»Sie werden es trotzdem tun«, sagte Perrin und setzte seinen Gang durch das Lager fort, Dannil und Gaul an seiner Seite. Ihnen folgten Azi und Will al’Seen, seine beiden Leibwächter des Tages.
Sulin musterte Perrin, dann nickte sie. »Es wird geschehen. « Sie ging.
»Lord Perrin«, fragte Dannil. Er roch nervös. »Worum geht es?«
»Das kann ich noch nicht sagen«, erwiderte Perrin. »Mit dem Wind stimmt etwas nicht.«
Dannil runzelte die Stirn und sah verwirrt aus. Nun, auch Perrin war verwirrt. Verwirrt und sich zusehends immer sicherer. Das erschien wie ein Widerspruch, aber es stimmte.
Im Lager herrschte Hektik, seine Heere sammelten sich, um den Weißmänteln entgegenzutreten. Nicht sein Heer, seine Heere. Zwischen ihnen herrschte so viel Uneinigkeit. Arganda und Gallenne rangelten um ihre Position, die Männer von den Zwei Flüssen verabscheuten die hinzugekommenen Söldnertrupps, die ehemaligen Flüchtlinge standen überall dazwischen. Und da waren natürlich die Aiel, die über allem standen und taten, wozu sie Lust hatten.
Ich löse die Heere auf, sagte sich Perrin. Was spielt das also noch für eine Rolle? Trotzdem störte es ihn. Es war eine schlampige Art und Weise, ein Lager zu führen.
Perrins Leute hatten sich größtenteils von der letzten Blase des Bösen erholt. Vermutlich würde keiner von ihnen jemals seine Waffen wieder auf die gleiche Weise betrachten, aber die Verwundeten waren Geheilt und die Machtlenker ausgeruht.
Die Weißmäntel waren über die Verzögerung nicht erfreut gewesen, die vermutlich länger als erwartet gewesen war. Aber Perrin hatte die Zeit gebraucht, aus verschiedenen Gründen.
»Dannil«, sagte er. »Ich nehme an, meine Gemahlin hat Euch in ihre Pläne eingespannt, mich zu beschützen.« Dannil zuckte zusammen. »Wie …«
»Sie braucht ihre Geheimnisse«, fuhr Perrin fort. »Die Hälfte bekomme ich nicht mit, aber das war so klar wie der Tag. Sie ist nicht glücklich über dieses Gerichtsverfahren. Zu was hat sie Euch angestiftet? Irgendeinen Plan mit den Asha’man, um mich aus der Gefahr herauszuholen?«
»So etwas in der Art, mein Lord«, gestand Dannil.
»Sollte es schlimm werden, dann gehe ich«, sagte Perrin. »Aber greift nicht zu früh ein. Ich lasse nicht zu, dass das zu einem Blutbad wird, nur weil einer der Weißmäntel zur falschen Zeit einen Fluch ausstößt. Wartet auf mein Signal. Verstanden?«
»Ja, mein Lord«, sagte Dannil und roch nach Verlegenheit.
Perrin musste das alles hinter sich lassen. Sich davon befreien. Jetzt. Denn im Verlauf der letzten paar Tage hatte es angefangen, sich ganz natürlich anzufühlen. Ich bin bloß ein … Er hielt inne. Bloß ein was? Ein Schmied? Konnte er das überhaupt noch sagen? Was genau war er?
Ein Stück voraus saß Neald in der Nähe des Reisegeländes auf einem Baumstumpf. Während der letzten paar Tage hatten der jugendliche Soldat und Gaul nach Perrins Anweisungen mehrere Richtungen erkundet, um zu sehen, ob Wegetore funktionierten, wenn man sich weit genug vom Lager entfernte. Tatsächlich stellte sich heraus, dass es sich genauso verhielt, obwohl man stundenlang marschieren musste, um dem Effekt zu entkommen.
Abgesehen von den wieder funktionierenden Wegetoren waren weder Neald noch Gaul irgendwelche Veränderungen aufgefallen. Auf dieser Seite gab es keine Barriere oder gar sichtbare Hinweise, aber wenn Perrin recht hatte, entsprach das Gebiet, in dem die Wegetore nicht funktionierten, ganz genau dem im Wolfstraum von der Kuppel bedeckten Grund.
Das war der Zweck der Kuppel, und darum bewachte der Schlächter sie. Es ging nicht um die Jagd auf die Wölfe, obwohl ihm das sicherlich Vergnügen bereitete. Etwas verursachte sowohl die Kuppel wie auch die Probleme der Asha’man.
»Neald«, sagte Perrin und blieb vor dem Asha’man stehen. »Die letzte Erkundung verlief gut?«
»Ja, mein Lord.«
»Als Grady und Ihr mir das erste Mal von den versagenden Geweben erzähltet, da habt Ihr erwähnt, dass Euch so etwas schon einmal passiert ist. Wann war das?«
»Als wir das Wegetor öffnen wollten, um die Kundschafter aus Cairhien zu holen. Wir versuchten es, und die Gewebe zerfielen. Aber wir warteten eine Weile ab und versuchten es erneut. Da klappte es.«
Das war direkt nach der Nacht, in der ich die Kuppel entdeckte, dachte Perrin. Sie bildete sich für eine kurze Zeit und verschwand. Der Schlächter muss sie getestet haben.
»Mein Lord.« Neald trat nahe an ihn heran. Der Mann war ein Geck, aber wenn Perrin ihn gebraucht hatte, war er stets verlässlich gewesen. »Was geht da vor?«
»Ich glaube, da baut jemand eine Falle für uns«, sagte Perrin leise. »Sperrt uns ein. Ich habe noch andere ausgeschickt, um nach dem Ding zu suchen, das das verursacht; vermutlich handelt es sich um irgendeinen Gegenstand der Einen Macht.« Er hatte die Befürchtung, dass er im Wolfstraum verborgen lag. Konnte dort etwas eine Wirkung in der realen Welt verursachen? »Seid Ihr absolut sicher, keine Wegetore erschaffen zu können? Nicht einmal zu anderen Stellen in der Nähe, also innerhalb des betroffenen Gebiets?« Neald schüttelte den Kopf.
Dann sind die Regeln auf dieser Seite anders. Oder zumindest sind die Auswirkungen auf das Reisen anders als bei der Versetzung im Wolfstraum. »Neald, Ihr sagtet doch, dass Ihr bei dem Einsatz eines Zirkels mit den größeren Toren das ganze Heer in wenigen Stunden transportieren könntet?«
Der Asha’man nickte. »Wir haben das geübt.«
»Wir müssen dafür bereit sein«, sagte Perrin und warf einen Blick zum Himmel. Er konnte noch immer das Unnatürliche in der Luft riechen. Der Hauch Abgestandenheit.
»Mein Lord«, sagte Neald. »Wir werden bereit sein, aber wenn wir keine Wegetore erschaffen können, dann spielt das keine Rolle. Aber wir könnten das Heer bis zu der Stelle jenseits des Effekts marschieren lassen und von dort entkommen.«
Leider hatte Perrin den Verdacht, dass das nicht reichte. Springer hatte das als Sache der fernen Vergangenheit bezeichnet. Also standen die Chancen gut, dass der Schlächter mit den Verlorenen zusammenarbeitete. Oder er war selbst einer der Verlorenen. Perrin hatte das noch nie zuvor in Betracht gezogen. Aber egal, wie sich das nun auch verhielt, diejenigen, die diese Falle planten, würden ihn beobachten. Falls sein Heer zu entkommen versuchte, würde der Feind die Falle zuschnappen lassen oder einfach die Kuppel verlegen.
Die Verlorenen hatten die Shaido mit diesen Kästchen hereingelegt und sie an die gewünschte Stelle platziert. Und da war sein Konterfei, das man überall verteilte. Gehörte das alles zu dieser Falle, was sie auch immer bezwecken sollte? Gefahren. So viele Gefahren jagten ihn.
Nun, was hast du erwartet? Es ist Tarmon Gai’don.
»Ich wünschte, Elyas würde zurückkehren«, sagte er. Er hatte den Mann allein auf eine besondere Erkundungsmission geschickt. »Haltet Euch einfach bereit, Neald. Dannil, es wäre besser, wenn Ihr meine Warnungen an Eure Männer weitergebt. Ich will keine Zwischenfälle.«
Dannil und Neald gingen ihre getrennten Wege, und Perrin schritt zu den Pferdeseilen, um Traber zu finden. Gaul setzte sich so lautlos wie der Wind an seine Seite.
Da zieht jemand eine Schlinge immer fester um mein Bein, ganz langsam, einen Zoll nach dem anderen. Wartete vermutlich darauf, dass er gegen die Weißmäntel kämpfte. Danach würde sein Heer geschwächt und verletzt sein. Eine leichte Beute. Wäre er früher gegen Damodred in die Schlacht gezogen, wäre die Falle möglicherweise schon da zugeschnappt, wie er mit einem Frösteln erkannte. Plötzlich nahm dieser Prozess eine immense Bedeutung an.
Perrin musste eine Möglichkeit finden, eine Schlacht herauszuzögern, bis er noch einmal in den Wolfstraum eingetreten war. Vielleicht fand er dort eine Möglichkeit, die Kuppel zu zerstören und seine Leute zu befreien.