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Obwohl ihm das völlig klar war, wusste ein Teil von ihm dennoch, dass er in diesen Gewässern sterben würde. Diesen schrecklichen, blutigen Gewässern. Das Stöhnen der anderen überfiel ihn, und er sehnte sich danach, ihnen zu helfen. Er wusste, dass sie nicht real waren. Einfach nur Hirngespinste. Aber es fiel schwer.

Perrin erhob sich aus dem Wasser, die Wellen verwandelten sich wieder in festen Boden. Aber dann schrie er auf, als etwas sein Bein streifte. Blitze zerrissen den Himmel. Neben ihm versank eine Frau in der Tiefe, von unsichtbaren Rachen nach unten gerissen. Von Panik übermannt trieb Perrin einen Herzschlag später an einer völlig anderen Stelle wieder im Meer, einen Arm um ein Stück Treibgut geschlungen.

Das kam vor. Schwankte er auch nur einen Augenblick lang, ließ er es zu, den Albtraum als real zu betrachten, wurde er hineingezogen und in das schreckliche Mosaik gepresst. In der Nähe bewegte sich etwas im Wasser, und er paddelte erschrocken los. Eine der wogenden Wellen hob ihn in die Luft.

Das ist nicht real. Das ist nicht real. Das ist nicht real.

Das Wasser war so kalt. Wieder berührte etwas sein Bein, und er schrie auf und würgte, als er einen Mund voll Salzwasser verschluckte.

DAS IST NICHT REAL!

Er war in Cairhien, meilenweit vom Meer entfernt. Das war eine Straße. Hartes Kopfsteinpflaster am Boden. Aus einer Bäckerei in der Nähe kam der Geruch von backendem Brot. Die Straße wurde von kleinen, schmalen Eschen gesäumt.

Mit einem Aufbrüllen klammerte er sich an dieses Wissen, während die Menschen um ihn herum sich an die Wrackteile klammerten. Perrin ballte die Hände zu Fäusten, konzentrierte sich auf die Realität.

Da waren Pflastersteine unter seinen Füßen. Keine Wellen. Kein Wasser. Keine Reißzähne und Flossen. Langsam erhob er sich wieder aus dem Meer. Er trat hinaus und setzte den Fuß auf die Oberfläche, fühlte festen Stein unter dem Stiefel. Er fand sich auf einem kleinen schwebenden Steinkreis wieder.

Links von ihm schoss etwas Gewaltiges durch das Wasser, eine riesige Bestie, zum Teil Fisch, zum Teil Ungeheuer, der Rachen war so groß, dass ein Mann aufrecht hineinschreiten konnte. Die Zähne waren so groß wie Perrins Hand; Blut tropfte an ihnen herab.

Es war nicht real.

Die Kreatur zerplatzte zu einer Nebelwolke. Die Gischt traf Perrin und trocknete sofort. Um ihn herum krümmte sich der Albtraum, er verbreitete eine Blase der Realität. Die dunkle Luft, die kalten Wellen, die schreienden Menschen, alles verlief wie nasse Farbe.

Es gab keine Blitze – er sah nicht, wie sie seine Lider erhellten. Da war kein Donner. Er konnte die Erschütterungen nicht hören. Da waren keine Wellen, nicht in der Mitte des von Land umgebenen Cairhien.

Perrin riss die Augen auf, und der ganze Albtraum zerbrach, löste sich auf wie Frost im Frühlingssonnenschein. Die Gebäude kamen wieder zum Vorschein, die Straße kehrte zurück, die Wellen zogen ab. Der Himmel wurde wieder zu dem brodelnden schwarzen Sturm. In seinen Tiefen blitzte es wieder weiß und hell, aber es ertönte kein Donner.

Springer saß ein kurzes Stück entfernt auf der Straße. Perrin trottete zu dem Wolf. Natürlich hätte er die Distanz auch mit einem Sprung überwinden können, aber ihm missfiel die Vorstellung, alles auf diese leichte Weise zu tun. Das würde ihn in der realen Welt nur beißen.

Du wirst stark, Junger Bulle. Springer war zufrieden.

»Ich brauche noch immer zu lange«, sagte Perrin und schaute über die Schulter. »Bei jedem Eindringen brauche ich ein paar Minuten, um die Kontrolle zu erringen. Ich muss schneller werden. Bei einem Kampf mit dem Schlächter können ein paar Minuten eine Ewigkeit sein.«

Er wird nicht so stark wie die Albträume sein.

»Aber stark genug«, sagte Perrin. »Er hatte Jahre, um zu lernen, wie man den Wolfstraum kontrolliert. Ich habe gerade erst angefangen.«

Springer lachte. Junger Bulle, du hast damit angefangen, als du das erste Mal hergekommen bist.

»Ja, aber mit der Ausbildung habe ich erst vor wenigen Wochen angefangen.«

Springer lachte weiter. Er hatte nicht ganz unrecht. Perrin hatte zwei Jahre mit den Vorbereitungen verbracht und den Wolfstraum jede Nacht besucht. Aber er musste noch immer so viel lernen, wie es nur möglich war. Eigentlich war er froh, dass der Prozess verschoben worden war.

Aber er konnte sich nicht mehr lange davor drücken. Die Letzte Jagd war da. Viele Wölfe rannten nach Norden; Perrin konnte sie vorbeilaufen fühlen. Sie rannten zur Großen Fäule, in die Grenzlande. Sie bewegten sich in der realen Welt und im Wolfstraum, aber hier versetzten sie sich nicht direkt zu ihrem Ziel. Sie liefen im Rudel.

Ihm war nicht verborgen geblieben, dass sich Springer danach sehnte, sich ihnen anzuschließen. Aber er blieb zurück, genau wie ein paar der anderen.

»Komm«, sagte er. »Lass uns einen weiteren Albtraum finden.«

Der Rosenweg stand in voller Blüte.

Das war unglaublich. In diesem schrecklichen Sommer blühten nur wenige Pflanzen, und die, die es taten, waren verwelkt. Aber der Rosenweg blühte wie verrückt, Hunderte rote Explosionen erfüllten die Gartenbeete. Insekten summten von Blüte zu Blüte, als wäre jede Biene der Stadt hergekommen, um zu fressen.

Gawyn hielt Abstand zu den Insekten, aber der Rosenduft war so durchdringend, dass er das Gefühl hatte, darin zu baden. Nach seinem Spaziergang würde seine Kleidung vermutlich noch stundenlang danach riechen.

In der Nähe einer der Bänke neben einem kleinen, mit Lilien bedeckten Teich unterhielt sich Elayne mit mehreren Beratern. Ihre Schwangerschaft war zu sehen, und sie schien zu strahlen. Ihr goldblondes Haar reflektierte das Sonnenlicht wie ein Spiegel; die Rosenkrone von Andor auf ihren Locken erschien dabei vergleichsweise gewöhnlich.

In diesen Tagen hatte sie oft viel zu tun. Er hatte die hinter vorgehaltener Hand erfolgten Berichte über die Waffen gehört, die sie konstruierte, die Waffen, die sie für so mächtig wie gefangene Damane hielt. Soweit ihm bekannt war, hatten die Glockengießer von Caemlyn die Nächte durchgearbeitet. Caemlyn bereitete sich auf den Krieg vor, in der Stadt wimmelte es vor Aktivitäten. Sie hatte nur selten Zeit für ihn, aber er war dankbar für jeden Moment, den sie erübrigen konnte.

Sie lächelte, als sie ihn erblickte, dann schickte sie ihre Gefolgsleute fort. Sie kam zu ihm herüber und gab ihm einen liebevollen Kuss auf die Wange. »Du siehst nachdenklich aus.«

»Dieses Leiden sucht mich in letzter Zeit oft heim«, sagte er. »Du siehst gehetzt aus.«

»Dieses Leiden sucht mich in letzter Zeit oft heim«, sagte sie. »Es ist immer zu viel zu tun, und es gibt nicht genug von mir, um es zu tun.«

»Wenn du gehen musst…«

»Nein«, sagte sie und nahm seinen Arm. »Ich muss mit dir reden. Und man hat mir gesagt, dass ein täglicher Spaziergang im Garten gut für meinen Zustand ist.«

Gawyn lächelte und atmete den Rosenduft und den Schlammgeruch des Teichs ein. Der Geruch des Lebens. Er schaute zum Himmel hinauf. »Ich kann nicht glauben, wie viel Sonnenlicht wir hier gesehen haben. Ich war fast schon überzeugt, dass das ständige Zwielicht etwas Unnatürliches war.«

»Oh, das ist es vermutlich auch«, sagte sie leichthin. »Vor einer Woche brach die Bewölkung um Caemlyn auf, aber nur dort.«

»Aber … wie ist das möglich?«

Sie lächelte. »Rand. Er hat irgendetwas getan. Ich glaube, er war auf dem Drachenberg. Und dann …«

Plötzlich erschien der Tag finsterer. »Schon wieder al’Thor«, fauchte Gawyn. »Er verfolgt mich bis hierher.«

»Bis hierher?«, fragte sie amüsiert. »Ich glaube, in diesem Garten sind wir ihm zum ersten Mal begegnet.«

Gawyn verzichtete auf eine Antwort. Er schaute nach Norden und musterte den Himmel. Dort hingen Unheil verkündende dunkle Wolken. » Er ist der Vater, oder?«

»Wenn er das wäre«, sagte Elayne ohne zu zögern, »dann wäre es wohl klüger, diese Tatsache für sich zu behalten, nicht wahr? Die Kinder des Wiedergeborenen Drachen werden Ziele sein.«