»Bei dem Grab meiner Mutter«, sagte da eine scharfe Stimme hinter ihm. »Wo habt Ihr das denn her?«
Gawyn fuhr herum. Hinter ihm standen die Frauen, die ihm zuvor aufgefallen waren. Dimana führte sie an; ihre Augen wurden von Fältchen umgeben. Sollte die Arbeit mit der Macht nicht angeblich diese Zeichen des Alterns aufhalten?
Die eine ihrer Begleiterinnen war eine mollige junge Frau mit schwarzem Haar, die andere eine stämmige Frau in ihren mittleren Jahren. Die zweite war diejenige, die das Wort ergriffen hatte; sie hatte große, unschuldig blickende Augen. Und sie schien entsetzt zu sein.
»Was ist denn, Marille?«, fragte Dimana.
»Dieses Messer«, sagte Marille und zeigte auf Gawyns Hand. »Marille hat so etwas schon zuvor gesehen!«
»Ich habe das schon zuvor gesehen«, korrigierte Dimana sie. »Ihr seid eine Person und kein Ding.«
»Ja, Dimana. Viele Entschuldigungen, Dimana. Marille … ich werde den gleichen Fehler nicht noch einmal begehen, Dimana.«
Gawyn runzelte die Stirn. Was stimmte mit dieser Frau nicht?
»Vergebt Ihr, mein Lord«, sagte Dimana. »Marille war lange Zeit Damane und kann sich nur schwer umgewöhnen.«
»Ihr seid Seanchanerin?«, fragte Gawyn. Natürlich, ich hätte den Akzent bemerken müssen.
Marille nickte eifrig. Eine ehemalige Damane.
Gawyn fröstelte. Diese Frau war darin ausgebildet worden, mit der Macht zu töten. Die dritte Frau blieb stumm und verfolgte alles neugierig. Sie erschien nicht annähernd so unterwürfig.
»Wir sollten weitergehen«, sagte Dimana. »Es ist nicht gut für sie, Dinge zu sehen, die sie an Seanchan erinnern. Kommt, Marille. Ich nehme an, das ist bloß eine Trophäe, die Lord Trakand in der Schlacht erbeutet hat.«
»Nein, wartet.« Gawyn hob die Hand. »Ihr erkennt diese Klinge?«
Marille sah Dimana an, als würde sie um die Erlaubnis zur Antwort bitten. Die Kusine nickte leidgeprüft.
»Es ist ein Blutmesser, mein Lord«, sagte Marille. »Ihr habt es nicht in der Schlacht erbeutet, weil Männer keine Blutmesser besiegen. Sie sind unaufhaltsam. Sie fallen nur, wenn sich ihr eigenes Blut gegen sie wendet.«
Gawyn runzelte die Stirn. Was sollte dieser Unsinn? »Das ist also eine seanchanische Waffe?«
»Ja, mein Lord«, erwiderte Marille. »Getragen von den Blutmessern.«
»Hattet Ihr nicht gesagt, dass das ein Blutmesser ist?«
»Das ist es auch, aber sie werden auch von ihnen getragen. Eingehüllt in die Nacht, ausgesandt vom Willen der Kaiserin – möge sie ewig leben -, um ihre Feinde niederzustrecken und in ihrem Namen und Ruhm zu sterben.« Marille senkte den Blick noch weiter. »Marille redet zu viel. Es tut ihr leid.«
»Es tut mir leid«, korrigierte Dimana sie mit einem Hauch von Verzweiflung in der Stimme.
»Es tut mir leid«, wiederholte Marille.
»Also diese … Blutmesser«, sagte Gawyn. »Das sind seanchanische Attentäter?« Ihm war eiskalt. Konnten sie Selbstmordattentäter zurückgelassen haben, um Aes Sedai zu töten? Ja. Das machte Sinn. Der Mörder war keiner der Verlorenen.
»Ja, mein Lord«, sagte Marille. »Ich sah eines dieser Messer an der Wand der Behausung meiner Herrin hängen; es hatte ihrem Bruder gehört, der es voller Ehre getragen hatte, bis sich sein Blut gegen ihn wandte.« » Seine Familie?«
»Nein, sein Blut.« Marille schrumpfte noch mehr in sich zusammen.
»Erzählt mir mehr von ihnen«, drängte Gawyn sie.
»Eingehüllt in die Nacht,« sagte Marille, »ausgesandt vom Willen der Kaiserin – möge sie ewig leben -, um ihre Feinde niederzustrecken und in ihrem Namen und Ruhm …«
»Ja, ja«, sagte Gawyn. »Das sagtet Ihr bereits. Welche Methoden benutzen sie? Wie verstecken sie sich so gut? Was wisst Ihr darüber, wie dieser Attentäter angreift?«
Bei jeder Frage sank Marille weiter in sich zusammen, und sie fing an zu wimmern.
»LordTrakand!«, sagte Dimana. »Beherrscht Euch.«
»Marille weiß nicht sehr viel«, sagte die Damane. »Es tut Marille leid. Bitte bestraft sie dafür, dass sie nicht besser zugehört hat.«
Gawyn fuhr zurück. Die Seanchaner behandelten ihre Damane schlimmer als Tiere. Man würde Marille nichts Genaues über die Fähigkeiten dieser Blutmesser erzählt haben. »Wo habt Ihr diese Damane her?«, wollte er wissen. »Hat man auch seanchanische Soldaten gefangen genommen? Ich muss mit einem sprechen; am besten mit einem Offizier.«
Dimana schürzte die Lippen. »Man hat sie in Altara ergriffen, und nur die Damane wurden zu uns geschickt.«
»Dimana«, sagte die andere Frau. Sie hatte keinen seanchanischen Akzent. »Was ist mit der Sul’dam? Kaisea gehörte dem niederen Blut an.«
Dimana runzelte die Stirn. »Kaisea ist… unzuverlässig.«
»Bitte«, sagte Gawyn. »Das könnte Leben retten.«
»Also gut«, sagte Dimana. »Wartet hier. Ich hole sie.« Sie führte ihre beiden Zöglinge zum Palast und ließ Gawyn ungeduldig wartend zurück. Ein paar Minuten später war sie wieder da, gefolgt von einer hochgewachsenen Frau in einem hellgrauen Kleid ohne Gürtel oder Stickereien. Ihr langes schwarzes Haar war zu einem Zopf geflochten, und sie schien entschlossen, genau einen Schritt hinter Dimana zu bleiben – eine Haltung, die die Kusine störte, die darauf bedacht zu sein schien, die Frau im Auge zu behalten.
Sie erreichten Gawyn, und die Sul’dam warf sich unglaublicherweise auf die Knie und dann weiter auf den Boden, bis ihr Kopf die Erde berührte. In der Verbeugung lag eine anmutige Eleganz; aus irgendeinem Grund wurde Gawyn das Gefühl nicht los, verspottet zu werden.
»Lord Trakand«, sagte Dimana, »das ist Kaisea. Oder zumindest ist das der Name, auf dem sie jetzt besteht.«
»Kaisea ist eine gute Dienerin«, sagte die Frau gleichmütig.
»Steht auf«, sagte Gawyn. »Was tut Ihr da?«
»Man hat Kaisea gesagt, dass Ihr der Bruder der Königin seid; Ihr seid das Blut dieses Reiches, und ich bin eine unbedeutende Damane.«
»Damane? Ihr seid eine Sul’dam.«
»Nicht mehr«, erwiderte die Frau. »Man muss mir den Kragen umlegen, großer Herr. Werdet Ihr dafür sorgen? Kaisea ist gefährlich.«
Dimana wies mit dem Kopf zur Seite, deutete an, mit ihm unter vier Augen sprechen zu wollen. Gawyn zog sich mit ihr zusammen ein Stück den Rosenweg hinunter und ließ Kaisea ausgestreckt auf dem Boden liegen.
»Sie ist eine Sul’dam?«, fragte er. »Oder ist sie eine Damane?«
»Man kann allen Sul’dam das Machtlenken beibringen«, erklärte Dimana. »Elayne ist der Ansicht, dass diese Tatsache ihre ganze Kultur unterminieren wird, sobald man das enthüllt, also bat sie uns, den Sul’dam vor allem beizubringen, ihre Fähigkeiten zu nutzen. Viele weigern sich zuzugeben, dass sie die Gewebe sehen können, aber ein paar waren ehrlich zu uns. Und sie alle bestanden darauf, zu Damane gemacht zu werden.«
Sie wies mit dem Kopf auf Kaisea. »Diese da ist wirklich ein beunruhigender Fall. Wir glauben, dass sie die Gewebe lernen will, um für einen ›Unfall‹ zu sorgen und unsere Argumente gegen uns zu benutzen – richtet sie mit der Einen Macht etwas Gewalttätiges an, kann sie behaupten, dass es falsch von uns war, sie nicht zu versklaven.«
Eine Frau, der man beibringen konnte, mit der Einen Macht zu töten, die nicht durch die Drei Eide gebunden war und unbedingt beweisen wollte, dass sie gefährlich war? Gawyn fröstelte.