Mit dem Medaillon am richtigen Platz wählte er eine Richtung und ging los. Er befand sich in der Neustadt, einem Ort voller von Menschen erbauter Gebäude, die einen deutlichen Kontrast zu den prächtigen Ogierwerken anderswo in Caemlyn boten. Diese Häuser waren von robuster Konstruktion, standen aber dicht gedrängt.
Die erste Gruppe versuchte ihn zu töten, bevor er eine Straße vom Gerüchtekarussell entfernt war. Sie kamen zu viert. Als sie sich auf ihn stürzten, eilte eine Gruppe Schatten aus einer Gasse in der Nähe, angeführt von Talmanes. Mat fuhr zu den Mördern herum, die ruckartig stehen blieben, als sich die Soldaten zu ihm gesellten. Die Straßenschläger flohen Hals über Kopf, und Mat nickte Talmanes zu.
Die Männer der Bande verschmolzen wieder mit der Dunkelheit, und Mat ging weiter. Er legte ein gemütliches Tempo vor, den Ashandarei geschultert. Seine Männer hatten den Befehl, zu ihm Distanz zu wahren, es sei denn, er würde angegriffen.
Im Verlauf der nächsten Stunde brauchte er sie drei weitere Male, und jedes Mal verscheuchten sie eine größere Mörderbande. Beim letzten Mal mussten er und die Bande tatsächlich mit den Angreifern kämpfen. Gegen ausgebildete Soldaten hatten die Schläger keine Chance, nicht einmal auf der finsteren Straße, die sie ihr Zuhause nannten. Der Kampf forderte fünf tote Schläger, aber unter seinen Soldaten gab es nur einen Verletzten. Mat schickte Harvell begleitet von zwei anderen Männern weg.
Es wurde immer später. Mat begann sich schon zu sorgen, das ganze Theater am nächsten Abend wiederholen zu müssen, aber da bemerkte er jemanden vor sich auf der Straße. Das Kopf Steinpflaster war feucht vom Nebel früher am Abend, dort spiegelte sich die Mondsichel.
Mat blieb stehen, senkte den Speer. Er konnte keine Einzelheiten an der Gestalt erkennen, aber so, wie sie da stand…
»Du willst mich in die Falle locken?«, fragte der Gholam. Er klang amüsiert. »Mit deinen Männern, die man bloß anfassen muss, um sie in Stücke zu reißen, die so leicht sterben?«
»Ich bin es leid, verfolgt zu werden«, sagte Mat laut.
»Also lieferst du dich mir aus? Was für ein Geschenk!«
»Klar«, erwiderte Mat, hob den Ashandarei. Der Fuchskopf an der Klinge funkelte im Mondlicht. »Pass aber auf die scharfen Kanten auf.«
Das Ding glitt heran, und Mats Männer zündeten Laternen an. Die Soldaten der Bande stellten die Laternen auf dem Boden ab und wichen zurück; ein paar von ihnen rannten los, um Botschaften zu überbringen. Sie hatten den strikten Befehl, nicht einzugreifen. Dieser Abend würde ihre Eide in dieser Angelegenheit vermutlich auf eine harte Probe stellen.
Mat suchte sich einen festen Stand und wartete auf den Gholam. Nur ein Held warf sich auf solch eine Bestie, und er war kein verdammter Held. Auch wenn seine Männer versuchten, andere von dieser Straße fernzuhalten, damit niemand den Gholam verscheuchen konnte. Das war kein Heldentum. Aber möglicherweise war es eine Dummheit.
Die flüssigen Bewegungen des Gholam warfen im Laternenlicht Schatten auf die Straße. Mat empfing ihn mit einem Hieb des Ashandarei, aber die Bestie tänzelte zur Seite und entging ihm mühelos. Verdammte Asche, dieses Ding war wirklich schnell! Das Messer in seiner Hand zuckte auf die Speerklinge zu.
Mat riss den Ashandarei zurück und ließ nicht zu, dass das Ungeheuer das Medaillon losschnitt. Es tänzelte um ihn herum, und er folgte der Bewegung und blieb im Kreis der Laternen. Er hatte eine breite Straße ausgesucht, denn er hatte sich fröstelnd an den Tag in der Gasse in Ebou Dar erinnert, wo ihn der Gholam fast auf engem Raum erwischt hatte.
Die Bestie kam wieder heran, und Mat fintierte und lockte sie näher. Um ein Haar verrechnete er sich, schwang den Ashandarei aber rechtzeitig herum, um den Gholam mit der flachen Klinge zu treffen. Das Medaillon zischte, als es den Arm des Gholam berührte.
Das Monstrum fluchte und wich zurück. Flackernder Laternenschein erhellte seine Züge und erschuf Flecken aus Dunkelheit und Licht. Obwohl von seinem Arm eine Rauchfahne aufstieg, lächelte es wieder. Mat hatte das Gesicht der Kreatur immer für unscheinbar gehalten, aber in dem unzuverlässigen Licht und mit diesem Lächeln nahm es einen erschreckenden Ausdruck an. Das Laternenlicht ließ seine Augen wie zwei winzige gelbe Flammen glühen, die die Dunkelheit in ihren Höhlen verschlang.
Unscheinbar am Tag, ein Schrecken bei Nacht. Dieses Ding hatte die hilflos daliegende Tylin abgeschlachtet. Mat knirschte mit den Zähnen. Dann griff er an.
Eine idiotische Idee. Der Gholam war schneller als er, und Mat hatte nicht die geringste Ahnung, ob der Fuchskopf ihn töten konnte oder nicht. Er griff trotzdem an. Er griff für Tylin an, für die Männer, die er an dieses Ungeheuer verloren hatte. Er griff an, weil er keine andere Wahl hatte. Wenn man wirklich wissen wollte, was ein Mann wert war, trieb man ihn in die Ecke und ließ ihn um sein Leben kämpfen.
Mat stand nun in der Ecke. Blutig und gehetzt. Er wusste, dass ihn dieses Ding irgendwann finden würde – oder, noch schlimmer, es würde Tuon oder Olver finden. Es war die Art von Situation, in der ein vernünftiger Mann die Flucht ergriffen hätte. Aber er musste ja stattdessen ein verfluchter Narr sein. Wegen eines Schwurs an eine Aes Sedai in der Stadt bleiben? Nun, sollte er sterben, dann wenigstens mit der Waffe in der Hand.
Mat verwandelte sich in einen Wirbelsturm aus Stahl und Holz und griff brüllend an. Der Gholam erschien überrascht und wich tatsächlich zurück. Mat hieb ihm den Ashandarei gegen die Hand und verbrannte Fleisch, dann kreiselte er und schlug ihm den Dolch aus den Fingern. Die Kreatur sprang zur Seite, aber Mat machte einen Satz nach vorn und rammte dem Ding den Speer zwischen die Beine.
Es krachte zu Boden. Seine Bewegungen waren geschmeidig, und es fing sich ab, aber es ging zu Boden. Als es wieder auf die Füße schnellte, hieb ihm Mat die Ashandarei-Klinge gegen die Ferse. Sie durchtrennte sauber die Sehnen das Gholam, und wäre das Monstrum menschlich gewesen, wäre es zusammengebrochen. Stattdessen gab es nicht einmal einen Schmerzlaut von sich, und aus dem Schnitt floss kein Blut.
Die Kreatur fuhr herum und warf sich mit ausgestreckten Krallenfingern auf Mat. Er taumelte zurück und schwang zur Abwehr den Speer. Die Kreatur grinste ihn an.
Dann drehte sie sich seltsamerweise um und rannte los.
Mat fluchte. Hatte sie etwas verjagt? Aber nein, sie floh gar nicht. Sie wollte sich an seine Männer halten!
»Rückzug!«, brüllte Mat ihnen zu. »Zurück! Du verdammtes Ungeheuer. Ich bin hier! Kämpf gegen mich!«
Die Mitglieder der Bande gehorchten seinem Befehl und liefen auseinander, obwohl sich Talmanes mit grimmigem Gesichtsausdruck nur widerwillig bewegte. Der Gholam lachte, verfolgte die Soldaten aber nicht. Stattdessen trat er die erste Laterne um, und sie erlosch. Er rannte den Kreis entlang und versetzte jeder einen Tritt, was die Straße in tiefe Dunkelheit tauchte.
Verfluchte Asche! Mat jagte hinter der Kreatur her. Falls sie sämtliche Lichter löschen konnte, würde er mit dieser dichten Wolkendecke in so gut wie absoluter Finsternis kämpfen müssen!
Talmanes ignorierte unverhohlen seine Sicherheit, sprang vor und schnappte sich seine Laterne, um sie zu beschützen. Er floh die Straße entlang, und Mat fluchte, als der Gholam ihn verfolgte.
Mat stürzte hinter ihnen her. Talmanes hatte einen ordentlichen Vorsprung, aber der Gholam war so schnell. Um ein Haar erwischte er ihn, und Talmanes machte einen Satz zur Seite und wich rückwärts die Treppe zu einem Hauseingang hinauf. Das Ungeheuer raste auf ihn zu, und Talmanes stolperte weiter hinauf, während Mat so schnell rannte, wie er konnte.