Und darum werde ich siegen.
Perrin roch etwas; eine zunehmende nicht hierher gehörende Verpestung der Luft. Er und die Wölfe schlichen einen großen Hügel hinauf und spähten durch eine Kluft auf das auf der anderen Seite befindliche Land. Direkt voraus erhob sich eine kleine Gruppe Holunderbäume, vielleicht fünfzig Schritte entfernt. Perrin schaute auf und kam zu dem Schluss, dass das so ziemlich die Kuppelmitte sein musste. Mit der Art der Wölfe hatten sie eine Strecke von mehreren Stunden Marsch in wenigen Minuten zurückgelegt.
Das ist es, sandte Perrin. Er schaute Springer an. Der Wolf hatte seinen Geruch verschleiert, aber mittlerweile kannte er die Wölfe gut genug, um die Sorge zu erkennen, die sich in seinem Blick und durch die Art zeigte, wie er die Vorderbeine ein winziges Stück beugte.
Etwas veränderte sich.
Perrin hörte nichts. Er roch nichts. Aber er fühlte etwas, ein kleines Beben im Boden.
Geht!, sagte er den Wölfen und verschwand. Zehn Schritte weiter tauchte er wieder auf und sah, wie ein Pfeil an der Stelle einschlug, wo er eben noch gestanden hatte. Der Schaft zersplitterte einen großen Stein und grub sich bis zur schwarzen Befiederung in Felsen und Erde.
Der Schlächter erhob sich aus seiner geduckten Stellung und schaute quer über die kurze Distanz offenes Gelände zwischen ihnen zu Perrin herüber. Seine Augen erschienen schwarz, sein kantiges Gesicht im Schatten liegend, der große Körper muskulös und gefährlich. Wie so oft lächelte er. Oder grinste vielmehr höhnisch. Er trug Lederhosen und ein dunkelgrünes Hemd, das die Unterarme frei ließ. In der Hand hielt er seinen gefährlichen Bogen aus dunklem Holz. Einen Köcher trug er nicht; er erschuf die Pfeile dann, wenn er sie brauchte.
Perrin erwiderte seinen Blick und trat wie zur Herausforderung vor. Das reichte als Ablenkung, damit die Wölfe von hinten angreifen konnten.
Der Schlächter brüllte auf und fuhr herum, als Grenzenlos in ihn hineinkrachte. Im nächsten Augenblick war Perrin da und ließ den Hammer nach unten sausen. Der Schlächter verschwand, und Perrin ließ nur Erde aufspritzen, aber er bekam einen Hauch von dem Ziel mit, zu dem der Schlächter unterwegs war.
Hier? Der Geruch gehörte dem Ort, an dem sich Perrin befand. Alarmiert schaute er in die Höhe und entdeckte den Schlächter genau über sich in der Luft schweben und den Bogen spannen.
Der Wind, dachte Perrin. Er ist so stark!
Der Pfeil raste los, aber eine plötzliche Windböe wehte ihn zur Seite. Er bohrte sich direkt neben Perrin in den Boden. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, hob er die Hände, und sein eigener Bogen erschien. Die Sehne bereits gespannt, den Pfeil an Ort und Stelle.
Der Schlächter riss die Augen weit auf, als Perrin schoss. Er verschwand und kam ein kurzes Stück weiter wieder am Boden zum Vorschein – und Springer stürzte sich aus der Höhe auf ihn und riss ihn von den Beinen. Der Schlächter stieß einen gutturalen Fluch aus und verschwand.
Hier! Springers Botschaft zeigte eine Hügelseite.
Mit dem Hammer in der Hand befand sich Perrin im nächsten Augenblick dort, begleitet von seinem Rudel. Der Schlächter hob Schwert und Messer, als Perrin und die vier Wölfe angriffen.
Perrin schlug zuerst zu, schwang aufbrüllend den Hammer. Der Schlächter versank tatsächlich im Boden, als bestünde er aus Flüssigkeit, und entging dem Hieb. Dabei stieß er mit dem Messer zu – und durchbohrte Eichentänzerins Brust und ließ scharlachrotes Blut aufspritzen. Die Klinge raste weiter und fuhr über Funkes Gesicht.
Eichentänzerin konnte nicht einmal mehr aufheulen; sie brach zusammen, und der Schlächter verschwand, während Perrin erneut mit dem Hammer zuschlug. Wimmernd gab Funke Schmerz und Panik von sich und verschwand. Er würde leben. Aber Eichentänzerin war tot.
Wieder hatte der Geruch des Schlächters von diesem Ort gekündet. Perrin schnellte herum und parierte mit dem Hammer das auf ihn zurasende Schwert, das ihn von hinten hatte durchbohren wollen. Wieder schaute der Schlächter überrascht aus. Der Mann bleckte die Zähne, wich zurück, behielt die letzten beiden Wölfe dabei misstrauisch im Auge. Wo Springer ihn gebissen hatte, blutete sein Unterarm.
»Wie erschafft man die Kuppel, Luc?«, fragte Perrin. »Zeig es mir und geh. Ich lasse dich auch gehen.«
»Kühne Worte, Welpe«, fauchte der Schlächter zurück. »Für jemanden, der gerade zugesehen hat, wie ich eines seiner Rudeltiere getötet habe.«
Grenzenlos heulte vor Zorn auf und sprang. Perrin griff im gleichen Moment an, aber der Boden unter ihnen erbebte.
Nein, dachte Perrin. Sein Stand wurde unverrückbar, während Grenzenlos von den Beinen geholt wurde.
Der Schlächter machte einen Ausfall, und Perrin hob den Hammer, um zu parieren – aber die Waffe des Schlächters verwandelte sich in Rauch und passierte ihn, um auf der anderen Seite wieder zu Stahl zu werden. Mit einem Aufschrei versuchte Perrin auszuweichen, aber die Klinge fuhr über seine Brust, schlitzte das Hemd auf und hinterließ einen Schnitt, der von einem Arm zum anderen reichte. Ein greller Schmerz durchzuckte ihn.
Er keuchte auf, taumelte zurück. Der Schlächter setzte nach, aber aus der Höhe stürzte sich etwas auf ihn. Springer. Wieder riss der Wolf den Schlächter knurrend und mit aufblitzenden Fängen zu Boden.
Fluchend trat der Schlächter den Wolf von sich. Springer flog mit einem Wimmern ungefähr zwanzig Fuß durch die Luft. Grenzenlos hatte das Beben des Bodens unter Kontrolle gebracht, aber seine Pfote war verletzt.
Perrin schüttelte den Schmerz ab. Der Schlächter war stark in der Kontrolle dieser Welt. Bei jedem Schwung erschien Perrins Hammer schwerfällig, als wäre die Luft plötzlich dicker geworden.
Der Schlächter hatte gelächelt, als er Eichentänzerin getötet hatte. Wütend setzte sich Perrin in Bewegung. Der Schlächter war wieder auf den Beinen und eilte die Hügelseite hinunter, hielt auf die Bäume zu. Perrin ignorierte seine Verletzung und verfolgte ihn. Sie war nicht gravierend genug, um ihn aufzuhalten, obwohl er sich einen Verband vorstellte und das Hemd flickte und enger an der Brust machte, um den Blutfluss zu stoppen.
Er betrat die Baumgruppe direkt hinter dem Schlächter. Die Äste schlossen sich über seinem Kopf, aus den dunklen Schatten peitschten Schlingpflanzen heran. Perrin machte sich nicht die Mühe, sie abzuwehren. Schlingpflanzen bewegten sich nicht auf diese Weise. Sie konnten ihm nichts anhaben. Und tatsächlich verdorrten sie, sobald sie in seine Nähe kamen.
Der Schlächter fluchte und bewegte sich so schnell, dass er nur noch schemenhaft zu sehen war. Perrin folgte ihm und vergrößerte seine Geschwindigkeit.
Es war keine bewusste Entscheidung, sich auf alle viere fallen zu lassen, aber einen Herzschlag später jagte er den Schlächter wie zuvor den weißen Hirschbock.
Der Schlächter war schnell, aber er war bloß ein Mann. Junger Bulle war ein Teil des Landes, der Bäume, der Büsche, der Steine, der Flüsse. Er bewegte sich durch den Wald wie eine Brise über eine Lichtung und hielt nicht nur mit dem Schlächter mit, sondern näherte sich ihm. Jeder Zweig auf dem Weg des Schlächters war ein Hindernis, aber für Junger Bulle waren sie bloß ein natürlicher Teil des Weges.
Junger Bulle sprang zur Seite, stieß sich mit den Pfoten an den Baumstämmen ab. Er flog über Steine und Felsen, sprang vom einen zum nächsten, zeichnete einen verschwommenen Umriss in die Luft.
Zum ersten Mal roch der Schlächter ängstlich. Er verschwand, aber Junger Bulle folgte ihm und erschien auf dem Feld, auf dem das Heer im Schatten des riesigen Steinschwertes lagerte. Der Schlächter schaute über die Schulter, fluchte und verschwand erneut.