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»Meistens halten wir sie unter Spaltwurzel«, sagte Dimana. »Ich sage Euch das nicht, um Euch zu beunruhigen, sondern um Euch zu warnen, dass man sich auf ihre Worte und Taten nicht unbedingt verlassen kann.«

Gawyn nickte. » Danke.«

Dimana führte ihn zurück, und die Sul’dam blieb am Boden liegen. »Wie darf Euch Kaisea dienen, großer Herr?« Ihr Verhalten erschien wie eine Parodie von Marilles Unterwürfigkeit. Was Gawyn zuerst für Spott gehalten hatte, hatte in Wahrheit nichts damit zu tun – es waren die beklagenswerten Bemühungen einer hochwohlgeborenen Adligen, die Unterschicht zu imitieren.

»Habt Ihr so etwas schon einmal gesehen?«, fragte Gawyn leichthin und zog das Blutmesser.

Kaisea keuchte auf. »Wo habt Ihr das gefunden? Wer gab es Euch?« Unvermittelt zuckte sie zusammen, als wäre ihr klargeworden, dass sie aus der selbstgewählten Rolle gefallen war.

» Ein Attentäter wollte mich damit töten«, erklärte Gawyn. »Wir kämpften, und er kam davon.«

»Das ist unmöglich, großer Herr«, sagte die Seanchanerin in einem kontrollierteren Tonfall.

»Warum sagt Ihr das?«

»Wenn Ihr gegen einen der Blutmesser gekämpft hättet, großer Herr, dann wärt Ihr jetzt tot. Sie sind die besten Meuchelmörder im Kaiserreich. Sie kämpfen völlig skrupellos, weil sie bereits tot sind.«

»Selbstmordattentäter.« Gawyn nickte. »Wisst Ihr etwas über sie?«

Kaiseas Miene drückte Zerrissenheit aus.

»Wenn ich dafür sorge, dass man Euch an die Leine legt?«, fragte Gawyn. »Antwortet Ihr mir dann?«

»Mein Lord!«, mischte sich Dimana ein. »Das würde die Königin niemals erlauben!«

»Ich frage sie«, sagte Gawyn. »Ich kann nicht versprechen, dass man Euch anleint, Kaisea, aber ich kann versprechen, dass ich mich bei der Königin für Euch verwende.«

»Ihr seid mächtig und stark, großer Herr«, sagte Kaisea. »Und sehr weise. Wenn Ihr das tut, antwortet Kaisea Euch.«

Dimana starrte Gawyn böse an.

»Sprecht«, sagte Gawyn zu der Sul’dam.

»Blutmesser leben nicht lange. Sobald man ihnen eine Pflicht auferlegt, ruhen sie nicht, bis sie erledigt ist. Die Kaiserin – möge sie ewig leben – verleiht ihnen besondere Fähigkeiten, Ter’angreal-Ringe, die sie zu großen Kriegern macht.«

»Sie lassen ihre Umrisse verschwimmen«, sagte Gawyn. »Wenn sie sich in der Nähe von Schatten befinden.«

»Ja.« Es schien Kaisea zu überraschen, dass er das wusste. »Sie können nicht besiegt werden. Aber schließlich wird ihr eigenes Blut sie töten.«

»Ihr eigenes Blut?«

»Ihre Pflicht vergiftet sie. Sobald sie einen Auftrag erhalten haben, überstehen sie meistens kaum länger als ein paar Wochen. Bestenfalls überleben sie einen Monat.«

Beunruhigt hielt Gawyn den Dolch hoch. »Also müssen wir nur abwarten.«

Kaisea lachte. »Das wird nicht passieren. Bevor sie sterben, werden sie ihre Pflicht erfüllen.«

»Der hier tötet Menschen langsam«, sagte Gawyn. »Alle paar Tage einen. Bis jetzt eine Handvoll.«

»Versuche«, sagte Kaisea. »Das Forschen nach Schwächen und Stärken, um in Erfahrung zu bringen, wo sie ungesehen zuschlagen können. Wenn es nur wenig Tote gibt, dann habt Ihr die wahre Macht der Blutmesser noch nicht erlebt. Sie hinterlassen keine ›Handvoll‹ Tote, sondern Dutzende.«

»Es sei denn, ich halte ihn auf«, sagte Gawyn. »Wo liegen seine Schwächen?«

Kaisea lachte erneut. »Schwächen? Großer Herr, sagte ich nicht, dass sie die größten Krieger von Seanchan sind, durch die Gunst und Hilfe der Kaiserin stärker gemacht, möge sie ewig leben?«

»Schön. Was ist dann mit dem Ter’angreal? Es unterstützt den Attentäter, wenn er sich in einem Schatten befindet? Wie kann ich seine Wirkung aufheben? Vielleicht viele Fackeln entzünden?«

»Es gibt kein Licht ohne Schatten, großer Herr«, sagte die Frau. »Erschafft mehr Licht, und Ihr erschafft nur weitere Schatten.«

»Es muss eine Möglichkeit geben.«

»Kaisea ist davon überzeugt, dass Ihr sie finden werdet, falls es sie gibt, großer Herr.« In der Stimme der Frau lag ein selbstgefälliger Tonfall. »Darf Kaisea Euch etwas sagen, großer Herr? Schätzt Euch glücklich, den Kampf mit einem Blutmesser überlebt zu haben. Ihr könnt unmöglich sein oder ihr Ziel gewesen sein. Es wäre angebracht, wenn Ihr Euch einen Monat lang versteckt. Gestattet der Kaiserin – möge sie ewig leben -, ihren Willen durchzusetzen, und segnet die Omen, die Euch ausreichend gewarnt haben, um entkommen und überleben zu können.«

»Genug davon«, sagte Dimana. »Ich nehme an, Ihr habt, was Ihr wolltet, Lord Trakand?«

»Ja, danke«, sagte Gawyn verstört. Er nahm nur unbewusst wahr, dass Kaisea aufstand und die Kusine ihren Schützling fortführte.

Schätzt Euch glücklich, den Kampf mit einem Blutmesser überlebt zu haben … Ihr könnt unmöglich sein oder ihr Ziel gewesen sein…

Gawyn wog das Wurfmesser in der Hand. Offensichtlich war Egwene das Ziel. Warum sonst sollten die Seanchaner eine so mächtige Waffe einsetzen? Vielleicht glaubten sie, dass ihr Tod die Weiße Burg vernichtete.

Egwene musste gewarnt werden. Er musste sie darüber informieren, auch wenn es sie auf ihn wütend machen würde oder gegen ihre Wünsche verstieß. Es konnte ihr Leben retten.

Er stand noch immer da und sann darüber nach, wie er sich Egwene am besten nähern sollte, als eine Dienerin in Rot und Weiß ihn aufsuchte. Sie trug ein Silbertablett mit einem versiegelten Umschlag. »Mein Lord Gawyn?«

»Was ist das?«, fragte er, nahm den Brief und schnitt ihn mit dem Blutmesser auf.

»Aus Tar Valon«, erwiderte die Dienerin mit einer Verbeugung. » Es kam durch ein Wegetor.«

Gawyn entfaltete das dicke Papier. Er erkannte Silvianas Schrift.

Gawyn Trakand, stand dort zu lesen. Es hat die Amyrlin sehr verstimmt, entdecken zu müssen, dass Ihr abgereist seid. Man hat Euch nicht befohlen, die Stadt zu verlassen. Sie bat mich, Euch diesen Brief zu schicken und zu erklären, dass Ihr genug Zeit hattet, in Caemlyn dem Müßiggang zu frönen. Eure Anwesenheit in Tar Valon wird erfordert, und Ihr sollt sofort zurückkehren.

Gawyn las den Brief, dann las er ihn noch einmal. Egwene schrie ihn an, weil er ihre Pläne gestört hatte, warf ihn so gut wie aus der Burg, und sie war verstimmt, entdecken zu müssen, dass er die Stadt verlassen hatte?

Was erwartete sie denn von ihm? Beinahe hätte er laut gelacht.

»Mein Lord?«, fragte die Dienerin. »Möchtet Ihr eine Antwort schicken?« Auf dem Tablett lagen Papier und Stift. » Man deutete an, dass eine erwartet wird.«

»Schickt Ihr das«, sagte Gawyn und warf das Blutmesser auf das Tablett. Plötzlich verspürte er diese ungeheure Wut, und sämtliche Gedanken an eine Rückkehr waren wie weggeblasen. Verfluchte Frau!

»Und sagt ihr«, fügte er nach kurzem Nachdenken hinzu, »dass der Attentäter ein Seanchaner ist und ein besonderes Ter’angreal trägt, mit dem man ihn im Schatten nur schwer sehen kann. Man soll am besten zusätzliche Lampen entzünden. Die anderen Morde waren Versuche, unsere Verteidigung zu prüfen. Sie ist das eigentliche Ziel. Betont, dass der Attentäter sehr gefährlich ist – aber nicht die Person, die sie dachte. Falls sie Beweise braucht, kann sie herkommen und mit den Seanchanern in Caemlyn sprechen.«

Die Dienerin sah verblüfft aus, aber als er nichts mehr sagte, zog sie sich zurück.

Er versuchte seine Wut zu zügeln. Er würde nicht zurückkehren, nicht jetzt. Nicht, wenn es so aussehen würde, als käme er nach ihrem Befehl zurückgekrochen. Sie hatte ihre »sorgfältigen Pläne und Fallen«. Sie hatte gesagt, sie würde ihn nicht brauchen. Dann würde sie eben eine Weile ohne ihn auskommen müssen.

34

Das Urteil

Ich will die Kundschafter im Feld haben«, sagte Perrin energisch. »Selbst während des Prozesses.« »Das wird den Töchtern nicht gefallen, Perrin Aybara«, erwiderte Sulin. »Nicht, wenn sie dadurch die Chance versäumen, mit den Speeren tanzen zu können.«