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Die Weisen Frauen nickten, und Egwene schickte sich dorthin. Auf dem Nachttisch stand eine Lampe; hier in Tel’aran’rhiod brannte sie nicht, obwohl sie sie in der realen Welt brennen ließ. Die Weisen Frauen und Leane erschienen um sie herum. Der Luftzug ihres Erscheinens ließ die Gaze um Egwenes Bett wehen.

Der Turm erbebte. Es wurde noch immer gekämpft.

»Seid vorsichtig«, sagte Egwene. »Wir jagen gefährliche Gegner, und sie kennen dieses Terrain besser als ihr.«

»Wir werden vorsichtig sein«, versicherte Bair. »Ich habe gehört, dass die Schattenbeseelten sich für die Herren dieses Ortes halten. Nun, das werden wir ja sehen.«

»Leane«, sagte Egwene, »kommt Ihr allein zurecht?« Egwene war versucht gewesen, sie wegzuschicken, aber sie und Siuan hatten eine gewisse Zeit in Tel’aran’rhiod verbracht. Sicherlich verfügte sie über mehr Erfahrung als die meisten anderen.

»Ich halte meinen Kopf unten, Mutter«, versprach sie. »Aber es werden mehr von ihnen da sein als von uns. Ihr braucht mich.«

»Einverstanden«, sagte Egwene.

Die vier Frauen verschwanden. Warum konnten sie die Burg nicht verlassen? Das war beunruhigend, aber doch nützlich. Es bedeutete, dass sie hier gefangen waren.

Aber Mesaana hoffentlich auch.

Fünf Tauben stiegen vom Dachrand in die Luft empor. Perrin fuhr herum. Der Schlächter stand hinter ihm und roch wie Stein.

Der Mann mit den harten Augen sah den flüchtenden Vögeln nach. »Deine?«

»Als Warnung«, erwiderte Perrin. »Ich ging davon aus, dass du Nussschalen am Boden durchschaust.«

»Schlau«, sagte der Schlächter.

Hinter ihm breitete sich eine prächtige Stadt aus. Perrin hätte nie geglaubt, dass eine Stadt so prächtig wie Caemlyn sein konnte. Aber falls es möglich war, dann Tar Valon. Die ganze Stadt war ein Kunstwerk, beinahe jedes Gebäude verfügte über Torbögen, Türme, Erker und Verzierungen. Selbst die Pflastersteine schienen nach künstlerischen Gesichtspunkten arrangiert zu sein.

Der Schlächter warf einen schnellen Blick auf Perrins Gürtel. In einer von Perrin erschaffenen Tasche steckte das Ter’angreal. Die Spitze ragte oben heraus, silbrige Teile, die zu einem kompliziert verknoteten Zopf verschlungen waren. Perrin hatte erneut versucht, das Ding durch Gedankenkraft zu zerstören, war aber nur wieder abgewehrt worden. Ein Angriff mit dem Hammer hatte nicht einmal einen Kratzer hinterlassen. Was auch immer dieses Ding darstellte, es war dazu konstruiert worden, solchen Angriffen zu widerstehen.

»Du bist geschickt geworden«, sagte der Schlächter. »Ich hätte dich vor Monaten töten sollen.«

»Ich glaube, das hast du versucht«, sagte Perrin und legte den Hammer auf die Schulter. »Wer bist du wirklich?«

»Ein Mann zweier Welten, Perrin Aybara. Der beiden gehört. Ich muss den Traumnagel zurückhaben.«

»Komm einen Schritt näher heran, und ich zerstöre ihn.«

Der Schlächter schnaubte und setzte sich in Bewegung. »Dazu fehlt dir die Kraft, Junge. Nicht einmal ich verfüge über genug Kraft, um das zu schaffen.« Unbewusst flackerte sein Blick über Perrins Schulter. Wohin?

Der Drachenberg. Er muss sich Sorgen gemacht haben, dass ich hergekommen bin, um das Ding dort hineinzuwerfen. War das ein Hinweis auf eine Möglichkeit, wie er das Ter’angreal zerstören konnte? Oder wollte der Schlächter ihn bloß verunsichern?

»Mach mich nicht wütend, Junge«, sagte der Schlächter, und Schwert und Messer erschienen in seinen Händen, während er weiterging. »Ich habe heute bereits vier Wölfe getötet. Gib mir den Nagel.«

Vier? Aber er hatte doch nur den einen getötet, den Perrin gesehen hatte. Er will mich provozieren.

»Ich soll dir glauben, dass du mich verschonst, wenn ich ihn dir gebe?«, fragte Perrin. »Würde ich ihn dir geben, würdest du ihn zurück nach Ghealdan bringen. Du weißt, dass ich dir nur wieder dorthin folgen würde.« Perrin schüttelte den Kopf. » Einer von uns muss sterben, so ist das nun einmal.«

Der Schlächter zögerte, dann lächelte er. »Luc hasst dich, weißt du? Er hasst dich sehr.« »Und du nicht?« Perrin runzelte die Stirn. »Nicht mehr, als der Wolf den Hirschbock hasst.« »Du bist kein Wolf«, erwiderte Perrin leise knurrend. Der Schlächter zuckte mit den Schultern. »Dann lass es uns hinter uns bringen.« Er stürzte vorwärts.

Gawyn stürmte in die Weiße Burg; die Wachtposten hatten nicht einmal genug Zeit zum Salutieren. Er raste an den verspiegelten Kandelabern vorbei. Nur einer von zweien war entzündet, um Öl zu sparen. Als er zu einer nach oben führenden Rampe kam, hörte er Schritte hinter sich.

Sein Schwert zischte aus seiner Scheide, während er herumfuhr. Mazone und Celark kamen ruckartig zum Stehen. Die ehemaligen Jünglinge trugen nun die Uniform der Burgwache. Würden sie versuchen, ihn aufzuhalten? Wer konnte schon ahnen, welche Befehle Egwene hinterlassen hatte.

Sie salutierten.

»Männer?«, fragte Gawyn. »Was macht Ihr hier?«

»Herr«, erwiderte Celark, dessen schmales Gesicht durch die notdürftige Beleuchtung im Schatten lag. »Wenn ein Offizier mit einem solchen Gesichtsausdruck vorbeirennt, dann fragt man nicht, ob er Hilfe braucht. Man folgt ihm einfach!«

Gawyn lächelte. »Dann kommt.« Er lief die Rampe hinauf, und die beiden Männer folgten ihm mit gezogenen Schwertern.

Egwenes Quartier war ein Stück weiter oben, und als Gawyn ihre Ebene erreichte, raste sein Puls und sein Atem ging stoßweise. Sie eilten durch drei Korridore, dann hob Gawyn die Hand. Er blickte die schattenerfüllten Nischen an. Waren welche groß genug, um ein Blutmesser zu verbergen?

Es gibt kein Licht ohne Schatten …

Vorsichtig spähte er um die Ecke in Richtung von Egwenes Tür; er stand genau an derselben Position, an der er zuvor gestanden hatte, als er ihre Pläne ruiniert hatte. Tat er jetzt wieder das Gleiche? Die beiden Burgwächter standen dicht hinter ihm und warteten auf seinen Befehl.

Ja. Er tat das Gleiche wie zuvor. Und doch hatte sich etwas verändert. Er würde sie beschützen, damit sie große Dinge erreichen konnte. Er würde in ihrem Schatten stehen und stolz sein. Er würde tun, worum sie bat – aber er würde für ihre Sicherheit sorgen, ganz egal, was auch geschah.

Denn das tat ein Behüter. Er schob sich nach vorn und bedeutete seinen Männern, ihm zu folgen. Die Dunkelheit in demselben schattenhaften Alkoven schien seine Aufmerksamkeit nicht wie zuvor abzustoßen. Ein gutes Zeichen. Vor der Tür blieb er stehen und griff vorsichtig nach der Klinke. Sie war unverschlossen. Tief Luft holend schlüpfte er hinein.

Kein Alarm ertönte; keine Falle schlug zu und riss ihn in die Luft. An den Wänden brannten ein paar Lampen. Ein leises Geräusch ließ ihn nach oben blicken. Dort hing eine Burgdienerin und ruderte mit weit aufgerissenen Augen mit den Armen, den Mund von einem unsichtbaren Strang Luft verschlossen.

Gawyn fluchte, eilte quer durch das Zimmer und riss die Tür zu Egwenes Schlafzimmer auf. Ihr Bett, das an der gegenüberliegenden Wand stand, war mit weißen Spitzenvorhängen verhüllt, auf dem Tischchen daneben brannte eine Lampe. Mit wenigen Schritten stand Gawyn neben ihr und stieß den Vorhang zur Seite. Schlief sie? Oder war sie …

Er streckte die Hand nach ihrem Hals aus, aber ein leises Geräusch hinter ihm ließ ihn das Schwert herumreißen und den Hieb parieren, der auf seinen Rücken zielte. Nicht ein, sondern zwei dunkle Schemen sprangen aus den Schatten. Er schenkte Egwene einen schnellen Blick; Blut war keines zu sehen, aber er vermochte nicht zu sagen, ob sie atmete oder nicht. Hatte er die Attentäter rechtzeitig gestört?

Es blieb keine Zeit zum Nachsehen. Er nahm die Schwertfigur Apfelblüten im Wind ein und fing an zu brüllen. Seine Männer traten an die Tür und blieben verblüfft stehen.

»Holt Hilfe!«, befahl Gawyn. »Geht!«