»Hier zu sein hat mich an mein früheres Leben erinnert. Vor allem ist es sehr befreiend, die Aes Sedai los zu sein. Ich war eine Weile davon überzeugt, dass ich unbedingt bei Egwene sein musste. Als ich die Jünglinge verließ, um zu ihr zu reiten, fühlte sich das wie die beste Entscheidung meines Lebens an. Und doch scheint sie sich verändert zu haben und mich nicht länger zu brauchen. Sie ist so darum bemüht, stark zu sein, die Amyrlin zu sein, dass sie keinen Platz mehr für jemanden hat, der sich nicht jeder ihrer Launen beugt.«
»Ich bezweifle, dass es tatsächlich so schlimm ist, wie du es schilderst. Egwene… nun, sie muss Stärke demonstrieren. Wegen ihrer Jugend und wegen der Umstände, unter denen sie in diese Stellung erhoben wurde. Aber sie ist nicht arrogant. Jedenfalls nicht mehr, als unbedingt nötig ist.«
Elayne tauchte die Finger ins Wasser und verschreckte einen Goldfisch. »So wie sie habe ich mich auch gefühlt. Du sagst, sie will, dass man sich vor ihr verbeugt und kriecht, aber ich wette, in Wirklichkeit will sie jemanden – und braucht ihn auch -, dem sie völlig vertrauen kann. Jemand, dem sie eine Aufgabe übergeben kann, ohne sich darüber Sorgen machen zu müssen, wie sie erfüllt wird. Sie hat gewaltige Möglichkeiten. Reichtum, Truppen, Festungen, Diener. Aber von ihrer Sorte gibt es nur eine, und wenn alles ihre direkte Aufmerksamkeit erfordert, könnte sie genauso gut gar keine Möglichkeiten haben.«
»Ich…«
»Du sagst, du liebst sie. Du hast mir gesagt, du bist ihr ergeben, du würdest für sie sterben. Nun, von dieser Art von Leuten hat Elayne ganze Heere, genau wie ich auch. Wirklich einzigartig ist nur jemand, der das tut, was ich ihm sage. Besser noch, jemand, der das tut, von dem er weiß, dass ich es ihm befehlen würde, hätte ich die Gelegenheit.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieser Mann sein kann.«
»Warum nicht? Von allen Männern hätte ich gerade dich für jemanden gehalten, der bereit wäre, eine Frau mit Macht zu unterstützen.«
»Bei Egwene ist das anders. Ich kann nicht erklären, warum das so ist.«
»Nun, wenn du eine Amyrlin heiraten willst, dann musst du diese Entscheidung treffen.«
Sie hatte recht. Es störte ihn, aber sie hatte recht. »Genug davon«, sagte er. »Mir ist nicht entgangen, dass wir das Thema al’Thor aus den Augen verloren haben.«
»Weil es nicht mehr über ihn zu sagen gibt.«
»Du musst dich von ihm fernhalten. Er ist gefährlich.«
Elayne winkte ab. » Saidin ist gereinigt worden.«
»Natürlich behauptet er das.«
»Du hasst ihn«, sagte Elayne. »Ich höre es dir an. Da geht es doch wohl nicht um Mutter, oder?«
Er zögerte. Sie war so gut darin geworden, eine Unterhaltung umzudrehen. War das die Königin in ihr oder die Aes Sedai? Um ein Haar hätte er das Boot zurück zum Steg gerudert. Aber das hier war Elayne. Beim Licht, es fühlte sich so gut an, mit jemandem zu sprechen, der ihn wirklich verstand.
»Warum ich al’Thor hasse?«, sagte Gawyn. »Nun, da ist einmal Mutter. Aber es ist nicht sie allein. Ich hasse, was aus ihm geworden ist.«
»Der Wiedergeborene Drache?«
»Ein Tyrann.«
»Das weißt du nicht.«
»Er ist Schafhirte. Mit welchem Recht stürzt er Throne, verändert die Welt nach seinem Willen?«
»Und das vor allen Dingen, während du dich in einem Dorf versteckt hast?« Er hatte ihr größtenteils erzählt, was er in den vergangenen Monaten erlebt hatte. »Während er Nationen eroberte, warst du gezwungen, deine Freunde zu töten, und dann hat dich deine eigene Amyrlin in den Tod geschickt.«
»Genau.«
»Also ist es bloß Eifersucht«, sagte Elayne leise. »Nein. Unsinn. Ich …« »Was würdest du tun, Gawyn? Ihn zum Duell fordern?« »Vielleicht.«
»Und was würde passieren, wenn du gewinnst und ihn durchbohrst, wie du es gesagt hast? Würdest du uns alle zum Untergang verurteilen, um einen kurzen Moment der Leidenschaft zu befriedigen?«
Darauf wusste er keine Antwort.
»Das ist nicht nur Eifersucht, Gawyn«, sagte Elayne und nahm ihm die Ruder ab. »Das ist reine Selbstsucht. Solche Kurzsichtigkeit können wir uns im Augenblick nicht erlauben.« Trotz seines Protestes fing sie an zurückzurudern.
»Das muss ausgerechnet die Frau sagen, die persönlich gegen die Schwarze Ajah antrat?«
Elayne errötete. Ihm war klar, dass sie wünschte, er hätte nie von dieser ganz besonderen Tat erfahren. »Das war notwendig. Außerdem sagte ich ausdrücklich ›wir‹. Du und ich, wir haben dieses Problem. Birgitte sagt mir ununterbrochen, dass ich lernen muss, mich besser zu beherrschen. Nun, du musst das Gleiche lernen, um Egwenes willen. Und sie braucht dich. Sie mag es nicht erkennen; sie mag davon überzeugt sein, dass sie die Welt allein aufrechterhalten muss. Sie irrt sich.«
Das Boot stieß an den Steg. Elayne ließ die Ruder los und streckte die Hand aus. Gawyn stieg aus und half ihr auf den Steg. Sie ergriff warmherzig seine Hand. »Du wirst das klären«, sagte sie. »Ich entbinde dich von jeglicher Verantwortung, mein Generalhauptmann zu sein. Ich werde für den Augenblick keinen anderen Ersten Prinzen des Schwertes ernennen, aber du kannst diesen Titel auch in Abwesenheit behalten. Solange du für den gelegentlichen Staatsakt auftauchst, brauchst du dir keine Sorgen zu machen, dass man etwas anderes von dir verlangt. Ich gebe sofort den Erlass heraus und berufe mich darauf, dass du am Vorabend der Letzten Schlacht andere wichtige Dinge zu erledigen hast.«
»Ich … danke«, sagte er, obwohl er sich nicht sicher war, ob er das auch empfand. Irgendwie klang es viel zu sehr wie Egwenes Beharren, dass er ihre Tür nicht bewachen musste.
Elayne drückte erneut seine Hand, dann begab sie sich zu ihrem wartenden Gefolge. Gawyn sah zu, wie sie ruhig mit ihnen sprach. Jeden Tag schien sie majestätischer zu werden; es war, als würde man einer Blume beim Erblühen zusehen. Er wünschte sich, er wäre in Caemlyn gewesen, um diesen Prozess von Anfang an zu verfolgen.
Er ertappte sich bei einem Lächeln, als er weiter an den Rosen vorbeiging. Die gesunde Dosis von Elaynes eigenwilligem Optimismus machte es ihm schwer, weiter an seinem Bedauern festzuhalten. Nur sie allein konnte einen Mann als eifersüchtig bezeichnen und dafür sorgen, dass er sich dabei auch noch gut fühlte.
Er schritt durch Wogen aus Duft und fühlte die Sonne auf seinem Hals. Hier hatten Galad und er als Kinder gespielt, und er dachte daran, wie seine Mutter mit Bryne in diesem Garten spaziert war. Er erinnerte sich an ihre sorgfältigen Mahnungen, wenn er sich danebenbenommen hatte, dann an ihr Lächeln, wenn er sich so benahm, wie man von einem Prinz erwarten konnte. Dieses Lächeln war wie die aufgehende Sonne erschienen.
Sie war dieser Ort. Sie lebte weiter, in Caemlyn, in Elayne – die jede Stunde mehr wie sie aussah -, in der Sicherheit und Kraft von Andors Volk. Er blieb neben dem Teich stehen, genau an der Stelle, an der Galad ihn als Kind vor dem Ertrinken gerettet hatte.
Vielleicht hatte Elayne ja recht. Vielleicht hatte al’Thor nichts mit Morgases Tod zu tun. Und falls doch, würde Gawyn das niemals beweisen können. Aber das spielte keine Rolle. Rand al’Thor war bereits dazu verdammt, in der Letzten Schlacht zu sterben. Warum den Mann also weiter hassen?
»Sie hat recht«, flüsterte Gawyn und schaute den Libellen zu, die auf der Wasseroberfläche tanzten. »Wir sind fertig miteinander, al’Thor. Von jetzt an bist du mir völlig egal.«
Er fühlte, wie eine gewaltige Last von seinen Schultern wich. Gawyn stieß einen langen, entspannten Seufzer aus. Erst jetzt, nachdem Elayne ihn entlassen hatte, erkannte er, wie schuldig er sich wegen seiner Abwesenheit in Andor gefühlt hatte. Auch das war jetzt verschwunden.
Zeit, sich auf Egwene zu konzentrieren. Er griff in die Tasche, holte das Messer des Attentäters hervor und hielt es in die Sonne, untersuchte diese roten Steine. Er hatte die Pflicht, Egwene zu beschützen. Einmal angenommen, sie war auf ihn wütend, hasste ihn und schickte ihn ins Exil, würde das alles die Strafe nicht wert sein, wenn es ihm gelang, sie am Leben zu erhalten?