»Ich weiß.« Aber Perrin konnte einfach nicht stehen bleiben. Stattdessen beschleunigte er seine Schritte noch. Springer rannte neben ihm her und passierte Bäume, Felsen, Gruppen zusehender Wölfe. Perrin und Springer kamen immer höher, stiegen weiter, bis die Bäume aufhörten und der Boden kalt durch Frost und Eis war.
Schließlich näherten sie sich der Wolke selbst. Wie ein finsterer Nebel erschien sie, wirbelte herum und erzitterte durch die in ihr tobenden Strömungen. An ihrem Rand zögerte Perrin kurz, dann trat er hinein. Es war wie der Eintritt in einen Albtraum. Die Luft knisterte vor Energie, gewaltige Böen wehten. Der Sturm wirbelte Blätter, Erde und Geröll umher, und Perrin war gezwungen, zum Schutz eine Hand zu heben.
Nein, dachte er.
Um ihn herum tat sich eine kleine Blase beruhigter Luft auf. Der Sturm wütete nur Zoll von seinem Gesicht entfernt, und er musste sich anstrengen, um nicht wieder von ihm erfasst zu werden. Dieser Sturm war kein Albtraum oder ein Traum; er war etwas viel Größeres, etwas viel Realeres. Diesmal war Perrin derjenige, der mit seiner sicheren Blase etwas Unnatürliches erschuf.
Mühsam ging er weiter und hinterließ bald Spuren im Schnee. Springer stemmte sich gegen den Wind und schwächte ebenfalls seine Wirkung ab. Er war besser darin als Perrin – Perrin schaffte es kaum, seine Blase aufrechtzuerhalten. Aber ohne sie würde er bestimmt in den Sturm gesogen und in die Luft geschleudert. Große Äste wirbelten vorbei, sogar ein paar kleine Bäume.
Springer wurde langsamer, dann setzte er sich in den Schnee. Er schaute nach oben, in Richtung Gipfel. Ich kann nicht bleiben. Ich gehöre nicht an diesen Ort.
»Ich verstehe.«
Der Wolf verschwand, aber Perrin ging weiter. Er konnte nicht erklären, was ihn da eigentlich anzog, aber er wusste, dass er dabei sein musste. Jemand musste Zeuge sein. Er ging weiter, und es kam ihm wie Stunden vor, dabei konzentrierte er sich allein auf zwei Dinge: den Wind abzuwehren und einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Der Sturm wurde zusehends wilder. Hier oben war er so schlimm, dass Perrin ihn nicht mehr völlig abwehren konnte, sondern nur die schlimmsten Auswirkungen abschwächen. Er passierte den zerborstenen Kamm, an dem der Gipfel zerbrochen war, suchte sich einen Weg daran vorbei, machte sich dabei so klein wie möglich, um den Böen keine große Angriffsfläche zu bieten; zu beiden Seiten war es ein tiefer Sturz. Der Wind peitschte seine Kleider, Staub und Schnee in der Luft ließen ihn die Augen zusammenkneifen.
Aber er marschierte weiter. Hielt auf den Gipfel zu, der vor ihm über die zerstörte Bergseite aufragte. Dort oben würde er finden, was er gesucht hatte, das wusste er. Dieser schreckliche Malstrom war die Reaktion des Wolfstraums auf etwas Großes, etwas Schreckliches. Manchmal waren die Dinge an diesem Ort realer als in der wachen Welt. Der Traum spiegelte einen Sturm wider, weil etwas Wichtiges geschah. Perrin sorgte sich, dass es etwas Böses war.
Er kämpfte sich weiter nach oben, stapfte durch den Schnee, kroch über Felsen. Auf dem eiskalten Stein blieb die Haut seiner Fingerkuppen haften. Aber er hatte in den vergangenen Wochen viel gelernt. Er sprang über Abgründe, die er unmöglich hätte überspringen können, und er kletterte Felsen hinauf, die für ihn zu steil hätten sein müssen.
Ganz oben auf der Spitze des zerbrochenen und zerklüfteten Berggipfels stand eine Gestalt. Perrin kletterte weiter. Jemand musste Zeuge sein. Jemand musste da sein, wenn es geschah.
Schließlich zog sich Perrin einen letzten Felsvorsprung hinauf und war nur noch ein Dutzend Schritte vom Gipfel entfernt. Jetzt konnte er die Gestalt erkennen. Der Mann stand genau im Zentrum des Sturmwindes und starrte reglos nach Osten. Durchsichtig und nur schwer auszumachen, war er das Spiegelbild der realen Welt. Wie ein Schatten. Perrin hatte noch nie zuvor etwas Vergleichbares gesehen.
Natürlich handelte es sich um Rand. Perrin hatte gewusst, dass nur er das sein konnte. Mit einer zerschundenen Hand hielt er sich am Felsen fest und zog mit der anderen den Umhang enger – den Umhang hatte er schon vor mehreren Klippen erschaffen. Er blinzelte mit den geröteten Augen und schaute in die Höhe. Den Wind abzuwehren, um nicht in den Sturm hinausgeweht zu werden, kostete ihn den größten Teil seiner Willenskraft.
Plötzlich zuckten Blitze auf, und zum ersten Mal seit Beginn seines Aufstiegs krachte der Donner. Diese Blitze formten eine Kuppel um den Berggipfel. Sie warfen ihr Licht auf Rands Gesicht. Auf dieses harte, unbewegte Antlitz, das wie in Stein gemeißelt erschien. Wohin waren die weichen Züge verschwunden? Wann hatte Rand so viele Falten und harte Linien bekommen? Und diese Augen, sie schienen aus Marmor zu bestehen!
Rand trug einen Umhang in Rot und Schwarz. Mit prächtigen Stickereien versehen; an der Taille hing ein Schwert. Der Sturm hatte keinen Einfluss auf Rands Kleidung. Sie war unnatürlich bewegungslos, als wäre er tatsächlich nichts anderes als eine Statue. Aus Stein gemeißelt. Das Einzige, das sich dort bewegte, war sein dunkelrotes Haar, das in alle Richtungen wehte.
Perrin klammerte sich an dem Felsen fest, der eisige Wind schnitt in seine Wangen, Finger und Füße waren so taub, dass er sie kaum noch fühlte. In seinem Bart knisterten staubiges Eis und Schnee. Plötzlich rotierte etwas Schwarzes um Rand. Es gehörte nicht zum Sturm; es hatte den Anschein, als sickerte die Nacht selbst aus ihm heraus. Ranken wuchsen aus seiner Haut, als würden sich winzige windende Hände um seinen Körper wickeln. Sie sahen aus wie das Gestalt gewordene Böse.
»Rand!«, brüllte Perrin. »Kämpf dagegen an! Rand!«
Seine Stimme verhallte im Sturm, und er bezweifelte sowieso, dass Rand ihn hätte hören können. Die Finsternis sickerte weiterhin aus ihm heraus, als dringe flüssiges Pech aus den Poren, um einen Pesthauch um den Wiedergeborenen Drachen zu erschaffen. Innerhalb weniger Augenblicke konnte Perrin Rand kaum noch inmitten der Dunkelheit erkennen. Sie hüllte ihn ein, schnitt ihn von allem ab, verbannte ihn. Der Wiedergeborene Drache war verschwunden. Allein das Böse blieb.
» Rand, bitte …«, flüsterte Perrin.
Und dann spaltete ein winziger Lichtfunke das Böse – aus der Mitte der Finsternis, aus dem Zentrum von Aufruhr und Sturm. Wie Kerzenschein in einer finsteren Nacht. Das Licht strebte wie ein Fanal in die Höhe, auf den fernen Himmel zu. Es war so schwach.
Der Sturm peitschte dagegen. Wind heulte, stürmte und toste. Blitze schlugen auf dem Felsgipfel ein, sprengten Steinbrocken los, gruben tiefe Risse in den Boden. Die Finsternis wogte und pulsierte.
Aber das Licht leuchtete weiter.
In der schwarzen Hülle des Bösen erschien ein feiner Riss; dahinter strahlte es hell. Ein weiterer Riss kroch darauf zu, dann noch einer. In ihrem Inneren befand sich etwas Starkes, etwas Glühendes, Strahlendes.
Die Hülle wurde aufgesprengt, sie löste sich auf und entließ eine Lichtsäule von solcher Helligkeit, dass sie Perrins Augen zu versengen schien. Aber er schaute trotzdem hin, hob keinen Arm, um den Kopf zu schützen oder das strahlende Bild vor ihm auszusperren. Mitten im Licht stand Rand, den Mund geöffnet, als würde er den Himmel anbrüllen. Die sonnengelbe Säule schoss in die Luft, und der Sturm schien zu erbeben, der Himmel selbst schien zu wogen.
Der Sturm verschwand.
Die Säule aus grellem Licht wurde zu einer Säule aus Sonnenlicht, das in die Tiefe strömte und den Gipfel des Drachenbergs erhellte. Perrin löste die Finger von dem Felsen und betrachtete staunend Rand, der mitten im Licht stand. Es schien so schrecklich lange her zu sein, dass er einen Strahl unverfälschten Sonnenlichts gesehen hatte.
Die Wölfe stießen ein Heulen aus. Es handelte sich um Triumphgeheul, prächtig und siegessicher. Auch Perrin hob den Kopf und stieß ein Heulen aus, wurde für einen Moment zu Junger Bulle. Er fühlte, wie sich der Teich aus Sonnenlicht ausbreitete und schließlich auch ihn erfasste, und seine Wärme verbannte die Eiseskälte. Er nahm kaum wahr, dass Rands Bild verschwand, denn er ließ das Sonnenlicht zurück.