Junger Bulle folgte ihm. Zu dem Ort, an dem die Weißmäntel lagerten.
Auf ein kleines Plateau.
Eine Höhle in einem Hügel.
Zur Mitte eines kleinen Sees. Junger Bulle rannte mühelos über die Wellen.
Er folgte dem Schlächter an jeden Ort, den er besuchte, und jeden Moment kam er näher. Es war keine Zeit für Schwerter, Hämmer oder Bogen. Das war eine Verfolgungsjagd, und dieses Mal war Junger Bulle der Jäger. Er …
Er sprang mitten auf ein Feld, und der Schlächter war nicht da. Aber er roch, wo der Mann hin war. Er folgte ihm und erschien auf einer anderen Stelle desselben Feldes. Überall roch es nach Orten. Was?
Perrin hielt an, und seine Stiefel bohrten sich in den Boden. Verwirrt drehte er sich um die eigene Achse. Der Schlächter musste auf diesem Feld blitzschnell von einer Stelle zur anderen gesprungen sein und seine Spur verwischt haben. Perrin versuchte sich zu entscheiden, welcher er folgen sollte, aber sie alle verblichen und vermischten sich miteinander.
»Soll er doch zu Asche verbrennen!«, rief er aus.
Junger Bulle! Das war Funke. Der Wolf war verletzt worden, aber er war nicht geflohen, wie Perrin angenommen hatte. Er übermittelte das Bild eines dünnen silbernen Gegenstandes von zwei Handspannen Länge, der wie ein Nagel mitten in einem Büschel Hundskamillen aus dem Boden ragte.
Perrin lächelte und versetzte sich an die Stelle. Der noch immer blutende verletzte Wolf lag neben dem Gegenstand. Es war offensichtlich eine Art Ter’angreal. Es schien aus Dutzenden drahtähnlichen Eisenfäden zu bestehen, die man wie einen Zopf miteinander verflochten hatte. Etwa zwei Handspannen lang war es mit der Spitze zuerst in den weichen Boden getrieben worden.
Perrin zog es heraus. Die Kuppel verschwand nicht. Er drehte den Nagel in der Hand herum, hatte aber nicht die geringste Idee, wie er die Kuppel zerstören sollte. Mit Willenskraft veranlasste er seinen Fund, sich in etwas anderes zu verwandeln, einen Stock, aber zu seiner Überraschung wehrte der Gegenstand ihn ab. Er schien seinen Verstand in der Tat wegzudrücken.
Er befindet sich real hier, übermittelte Funke. Die Botschaft schien etwas erklären zu wollen, dass dieser Gegenstand irgendwie realer als die meisten Dinge in der Traumwelt war.
Perrin hatte keine Zeit, sich lange darüber Gedanken zu machen. Sein dringlichstes Ziel bestand darin, falls möglich die Kuppel zu bewegen, fort von der Stelle, an der seine Leute lagerten. Er versetzte sich an den Ort, an dem er die Kuppel betreten hatte.
Wie erhofft bewegte sich der Mittelpunkt der Kuppel mit ihm. Er befand sich jetzt dort, wo er sie betreten hatte, aber die Wand hatte ihre Position verändert; die genaue Mitte der Kuppel entsprach nun Perrins neuem Standort. Noch immer dominierte sie den Himmel und erstreckte sich weit in jede Richtung.
Junger Bulle, übermittelte Funke. Ich bin frei. Das Übel ist verschwunden.
Geh, antwortete Perrin. Ich lasse diesen Gegenstand irgendwie verschwinden. Jeder von euch soll in eine andere Richtung gehen und heulen. Verwirrt den Schlächter.
Die Wölfe reagierten. Ein Teil von Perrin, der Jäger in ihm, war enttäuscht, dass er den Schlächter nicht hatte besiegen können. Aber das hier war wichtiger.
Er versuchte, sich an einen fernen Ort zu versetzen, aber das funktionierte nicht. Anscheinend unterlag er noch immer den Regeln der Kuppel, obwohl er das Ter’angreal in der Hand hielt.
Also versetzte er sich, so weit es ging. Neald hatte etwas von vier Wegstunden vom Lager bis zur Grenze gesagt, also begab sich Perrin so weit nach Norden und wiederholte das dann mehrmals. Die gewaltige Kuppel bewegte sich mit ihm; ihr Mittelpunkt schien sich immer genau über seinem Kopf zu befinden.
Er würde das Artefakt an einen sicheren Ort bringen, einen Ort, an dem es der Schlächter niemals finden würde.
36
Eine Einladung
Egwene erschien in einem strahlend weißen Gewand in Tel’aran’rhiod; die Nähte waren mit Goldfäden besetzt und die Stickereien mit winzigen eingenähten Stücken auf Hochglanz polierten, aber ungeschnittenen Obsidian versehen. Es war ein schrecklich unpraktisches Kleid, aber hier spielte das keine Rolle.
Sie befand sich in ihrem Gemach, genau wo sie hatte erscheinen wollen. Sie versetzte sich in den Korridor vor den Quartieren der Gelben Ajah. Dort wartete Nynaeve mit verschränkten Armen. Sie trug ein vernünftiges braunes Kleid.
»Ich will, dass du ganz besonders vorsichtig bist«, sagte Egwene. »Du bist hier die Einzige, die jemals einem der Verlorenen gegenüberstand, außerdem kennst du dich in Tel’aran’rhiod besser aus als die anderen. Wenn Mesaana eintrifft, musst du den Angriff führen.«
»Ich glaube, ich schaffe das«, erwiderte Nynaeve und verzog den Mund. Ja, sie konnte das schaffen. Nynaeve von einem Angriff abzuhalten, das wäre eine schwierige Aufgabe gewesen.
Egwene nickte, und Nynaeve verschwand. Sie verbarg sich in der Nähe des Saals der Burg und hielt nach Mesaana oder Schwarzen Schwestern Ausschau, die das angeblich dort stattfindende Treffen ausspionieren wollten. Egwene versetzte sich an einen anderen Ort der Stadt, wo das wahre Treffen zwischen ihr, den Weisen Frauen und den Windsucherinnen wartete.
Tar Valon hatte mehrere Säle für Musikveranstaltungen oder Versammlungen. Das als Musikantenweg bekannte Gebäude eignete sich perfekt für ihre Zwecke. Die Holztäfelung war mit Schnitzereien von Zwerglorbeer geschmückt, und es hatte den Anschein, als wären die Wände mit einem ganzen Wald gesäumt. Die aus dazu passendem Holz bestehenden Stühle waren von Ogiern gesungen worden, und jeder einzelne von ihnen stellte ein Kunstwerk dar. Sie standen in einem Kreis um ein Podium in der Mitte herum. Die Kuppeldecke war mit Marmor eingelegt, der wie Sterne am Himmel aussah. Die Verzierungen waren bemerkenswert; wunderschön, aber keineswegs überladen.
Die Weisen Frauen waren bereits eingetroffen – Amys, Bair und Melaine, deren dicker Bauch das Stadium ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft zeigte. Dieses Amphitheater verfügte über eine erhöhte Plattform an der Seite, auf der die Weisen Frauen bequem auf dem Boden sitzen konnten, ohne dass die Sitzenden auf den Stühlen auf sie herabsehen würden.
‘ Leane, Yukiri und Seaine saßen den Weisen Frauen gegenüber; jede von ihnen trug eine von Elayne angefertigte Kopie ihres Traum-Ter’angreals, und sie sahen schattenhaft und durchsichtig aus. Eigentlich hätte Elayne auch da sein sollen, aber sie hatte vorsichtshalber schon mitgeteilt, dass sie möglicherweise Probleme damit haben würde, ausreichend Macht für den Zugang nach Tel’aran’rhiod lenken zu können.
Aes Sedai und Weise Frauen musterten einander mit einer beinahe schon greifbaren Feindseligkeit. Die Aes Sedai betrachteten die Weisen Frauen als erbärmlich ausgebildete Wilde, während die Weisen Frauen die Aes Sedai für lächerlich arrogant hielten.
Als Egwene eintraf, schien eine Gruppe Frauen mit dunkler Haut und schwarzen Haaren in der Mitte des Raumes aus dem Nichts zu erscheinen. Die Windsucherinnen schauten sich misstrauisch um. Siuan hatte während ihrer Zeit bei ihnen als Lehrerin erfahren, dass das Meervolk Legenden über Tel’aran’rhiod und seine Gefahren kannte. Das hatte die Windsucherinnen aber keineswegs davon abgehalten, in dem Moment, in dem sie entdeckt hatten, dass es die Welt der Träume tatsächlich gab, alles darüber in Erfahrung zu bringen, was möglich war.
Angeführt wurden die Windsucherinnen von einer großen schlanken Frau mit schmalen Augen und langem Hals, die zahllose Medaillons an der schmalen Kette zwischen Nase und linkem Ohr trug. Das würde Shielyn sein, von der Nynaeve erzählt hatte. Bei den anderen drei Windsucherinnen befand sich eine ehrwürdige Frau mit weißen Strähnen in ihrem schwarzen Haar. Nach den ausgetauschten Briefen und Nynaeves Informationen zu urteilen, würde das Renaile sein. Egwene hatte den Eindruck gewonnen, dass sie eine der Anführerinnen sein würde, aber sie schien sich den anderen gegenüber unterwürfig zu verhalten. Hatte sie ihre Stellung als Windsucherin der Herrin der Schiffe verloren?