»Beim Licht!«, flüsterte Ituralde. »Sollte diese Streitmacht an uns vorbeikommen, wird es in Saldaea, Andor oder Arad Doman nichts geben, das sie aufhalten kann. Bitte sagt mir, dass der Lord Drache wie versprochen mit den Seanchanern Frieden geschlossen hat?«
»Wie in so vielen anderen Dingen habe ich darin versagt«, sagte eine ruhige Stimme hinter ihnen.
Ituralde fuhr herum. Ein hochgewachsener Mann mit rotem Haar betrat den Raum – ein Mann, bei dem Ituralde trotz der bekannten Gesichtszüge das Gefühl hatte, ihm nie zuvor begegnet zu sein.
Rand al’Thor hatte sich verändert.
Der Wiedergeborene Drachen zeigte dasselbe Selbstvertrauen und die gleiche aufrechte Haltung, die Ausstrahlung, die Gehorsam verlangte. Und trotzdem erschien alles irgendwie anders. Wie er dort stand, ohne dieses allgegenwärtige Misstrauen. Wie er Ituralde voller Sorge musterte.
Diese kalten und gefühllosen Augen hatten Ituralde einst davon überzeugt, diesem Mann zu folgen. Auch diese Augen hatten sich verändert. Seinerzeit hatte der General keine Weisheit in ihnen entdecken können.
Sei kein dummer Narr, rief sich Ituralde zurecht, du kannst nicht beurteilen, ob ein Mann weise ist, indem du ihm in die Augen siehst!
Und doch konnte er es.
»Rodel Ituralde«, sagte al’Thor, trat vor und legte Ituralde die Hand auf den Arm. »Ich habe Euch und Eure Männer angesichts eines überlegenen Gegners im Stich gelassen. Bitte verzeiht mir.«
»Ich traf diese Wahl selbst«, erwiderte Ituralde. Seltsamerweise fühlte er sich weniger müde als noch Augenblicke zuvor.
»Ich habe Eure Männer inspiziert«, fuhr al’Thor fort. »Es sind so wenige von ihnen übrig, und sie haben Schlimmes durchgemacht. Wie habt Ihr diese Stadt halten können? Ihr habt ein wahres Wunder vollbracht.«
»Ich tat, was getan werden musste.«
»Ihr müsst viele Freunde verloren haben.«
»Ich … ja.« Welche andere Antwort konnte es da geben? Das als Lappalie zu verwerfen hätte sie alle entehrt. »Wakeda fiel heute. Rajabi… nun, ihn erwischte ein Draghkar. Ankaer. Er hielt bis heute Nachmittag durch. Er konnte nie herausfinden, warum dieser Trompeter das Signal zu früh gab. Rossin untersuchte es ebenfalls. Er ist auch tot.«
»Wir müssen aus dieser Stadt heraus«, sagte Bashere drängend. »Es tut mir leid, Mann. Maradon ist verloren.«
»Nein«, sagte al’Thor leise. »Der Schatten wird diese Stadt nicht bekommen. Nicht nach allem, was diese Männer taten, um sie zu halten. Das erlaube ich nicht.«
»Eine ehrenhafte Haltung«, sagte Bashere, »aber wir können nicht…« Er verstummte, als al’Thor ihn ansah.
Diese Augen. So durchdringend. Sie schienen beinahe in Flammen zu stehen. »Sie werden diese Stadt nicht bekommen, Bashere«, sagte al’Thor mit einem Hauch Zorn in der ruhigen Stimme. Er winkte, und ein Wegetor zerriss die Luft. Plötzlich war der Lärm der Trommeln und der brüllenden Trollocs viel näher. »Ich bin es müde, ihn mein Volk verletzen zu lassen. Zieht Eure Soldaten zurück.«
Und al’Thor trat durch das Tor. Zwei Töchter der Aiel eilten in den Raum, und er ließ das Tor lange genug geöffnet, damit sie hinter ihm herspringen konnten. Dann ließ er es verschwinden.
Bashere sah aus, als hätte ihn ein Blitz getroffen. Sein Mund stand halb geöffnet. »Dieser Mann sei verflucht«, stieß er schließlich hervor und wandte sich wieder dem Fenster zu. »Ich dachte, er würde so etwas nicht mehr tun!«
Ituralde gesellte sich zu Bashere, hob das Fernglas und schaute zu der gewaltigen Bresche in der Mauer. Davor überquerte al’Thor in seinem braunen Mantel den zertrampelten Boden, gefolgt von den zwei Töchtern.
Ituralde glaubte den Lärm der heulenden Trollocs hören zu können. Ihre Trommeln. Sie sahen drei Menschen, die allein kamen.
Die Trollocs stürmten heran. Hunderte. Tausende. Ituralde keuchte auf. Bashere betete stumm.
Al’Thor hob die eine Hand, dann stieß er sie mit erhobener Handfläche der Flut aus Schattengezücht entgegen.
Und sie starben.
Den Anfang machten Flammenwogen, die große Ähnlichkeit mit denen der Asha’man hatten. Nur waren sie viel größer. Die Flammen brannten schreckliche Schneisen der Verwüstung durch die Trollocs. Sie folgten der Kontur des Landes, leckten den Hügel hinauf und dann weiter hinunter in die Gräben und füllten sie mit weißer Glut, die alles versengte und vernichtete.
Wolken von Draghkar kreisten am Himmel und stürzten sich auf al’Thor. Über ihm verfärbte sich die Luft blau, und Eissplitter sprühten wie Pfeile von den Bögen eines ganzen Banners Bogenschützen in die Höhe. Die Bestien kreischten ihre unmenschliche Qual hinaus, Kadaver regneten zu Boden.
Licht und Macht explodierten aus dem Wiedergeborenen Drachen. Er war wie eine ganze Armee Machtlenker. Tausende vom Schattengezücht starben. Todestore klappten auf, rasten über den Boden und töteten Hunderte.
Der Asha’man Naeff, der neben Bashere stand, keuchte auf. »Ich habe noch nie so viele Gewebe auf einmal gesehen«, flüsterte er. »Ich kann sie nicht alle verfolgen. Er ist ein Sturm. Ein Sturm aus Licht und Strängen der Macht!«
Über der Stadt bildeten sich Wolken und rotierten rasend schnell. Der Wind frischte auf, Blitze zuckten in die Tiefe. Donnerschläge übertönten den Trommellärm, als Trollocs vergeblich versuchten zu al’Thor durchzukommen und über die brennenden Kadaver ihrer Brüder stiegen. Die wirbelnden weißen Wolken krachten in den schwarzen brodelnden Sturm und vermischten sich. Windböen rissen an al’Thors Umhang.
Der Mann selbst schien zu glühen. War das nur eine Reflexion der Flammenschneisen oder vielleicht der Blitze? Al’Thor erschien heller als sie alle, die Hand gegen das Schattengezücht gerichtet. Die Töchter kauerten zu beiden Seiten von ihm auf dem Boden, die Blicke nach vorn gerichtet, die Schultern gegen den zügellosen Wind gestemmt.
Übereinander wirbelnde Wolken schnitten Gräben in die Trolloc-Horden, fauchten über den Hügelkamm hinweg und rissen die Kreaturen mit sich. Dahinter stiegen gewaltige Strudel aus Fleisch und Feuer in die Luft. Die Bestien regneten auf die anderen herab. Ituralde schaute voller Ehrfurcht zu, auf seiner Haut sträubten sich alle Haare. Das kam von der Energie in der Luft.
In unmittelbarer Nähe ertönte ein Schrei. Innerhalb des Gebäudes, in einem der Nebenzimmer. Ituralde wandte sich nicht von dem Fenster ab. Er musste diesen wunderbaren schrecklichen Augenblick der Vernichtung und der Macht sehen.
Der Trommelschlag geriet ins Stocken, Wogen von Trollocs verließen die Ränge. Ganze Legionen von ihnen drehten sich um und ergriffen die Flucht, stolperten den Hügel hinauf und übereinander hinweg, flohen zurück in die Große Fäule. Einige hielten stand – zu wütend, zu sehr von denen eingeschüchtert, die sie antrieben, oder einfach zu dumm, um zu fliehen. Der Wirbelsturm der Zerstörung schien seinen Höhepunkt zu erreichen, Lichtblitze regneten zusammen mit dem heulenden Wind, pulsierenden Flammenwänden und funkelnden Eissplittern in die Tiefe.
Es war ein Meisterwerk. Ein schreckliches, zerstörerisches, wunderbares Meisterwerk. Al’Thor streckte die Hand dem Himmel entgegen. Die Winde gewannen noch an Stärke, die Blitze wurden gewaltiger, die Flammen noch heißer. Trollocs schrien, stöhnten, heulten. Ituralde ertappte sich dabei, wie er am ganzen Leib zitterte.
Al’Thor ballte die Finger zur Faust, und es endete.
Die letzten der vom Wind erfassten Trollocs fielen wie von einer zufälligen Brise hochgeschleuderte Blätter vom Himmel. Alles verstummte. Die Flammen erstarben, die schwarzen und weißen Wolken lösten sich auf und gaben den blauen Himmel frei.
Al’Thor senkte die Hand. Auf dem Feld vor ihm stapelten sich die Kadaver. Zehntausende tote Trollocs qualmten. Direkt vor al’Thor bildete ein hundert Schritte breiter Haufen einen hohen Kamm, ein Hügel aus Toten, die ihn beinahe erreicht hatten.
Wie lange hatte es gedauert? Ituralde konnte unmöglich die Zeit bestimmen, obwohl ein Blick zur Sonne verriet, dass zumindest eine Stunde vergangen war. Vielleicht auch mehr. Es war wie Sekunden erschienen.