Der Mond verschwand. Zu ihren Füßen erschien ein kleines Stück Boden – die dreckige, festgetretene Erde einer Gasse.

Dann war der Traum blitzartig verschwunden. Perrin stand wieder in der Gasse, Springer an seiner Seite, und es gab kein Zeichen mehr von dem Wald oder der schrecklichen Kreatur, die irgendwer für den Wiedergeborenen Drachen hielt.

Perrin atmete langsam aus. Schweiß tropfte von seiner Stirn. Er wollte ihn abwischen, aber dann ließ er ihn einfach mit einem bewussten Gedanken verschwinden.

Springer verschwand, und Perrin folgte ihm auf dasselbe Dach wie zuvor. Er setzte sich. Allein der Gedanke an diesen Schatten ließ ihn frösteln. »Es war so real«, sagte er. »Ein Teil von mir wusste, dass das nur ein Albtraum ist. Aber ich konnte nicht anders handeln, als zu versuchen dagegen zu kämpfen oder zu fliehen. Als ich keines davon tat, wurde es stärker, oder nicht? Weil ich es als real akzeptierte?«

Ja. Du darfst nicht glauben, was du siehst. Perrin nickte. »Da war eine Frau. Gehörte sie zum Traum? War auch sie nicht real?« Ja.

»Vielleicht war sie ja die Träumerin«, meinte Perrin. »Die diesen Albtraum hatte, sich darin verfing und hier in der Welt der Träume gefangen war.«

Menschen, die träumen, bleiben nicht lange hier, sagte Springer. Für ihn war das das Ende der Diskussion. Du warst stark, Junger Bulle. Das hast du gut gemacht. Er roch stolz.

»Es half, als sie das Ding den Wiedergeborenen Drachen nannte. Das zeigte, dass es nicht real war. Half mir, daran zu glauben, dass es das nicht war.«

Das hast du gut gemacht, dummer Welpe, wiederholte Springer. Vielleicht kannst du ja doch etwas lernen.

»Nur, wenn ich weiter übe. Wir müssen das wiederholen. Kannst du noch einen finden?«

Ja. In der Nähe deine Art gibt es immer Albträume. Immer. Aber der Wolf wandte sich wieder nach Norden. Perrin hatte angenommen, dass ihn diese Träume zuvor abgelenkt hatten, aber anscheinend war das nicht der Fall gewesen.

»Was ist dort oben? Warum schaust du immer wieder dahin?«

Sie kommt.

»Was?«

Die Letzte Jagd. Sie beginnt. Oder nicht.

Perrin stand stirnrunzelnd auf. »Du meinst… jetzt in diesem Augenblick?«

Die Entscheidung wird fallen. Bald.

»Welche Entscheidung?« Springers Bilder waren verwirrend, und er vermochte sie nicht zu entschlüsseln. Licht und Dunkelheit, Leere und Feuer, und eine schreckliche, unerträgliche Hitze. Vermischt mit heulenden Wölfen, die riefen und Kraft verliehen.

Komm. Springer stand auf, nach Nordosten schauend.

Der Wolf verschwand. Perrin versetzte sich ihm hinterher und erschien irgendwo auf den unteren Hängen des Drachenbergs neben einem Felsvorsprung.

»Beim Licht«, sagte Perrin leise und schaute ehrfürchtig in die Höhe. Der sich seit Monaten zusammenbrauende Sturm hatte seinen Höhepunkt erreicht. Eine gewaltige schwarze Gewitterwolke dominierte den Himmel und verhüllte die Bergspitze. Langsam drehte sie sich, ein riesiger Strudel der Finsternis, der Lichtblitze verschoss, die sich mit den darunterliegenden Wolken verbanden. In anderen Teilen des Wolfstraums waren die Wolken zwar stürmisch, aber immer fern gewesen. Das hier fühlte sich unmittelbar an.

Das hier war … der Mittelpunkt von etwas. Perrin fühlte es genau. Der Wolfstraum spiegelte oft Dinge aus der realen Welt auf seltsame und unerwartete Weise wider.

Springer stand auf dem Felsvorsprung. Überall auf den Hängen des Drachenbergs fühlte Perrin Wölfe. Eine noch größere Zahl von ihnen, als er zuvor wahrgenommen hatte.

Sie warten, sagte Springer. Die Letzte Jagd kommt.

Als sich Perrin dafür öffnete, entdeckte er, dass weitere Rudel kamen; noch befanden sie sich in der Ferne, bewegten sich aber auf den Drachenberg zu. Perrin schaute zu dem monströsen Gipfel hinauf. Das Grabmal von Lews Therin, dem Drachen. Ein Monument seines Wahnsinns, sowohl seines Scheiterns wie auch seines Erfolgs. Seines Stolzes und seines Opfers.

»Die Wölfe«, sagte Perrin. »Sie sammeln sich für die Letzte Jagd?«

Ja. Wenn sie stattfindet.

Perrin wandte sich wieder dem Wolf zu. »Du hast gesagt, das würde sie. ›Die Letzte Jagd kommt‹, hast du gesagt.«

Es muss eine Entscheidung fallen, Junger Bulle. Ein Weg führt zur Letzten Jagd.

»Und der andere?«

Springer antwortete nicht sofort. Er schaute zum Drachenberg. Der andere Wegführt nicht zur Letzten Jagd. »Ja, aber wohin führt er dann?«

Ins Nichts.

Perrin öffnete den Mund, um den Wolf zu einer klareren Antwort zu drängen, aber dann traf ihn die Bedeutung von Springers Botschaft. Für den Wolf bedeutete »das Nichts« ein leerstehender Bau, aus dem Fallensteller sämtliche Welpen entfernt hatten. Ein Nachthimmel ohne Sterne. Ein verblassender Mond. Der Geruch von altem Blut, das trocken abblätterte.

Perrin schloss den Mund. Am Himmel wogte noch immer der schwarze Sturm. Er konnte ihn im Wind riechen, der Geruch von zerbrochenen Bäumen und Erde, von überfluteten Feldern und von Blitzen ausgelösten Feuersbrünsten. Wie so oft und vor allem in letzter Zeit erschienen diese Gerüche als Kontrast zu der Welt um ihn herum. Einer seiner Sinne verriet ihm, dass er genau im Zentrum einer Katastrophe stand, die die anderen einfach nicht wahrnahmen.

»Diese Entscheidung. Warum treffen wir sie nicht einfach?«

Es ist nicht unsere Entscheidung, Junger Bulle.

Perrin fühlte sich von den Wolken angezogen. Unwillkürlich stieg er den Hang hinauf. Springer folgte ihm. Dort oben ist es gefährlich, Junger Bulle.