»Du sagtest, du hättest Rand verfolgt. Durch …«
»Ghealdan«, sagte Perrin. »Es geschah keinen Wochenritt von hier.«
»Ein seltsamer Zufall, sicher, aber …«
»Keine Zufälle, Faile. Nicht bei mir. Ich bin aus einem bestimmten Grund hier. Er ist aus einem bestimmten Grund hier. Ich muss mich dem stellen.«
Sie nickte. Er wandte sich ihrem Zelt zu, und ihre Hände lösten sich voneinander. Die Weisen Frauen hatten ihm einen Tee gegeben, der ihn schlafen lassen würde, damit er den Wolfstraum betreten konnte.
Es war Zeit.
»Wie konntet Ihr ihn nur gehen lassen?«, sagte Byar, die Finger um den Schwertknauf verkrampft, während der weiße Umhang hinter ihm herflatterte. Er, Bornhaid und Galad schritten durch die Lagermitte.
»Ich tat, was richtig war«, erwiderte Galad.
»Ihn gehen zu lassen war nicht richtig!«, sagte Byar. »Ihr könnt doch nicht glauben …«
»Kind Byar«, sagte Galad leise, »ich finde Euer Verhalten zusehends aufsässig. Das bereitet mir Sorge. Es sollte Euch auch Sorgen bereiten.«
Byar schwieg, aber Galad entging nicht, dass es ihm außerordentlich schwerfiel, den Mund zu halten. Bornhaid ging schweigend hinter ihm und sah sehr aufgebracht aus.
»Ich glaube, dass sich Aybara an seinen Schwur halten wird«, sagte Galad. »Und wenn er es nicht tut, habe ich die legale Befugnis, ihn zu jagen und die Strafe zu vollstrecken. Es ist nicht ideal, aber seine Worte hatten etwas für sich. Ich glaube tatsächlich, dass die Letzte Schlacht kommt, und wenn es sich so verhält, dann ist es Zeit, sich gegen den Schatten zu vereinigen.«
»Mein Kommandierender Lordhauptmann«, sagte Byar und brachte seinen Tonfall unter Kontrolle, »bei allem Respekt, dieser Mann gehört zum Schatten. Er wird nicht an unserer Seite kämpfen, sondern gegen uns.«
»Sollte das so sein, haben wir immer noch Gelegenheit, ihm auf dem Schlachtfeld gegenüberzustehen«, sagte Galad. »Ich habe meine Entscheidung getroffen, Kind Byar.« Kind Harnesh kam heran und salutierte. »Kind Harnesh, brecht das Lager ab.«
»Mein Kommandierender Lordhauptmann? So spät am Tag?«
»Ja. Wir marschieren bis spät in der Nacht und sehen zu, etwas Abstand zu Aybara zu gewinnen, nur für alle Fälle. Lasst Späher zurück, vergewissert Euch, dass er uns nicht folgt. Wir brechen nach Lugard auf. Dort können wir rekrutieren und uns neu versorgen, dann geht es weiter nach Andor. «
»Ja, mein Kommandierender Lordhauptmann!«, sagte Harnesh.
Galad wandte sich wieder Byar zu, nachdem Harnesh weg war. Der hagere Mann salutierte, ein gefährlich aufrührerisches Funkeln in den tiefliegenden Augen, dann stolzierte er davon. Galad blieb zwischen weißen Zelten auf dem Feld stehen, verschränkte die Hände auf dem Rücken und sah zu, wie Boten seine Befehle im Lager verbreiteten.
»Ihr seid so still, Kind Bornhaid«, sagte er dann. »Seid Ihr genauso unzufrieden mit meinen Entscheidungen wie Kind Byar?«
»Das weiß ich nicht«, erwiderte Bornhaid. »Seit einer Ewigkeit glaubte ich, Aybara hätte meinen Vater getötet. Aber wenn man sich Jarets Verhalten ansieht, seine Darstellungen … Es gibt keine Beweise. Es macht mich rasend, das zuzugeben, Galad, aber ich habe keine Beweise. Aber er hat Lathin und Yamwick getötet. Er hat Kinder getötet, also ist er ein Schattenfreund.«
»Ich tötete ebenfalls eines der Kinder«, erinnerte ihn Galad. »Und wurde dafür als Schattenfreund bezeichnet.«
»Das war etwas anderes.« Etwas schien Bornhaid zu beschäftigen, etwas, das er für sich behielt.
»Nun, das stimmt«, sagte Galad. »Ich bin keineswegs der Ansicht, dass man Aybara ungeschoren davonkommen lassen sollte, aber die Geschehnisse dieses Tages haben in mir eine seltsame Unruhe erzeugt.«
Er schüttelte den Kopf. Antworten zu finden sollte leicht sein. Ihm fiel immer das Richtige ein. Aber jedes Mal, wenn er glaubte, den richtigen Weg gefunden zu haben, wie man mit Aybara verfahren sollte, überfielen ihn nagende Zweifel.
Das Leben ist nicht so einfach wie der Wurf einer Münze, hatte seine Mutter gesagt. Die eine Seite oder die andere… deine einfachen Illusionen…
Er mochte das Gefühl nicht. Nicht im Mindesten.
Perrin atmete tief ein. Im Wolfstraum blühten Blumen, auch wenn der Himmel silbern, schwarz und golden wütete. Die Düfte passten so gar nicht zusammen. Backender Kirschkuchen. Pferdedung. Öl und Fett. Seife. Ein Holzfeuer. Arrath. Thymian. Katzenminze. Hundert andere Kräuter, die er nicht benennen konnte.
Nur wenige passten auf die Lichtung, auf der er erschienen war. Er hatte dafür gesorgt, nicht dort zu erscheinen, wo sich sein Lager im Wolfstraum befand; das hätte ihn zu sehr in die Nähe des Schlächters gebracht.
Die Gerüche waren flüchtig. Verschwanden zu schnell, als hätte es sie in Wirklichkeit nie gegeben.
Springer, rief er.
Ich bin hier, Junger Bulle. Der Wolf tauchte neben ihm auf. »Es riecht seltsam.«
Gerüche vermischen sich. Wie die Fluten tausender Ströme. Das ist nicht natürlich. Das ist nicht gut. Dieser Ort bricht auseinander.
Perrin nickte. Er versetzte sich und stand knietief in braunen Spitzkletten direkt vor der violetten Kuppel. Springer erschien zu seiner Rechten; die Pflanzen raschelten, als er sich durch sie hindurchschob.
Die Kuppel erhob sich unheilverkündend und unnatürlich. Wind kam auf, zupfte an den Pflanzen und schüttelte Bäume. Lautlos zuckten Blitze über den Himmel.
Er ist hier. Immerzu.
Perrin nickte. Ob der Schlächter den Wolfstraum auf die gleiche Weise wie er betrat? Und ermüdete ihn die hier verbrachte Zeit auch? Der Mann schien diese Gegend niemals zu verlassen.
Er bewachte etwas. Es musste eine Möglichkeit geben, die Kuppel im Wolfstraum zu vernichten.
Junger Bulle, wir kommen. Das war Eichentänzerin. Ihr mittlerweile nur noch drei Tiere umfassendes Rudel näherte sich. Funke, Grenzenlos und Eichentänzerin. Sie hatten sich entschieden herzukommen, statt sich den nach Norden laufenden Wölfen anzuschließen.
Die drei erschienen hinter Springer. Perrin übermittelte ihnen seine Sorge. Das wird gefährlich. Wölfe könnten sterben.
Ihre Antwort war beharrlich. Der Schlächter muss für seine Taten sterben. Zusammen sind wir stark. Junger Bulle sollte ein so gefährliches Wild nicht allein jagen.
Er nickte zustimmend und ließ den Hammer in seiner rechten Hand entstehen. Gemeinsam näherten sie sich der Kuppel. Perrin ging mit langsamen, entschlossenen Schritten hinein. Er weigerte sich, Schwäche zu fühlen. Er war stark. Die Kuppel war nichts anderes als Luft. Er glaubte, dass die Welt so sein würde, wie er sie wünschte.
Er stolperte, aber er schob sich ins Kuppelinnere. Hier fühlte sich die Landschaft irgendwie etwas dunkler an. Die Rinde älterer Bäume war finsterer, die verwelkenden Hundskamillen grüner oder brauner. Springer und das Rudel durchdrangen die Kuppelwand.
Wir gehen zur Mitte, teilte Perrin mit. Wenn es ein Geheimnis zu entdecken gibt, dann vermutlich dort.
Langsam bewegten sie sich durch Baumgruppen und Unterholz. Perrin zwang dem Terrain seinen Willen auf, und die Blätter raschelten nicht länger, und die Pflanzen blieben stumm, wenn er durch sie hindurchstrich. Das war natürlich. So hätten die Dinge sein sollen. So war das.
Zur Mitte würde es ein langer Weg sein, also fing Perrin an, größere Sätze zu machen. Nicht einfach Sprünge oder Schritte; er blieb einfach an einer Stelle stehen und erschien an einem anderen Ort. Er verschleierte seinen Geruch, auch wenn der Schlächter kein Wolf war.
Das ist mein Vorteil geworden, dachte Perrin, als sie sich dem Zentrum immer mehr näherten. Er ist erfahrener als ich. Aber ich trage den Wolf in mir. Dieser Ort ist unser Traum. Er ist ein Eindringling. So geschickt er auch sein mag, er ist keiner von uns.