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Nachdem das letzte Licht der Abenddämmerung verblich, funkelten die Sterne wie scheue Kinder, die sich jetzt, nachdem der Lärm des Tages verklungen war, hervorwagten. Es fühlte sich so gut an, sie endlich wieder sehen zu können. Gawyn atmete tief ein.

Elayne hatte recht. Sein Hass auf al’Thor gründete sich größtenteils auf Frustration. Vielleicht auch auf Eifersucht. Al’Thor spielte eine Rolle, die dem so viel näher kam, was er gern erreicht hätte. Nationen zu beherrschen, Heere anzuführen. Betrachtete man ihrer beider Leben, wer hatte die Rolle eines Prinzen übernommen und wer die Rolle eines verirrten Schafhirten?

Vielleicht hatte er sich Egwenes Forderungen widersetzt, weil er führen wollte, weil er derjenige sein wollte, der die Heldentaten vollbrachte. Als Behüter würde er zur Seite treten und ihr dabei helfen müssen, die Welt zu verändern. Eine große Persönlichkeit am Leben zu erhalten war eine ehrenvolle Aufgabe. Sogar eine unübertreffliche Ehre. Was war der Sinn großer Taten? Die Anerkennung, die sie brachten, oder das bessere Leben, das sie erschufen?

Zur Seite zu treten. Er hatte Männer wie Sleete für ihre diesbezügliche Bereitschaft stets bewundert, sie aber auch nie verstanden. Jedenfalls nicht richtig. Ich kann sie das nicht allein machen lassen, dachte er. Ich muss ihr helfen. Aus ihrem Schatten heraus.

Weil er sie liebte. Aber vor allem weil es so das Beste war. Wollten zwei Barden zur selben Zeit zwei verschiedene Lieder spielen, kam dabei nur Lärm heraus. Aber wenn einer zurücktrat, damit die Melodie des anderen harmonisch klingen konnte, dann konnte die vollbrachte Schönheit viel größer sein als alles, was einer von ihnen allein erreichte.

Und in diesem Augenblick begriff er endlich. Er stand auf. Er konnte sich Egwene nicht als Prinz nähern. Er musste als Behüter vor sie treten. Er musste auf sie aufpassen, ihr dienen. Dafür sorgen, dass ihre Wünsche befolgt wurden.

Es war Zeit zurückzukehren.

Er schlüpfte in seinen Mantel und ging zum Palast. Die Eröffnungsserenade der diversen Teichfrösche verstummte und wurde durch Aufplatschen ersetzt, als er sie passierte und das Gebäude betrat. Zu den Gemächern seiner Schwester war es kein weiter Weg. Sie würde noch auf sein; in der letzten Zeit konnte sie nur mühsam einschlafen. Während der vergangenen paar Tage hatten sie vor dem Zubettgehen oft noch eine Unterhaltung und eine warme Tasse Tee genossen. Aber vor ihrer Tür wurde er von Birgitte aufgehalten.

Sie schenkte ihm wieder einen dieser finsteren Blicke. Ja, es gefiel ihr tatsächlich nicht, gezwungenermaßen an seiner Stelle als Generalhauptmann aufzutreten. Das sah er nun ein. Er fühlte sich etwas unbehaglich, als er näher kam. Die Frau hob eine Hand. »Heute Abend nicht, Prinzchen.«

»Ich reise zur Weißen Burg ab«, sagte er. »Ich würde mich gern verabschieden.«

Er setzte sich wieder in Bewegung, aber Birgitte legte die Hand gegen seine Brust und schob ihn sanft zurück. »Ihr könnt morgen früh abreisen.«

Um ein Haar hätte er nach seinem Schwert gegriffen, aber er konnte sich beherrschen. Beim Licht! Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er nicht auf jede Kleinigkeit so reagiert. Er war wirklich ein Narr geworden. »Fragt sie, ob sie mich sehen will«, sagte er höflich. »Bitte!«

»Ich habe meine Befehle«, erwiderte Birgitte. »Davon abgesehen könnte sie gar nicht mit Euch sprechen. Sie schläft.«

»Ich bin mir sicher, sie würde gern geweckt.«

»Es ist nicht diese Art Schlaf.« Birgitte seufzte. »Es hat mit Aes Sedai-Angelegenheiten zu tun. Geht zu Bett. Morgen früh wird Eure Schwester vermutlich eine Nachricht von Egwene für Euch haben.«

Gawyn runzelte die Stirn. Wie sollte …

Die Träume, begriff er. Das hatte die Aes Sedai gemeint, dass Egwene sie darin ausbildet, in ihren Träumen zu wandeln. »Also schläft Egwene auch?«

Birgitte musterte ihn. »Verdammte Asche, vermutlich habe ich schon zu viel gesagt. Geht in Eure Gemächer.«

Gawyn ging, aber er begab sich nicht in seine Gemächer. Er wird auf einen Augenblick der Schwäche warten, dachte er und erinnerte sich an die Worte der Sul’dam. Und wenn er zuschlägt, wird er eine solche Verwüstung hinterlassen, wie man sie bei einem einzelnen Mann für unmöglich halten würde…

Ein Augenblick der Schwäche.

Gawyn rannte los, jagte durch die Palastkorridore zu dem Reisezimmer, das Elayne eingerichtet hatte. Gesegneterweise hatte dort eine Kusine Dienst – ihr war ihre Müdigkeit anzusehen, aber sie wartete für den Fall, dass eine eilige Botschaft geschickt werden musste. Gawyn erkannte die dunkelhaarige Frau nicht, aber sie schien ihn zu kennen.

Gähnend öffnete sie ein Wegetor für ihn. Er rannte hindurch und weiter auf das Reisegelände der Weißen Burg. Das Tor erlosch sofort hinter ihm. Gawyn zuckte zusammen und fuhr mit einem Fluch herum. Um ein Haar hätte es sich geschlossen, noch während er mittendrin stand. Warum hatte die Kusine es so abrupt verschwinden lassen, auf diese gefährliche Weise? Den Bruchteil einer Sekunde früher, und es hätte ihm den Fuß abgeschnitten oder Schlimmeres.

Er hatte keine Zeit. Er drehte sich um und lief wieder los.

Egwene, Leane und die Weisen Frauen erschienen in einem Zimmer in den Katakomben des Turms, wo eine Gruppe aufgeregter Frauen wartete. Das war ein Wachtposten, den Egwene als Rückzugspunkt eingerichtet hatte. »Berichtet!«, verlangte Egwene.

»Shevan und Carlinya sind tot, Mutter«, sagte Saerin grimmig. Die kurz angebundene Braune keuchte. Egwene fluchte. »Was ist passiert?«

»Wir waren mitten bei Eurer List, führten eine Diskussion über einen falschen Plan, Arad Doman den Frieden zu bringen, genau wie Ihr befohlen habt. Und dann …«

»Feuer«, sagte Morvrin zitternd. »Es schoss durch die Wände. Frauen lenkten die Macht, einige davon mit gewaltigen Kräften. Ich sah Alviarin. Andere auch.«

»Nynaeve ist noch immer dort oben«, fügte Brendas hinzu.

»Stures Weib«, sagte Egwene und sah die drei Weisen Frauen an. Sie nickten. »Schickt Brendas heraus«, befahl Egwene und zeigte auf die Weiße. »Wenn Ihr aufwacht, weckt Ihr die anderen, damit sie außer Gefahr sind. Lasst nur Nynaeve, Siuan, Leane und mich hier.«

»Ja, Mutter«, sagte Brendas.

Amys tat etwas, das ihre Umrisse verblassen ließ.

»Der Rest von Euch begibt sich an einen sicheren Ort«, sagte Egwene. »Abseits der Stadt.«

»Ja, Mutter«, sagte Saerin. Aber sie verblieb an Ort und Stelle.

»Was ist?«, fragte Egwene.

»Ich …« Saerin runzelte die Stirn. »Ich kann nicht gehen. Etwas ist seltsam.«

» Unsinn «, fauchte Bair. » Es …«

»Bair«, sagte Amys. »Ich kann nicht weg. Hier stimmt etwas nicht.«

»Der Himmel ist violett«, verkündete Yukiri, die aus einem kleinen Fenster schaute. »Beim Licht! Das sieht aus wie eine Kuppel, die die Burg und die Stadt bedeckt. Wann ist das denn passiert?«

»Hier ist etwas völlig durcheinander«, sagte Bair. »Wir sollten aufwachen.«

Plötzlich verschwand Amys, was Egwene zusammenzucken ließ. Einen Augenblick später war sie wieder zurück. »Ich konnte an den Ort zurück, an dem wir eben noch waren, aber ich kann die Stadt nicht verlassen. Das gefällt mir nicht, Egwene al’Vere.«

Egwene versuchte sich nach Cairhien zu transportieren. Es funktionierte nicht. Besorgt, aber resolut schaute sie aus dem Fenster. Ja, der Himmel war violett.

»Wacht auf, wenn Ihr müsst«, sagte sie zu den Weisen Frauen. »Ich kämpfe. Eine der Schattenbeseelten ist hier.«

Die Weisen Frauen schwiegen. »Wir begleiten Euch«, sagte Melaine schließlich.

»Gut. Ihr anderen, verlasst diesen Ort. Geht zum Musikantenweg und bleibt dort, bis Ihr aufwacht. Melaine, Amys, Bair, Leane, wir gehen zu einem höheren Raum im Turm, ein Zimmer mit holzgetäfelten Wänden und einem Bett mit vier Pfosten, das mit Gaze verhüllt ist. Das ist mein Schlafzimmer. «