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Perrin erinnerte sich an diese Nacht. Ein kalter Ostwind blies und ließ seinen Umhang rascheln, als er neben einem Teich mit Frischwasser stand. Er erinnerte sich daran, wie die Sonne stumm im Osten starb. Er erinnerte sich daran, im schwindenden Licht den Teich anzustarren und zuzusehen, wie der Wind die Oberfläche kräuselte, und die ganze Zeit hielt er die Axt in seinen Händen.

Diese verdammte Axt. Er hätte sie dort wegwerfen sollen. Elyas hatte ihn überredet, sie zu behalten.

»Bei unserem Eintreffen entdeckten wir, dass das Lager kürzlich benutzt worden war«, fuhr Byar fort. »Das bereitete uns Sorgen; das Stedding war nur wenigen Menschen bekannt. Aus dem einzigen Feuer schlossen wir, dass es nicht viele von den geheimnisvollen Reisenden gegeben hatte.«

Seine Stimme klang präzise, seine Beschreibung methodisch. So hatte Perrin diese Nacht nicht in Erinnerung. Nein, er erinnerte sich an das Zischen der Flammen und die wütend aufstiebenden Funken, als Elyas den Inhalt des Teekessels ins Feuer goss. Er erinnerte sich an eine hastige Botschaft der Wölfe, die seinen Verstand überschwemmte und ihn verwirrte.

Das Misstrauen der Wölfe hatte es schwergemacht, sich von ihnen zu trennen. Er erinnerte sich an Egwenes Furchtgeruch, wie er an Belas Sattel herumgefummelt hatte. Und er erinnerte sich an Hunderte Männer, die falsch rochen. Wie die Weißmäntel im Pavillon. Sie rochen wie kranke Wölfe, die nach allem schnappten, was sich in ihre Nähe wagte.

»Der Lordhauptmann war besorgt«, fuhr Byar fort. Offensichtlich verzichtete er darauf, den Namen des Hauptmanns zu erwähnen, vermutlich aus Rücksicht auf Bornhaid. Der junge Hauptmann der Weißmäntel saß völlig reglos da und starrte Byar an, als hätte er Angst, die Beherrschung verlieren, falls er Perrin ansah. »Er glaubte, dass dort Räuber gelagert hatten. Wer sonst würde sein Feuer löschen und in dem Augenblick verschwinden, in dem ein anderer kam? Da sahen wir den ersten Wolf.«

Im Versteck, der Atem ging stoßartig, Egwene drängte sich in der Finsternis an ihn. Aus ihrer und seiner Kleidung stieg der Geruch von Lagerfeuerqualm. In der Dunkelheit atmete Bela. Die beschützende Enge einer gewaltigen Steinhand, die Hand der Statue Artur Falkenflügels, die vor so langer Zeit abgebrochen war.

Die wütende und besorgte Scheckie. Bilder von Männern in Weiß mit flackernden Fackeln. Der zwischen den Bäumen hervorschießende Wind.

»Der Lordhauptmann hielt die Wölfe für ein schlechtes Zeichen. Jeder weiß, dass sie dem Dunklen König dienen. Er schickte uns auf Erkundung. Meine Gruppe übernahm den Osten, durchsuchte die Felsformationen und die Trümmer der gewaltigen zerbrochenen Statue.«

Schmerzen. Brüllende Männer. Perrin? Wirst du am Sonntag mit mir tanzen? Wenn wir bis dahin zu Hause sind…

»Die Wölfe griffen uns an«, sagte Byar, und seine Stimme wurde härter. »Es war offensichtlich, dass es keine gewöhnlichen Geschöpfe waren. Ihr Angriff war viel zu koordiniert. Es schienen Dutzende zu sein, die durch die Schatten huschten. Bei ihnen waren Männer, die unsere Pferde töteten.«

Perrin hatte alles mit zwei Paar Augen betrachtet. Mit seinen eigenen und mit den Augen der Wölfe, die bloß in Ruhe gelassen werden wollten. Sie waren zuvor von einem gewaltigen Rabenschwarm verletzt worden. Sie hatten versucht, die Menschen zu vertreiben. Ihnen Angst einzujagen.

So viel Furcht. Die Furcht der Männer, und die Furcht der Wölfe. Sie hatte diese Nacht beherrscht und beide Seiten kontrolliert. Er erinnerte sich, wie er von den Botschaften verwirrt darum gekämpft hatte, er selbst zu bleiben.

»Die Nacht nahm kein Ende«, sagte Byar, und seine Stimme wurde weicher, war aber noch immer voller Zorn. »Wir passierten einen Hügel, der von einem gewaltigen flachen Felsen gekrönt wurde, und Kind Lathin behauptete, etwas in den Schatten zu sehen. Wir blieben stehen und streckten unsere Lichter aus. Wir entdeckten die Beine eines Pferdes unter dem Vorsprung. Ich gab Lathin ein Zeichen, und er trat vor, um denjenigen, wer immer sich dort verbarg, zu befehlen, herauszukommen und ihre Namen zu nennen.

Nun, dieser Mann – Aybara – trat mit einer jungen Frau aus der Dunkelheit. Er trug eine gefährliche Axt, und er trat ruhig vor Lathin und ignorierte die auf seine Brust zielende Lanze. Und dann …«

Und dann übernahmen die Wölfe. Es war das erste Mal, dass Perrin das passierte. Ihre Botschaften waren so stark gewesen, dass er sich darin verloren hatte. Er konnte sieh daran erinnern, Lathins Hals mit den Zähnen durchgebissen zu haben, und das warme Blut schoss in seinen Mund, als hätte er in eine Frucht gebissen. Das war Springers Erinnerung gewesen, aber im Augenblick dieses Kampfes konnte sich Perrin nicht von dem Wolf trennen.

»Und dann?«, wollte Morgase wissen.

»Und dann gab es einen Kampf«, sagte Byar. »Wölfe sprangen aus den Schatten, und Aybara griff uns an. Er bewegte sich nicht wie ein Mensch, sondern wie eine knurrende Bestie. Wir überwältigten ihn und töteten einen der Wölfe, aber nicht bevor Aybara zwei der Kinder töten konnte.«

Byar setzte sich. Morgase stellt keine Fragen. Sie wandte sich dem anderen Weißmantel zu, der neben Byar gestanden hatte.

»Ich habe nur wenig hinzuzufügen«, sagte der Mann. »Ich war dabei, und ich habe die gleichen Erinnerungen. Ich will nur unterstreichen, dass, als wir Aybara festnahmen, er bereits schuldig gesprochen war. Wir wollten ihn …«

»Dieses Urteil hat keinen Einfluss auf dieses Verfahren«, sagte Morgase kalt.

»Nun, dann erlaubt meiner Stimme, die Aussage eines zweiten Zeugen zu sein. Ich sah ebenfalls alles.« Der kahle Weißmantel setzte sich.

Morgase wandte sich an Perrin. »Ihr dürft sprechen.«

Perrin stand langsam auf. »Die beiden sprechen die Wahrheit, Morgase. Ungefähr so hat sich das zugetragen.«

»Ungefähr?«, fragte Morgase.

»Er hat so gut wie recht.«

»Eure Schuld oder Unschuld hängt von diesem ›so gut wie‹ ab, Lord Aybara. Es ist der Teil, an dem sich das Urteil messen wird.«

Perrin nickte. »Das tut es. Verratet mir etwas, Euer Gnaden. Wenn Ihr über jemanden richtet, versucht Ihr dann, seine sämtlichen Beweggründe zu verstehen?«

Sie runzelte die Stirn. »Was?«

»Mein Meister, der Mann, der mich zum Schmied ausbildete, brachte mir eine wichtige Lektion bei. Um etwas zu erschaffen, muss man es vorher verstehen. Und um es zu verstehen, muss man wissen, wie es sich zusammensetzt.«

Ein kühler Luftzug strich durch den Pavillon und zupfte an den Umhängen. Er entsprach den leisen Lauten auf der Ebene – Männer, deren Rüstung klirrte, dampfende Pferde, ein gelegentliches Flüstern, als seine Worte in den Rängen weitergesagt wurden.

»Kürzlich habe ich etwas begriffen«, sagte Perrin. »Menschen setzen sich aus so vielen unterschiedlichen Motiven zusammen. Wer sie sind, hängt davon ab, in welche Situationen man sie bringt. Ich war am Tod dieser Männer beteiligt. Aber um das zu verstehen, müsst Ihr verstehen, wie ich bin, was mich im Einzelnen ausmacht.«

Er erwiderte Galads Blick. Der junge Hauptmann der Weißmäntel stand kerzengerade da, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Perrin wünschte sich, er könnte seinen Geruch aufschnappen.

Er konzentrierte sich wieder auf Morgase. »Ich kann mit Wölfen sprechen. Ich höre ihre Stimmen in meinem Kopf. Ich weiß, das klingt wie das Geständnis eines Verrückten. Aber ich vermute, dass das viele aus meinem Lager nicht überrascht, wenn sie es hören. Mit etwas Zeit könnte ich Euch das beweisen, mithilfe einiger Wölfe aus der Nähe.«

»Das wird nicht nötig sein«, sagte Morgase. Sie roch nach Angst. Das Getuschel in den Heeren wurde lauter. Er fing Failes Duft auf. Sorge.

»Diese Gabe habe ich«, sagte Perrin. »Sie ist ein Aspekt von mir, so wie ich Eisen schmiede. So wie ich Männer anführe. Falls Ihr deswegen ein Urteil über mich fällt, dann solltet Ihr das verstehen.«