Egwene sah der Frau in die Augen. Groß und blau, in einem knochigen Gesicht mit kinnlangem schwarzen Haar. Da funkelte Macht in diesen Augen, und Egwene wusste sofort, was ihr dort gegenüberstand. Warum kämpfen? Sie konnte unmöglich …
Egwene fühlte, wie sich ihre Einstellung veränderte, wie sie zu akzeptieren begann. Panik durchzuckte sie, und in einem Augenblick der Klarheit schickte sie sich weg.
Sie erschien in ihrem Gemach, hielt sich den Kopf und setzte sich auf ihr Bett. Beim Licht, diese Frau war wirklich stark gewesen.
Hinter ihr ertönte ein Laut; jemand erschien im Zimmer. Egwene sprang auf die Füße und bereitete Gewebe vor. Dort stand Nynaeve, die Augen vor Wut weit aufgerissen. Sie stieß die Hände nach vorn, und Gewebe bildeten sich, aber dann erstarrte sie.
»In den Garten«, sagte Egwene, die ihren Gemächern nicht vertraute. Sie hätte nicht herkommen dürfen; Mesaana würde diesen Ort kennen.
Nynaeve nickte, und Egwene verschwand und erschien im unteren Burggarten. Über ihr erstreckte sich die seltsame violette Kuppel. Was war das, und wie hatte Mesaana es bloß hergebracht? Nynaeve erschien einen Augenblick später.
»Sie sind noch immer dort oben«, flüsterte sie. »Ich habe gerade Alviarin gesehen.«
»Ich bin Mesaana begegnet«, sagte Egwene. »Sie hat mich beinahe überwältigt.«
»Beim Licht! Bist du wohlauf?«
Egwene nickte. »Mestra ist tot. Ich habe auch Evanellein gesehen.«
»Dort oben ist es so finster wie in einer Gruft«, flüsterte Nynaeve. »Ich glaube, dafür haben sie gesorgt. Siuan und Leane geht es gut; sie sind zusammengeblieben, ich habe sie vor kurzem gesehen. Kurz davor konnte ich Notori mit einem Feuerstoß treffen. Sie ist tot.«
»Gut. Die Schwarze Ajah stahl neunzehn Ter’angreale. Das könnte uns einen Anhaltspunkt geben, mit wie vielen Schwarzen Ajah wir es zu tun haben.« Sie, Siuan, Nynaeve, Leane und die Weisen Frauen waren in der Unterzahl – aber die Schwarzen Ajah schienen mit Tel’aran’rhiod keine große Erfahrung zu haben.
»Hast du die Weisen Frauen gesehen?«
»Sie sind dort oben.« Nynaeve verzog das Gesicht. »Sie scheinen das zu genießen.«
»Das sieht ihnen ähnlich«, erwiderte Egwene. »Ich will, dass wir beide zusammenbleiben. Wir versetzen uns in die Korridorkreuzungen, Rücken an Rücken, und halten nach Lichtern oder Leuten Ausschau. Wenn du eine Schwarze siehst, schlag zu. Wenn jemand dich entdeckt, sagst du ›Geh‹, und wir springen wieder her.«
Nynaeve nickte.
»Die erste Kreuzung ist direkt vor meinen Gemächern«, sagte Egwene. »Der Korridor auf der Südseite. Ich flute ihn mit Licht; du hältst dich bereit. Von dort springen wir einen Korridor nach unten, neben die Tür zur Rampe der Diener. Dann weiter nach unten.«
Nynaeve nickte knapp.
Um Egwene verblasste die Welt. Sie erschien in einem Korridor und stellte ihn sich sofort hell erleuchtet vor, zwang ihm ihren Willen auf. Licht überflutete den Ort. An der Wand kauerte eine Frau mit rundem Gesicht, die Weiß trug. Sedore, eine der Schwarzen Schwestern.
Sedore fuhr mit wutverzerrter Miene herum, während sich Gewebe um sie herum bildeten. Egwene arbeitete schneller und erschuf eine Feuersäule, bevor Sedore die ihre auslösen konnte. Egwene verzichtete auf Gewebe. Da war nur das Feuer.
Die Schwarze riss die Augen auf, als die Flammen brüllend über ihr zusammenschlugen. Sedore kreischte auf, aber das verstummte sofort, als die Hitze sie verschlang. Ihre verbrannte Leiche brach qualmend auf dem Boden zusammen.
Egwene stieß einen erleichterten Seufzer aus. »Jemand auf deiner Seite?«
»Nein«, sagte Nynaeve. »Wen hast du getroffen?«
»Sedore.«
»Wirklich?«, sagte Nynaeve und drehte sich um. Sie war eine Sitzende der Gelben gewesen.
Egwene lächelte. »Der nächste Korridor.«
Sie sprangen und wiederholten ihre Strategie, fluteten den Gang mit Licht. Es war niemand da, also gingen sie weiter. Die nächsten beiden Korridore waren leer. Egwene wollte gehen, als eine Stimme zischte: »Dummes Kind! Euer Muster ist offensichtlich.«
Egwene fuhr herum. »Wo …«
Sie verstummte, als sie Bair entdeckte. Die alte Weise Frau hatte ihre Kleidung und sogar ihre Haut verändert, um sich den weißen Wänden und Bodenfliesen anzupassen. Praktisch unsichtbar kauerte sie in einem Alkoven.
»Ihr solltet nicht…«, setzte Bair an.
Die gegenüberliegende Wand explodierte und schleuderte Steinbrocken durch die Luft. Auf der anderen Seite standen sechs Frauen, und sie schlugen mit Geweben aus Feuer zu.
Anscheinend war die Zeit des Anpirschens vorbei.
Perrin erklomm die Mauer um das Gelände der Weißen Burg und landete schwer. Die Merkwürdigkeiten des Wolfstraums hörten nicht auf; jetzt roch er nicht nur seltsame Gerüche, sondern hörte auch seltsame Laute. Ein Grollen aus dem Inneren des Turms.
Er jagte hinter dem Schlächter her, der das Gelände überquerte und dann die Turmwand selbst hinauflief. Perrin folgte ihm und rannte die Luft hoch. Der Schlächter behielt seinen Vorsprung bei, die Tasche mit dem Ter’angreal an den Gürtel geschnallt.
Perrin erschuf einen Langbogen. Er spannte die Sehne, blieb ruckartig auf der Seite des Turms stehen. Er schoss, aber der Wolfstöter tat einen Satz und fiel dann durch ein Fenster in den Turm. Der Pfeil flog über seinen Kopf hinweg.
Mit einem Satz erreichte Perrin das Fenster und duckte sich hinein. Springer folgte ihm wie ein Schemen in der Luft. Sie betraten ein Schlafzimmer, das mit blauem Brokat verziert war. Die Tür knallte zu, und Perrin stürmte hinter dem Schlächter her. Er machte sich nicht die Mühe, die Tür zu öffnen; er zertrümmerte sie mit seinem Hammer.
Der Schlächter rannte den Korridor entlang.
Folge ihm, wies Perrin den Wolf an. Ich schneide ihm den Weg ab.
Springer hetzte hinter dem Schlächter her. Perrin rannte nach rechts, dann in den nächsten Korridor hinein. Die Wände rasten an ihm vorbei.
Er passierte einen Gang, der voller Menschen zu sein schien. Er war so überrascht, dass er stehen blieb und ein Ruck durch den Korridor zu gehen schien.
Es waren Aes Sedai, und sie kämpften. Alles war hell erleuchtet, Feuerbälle flogen von einem Ende zum anderen. Also hatte er zuvor gar keine Phantomgeräusche gehört. Und, dachte er, ja…
» Egwene?«, fragte er.
Sie drückte sich in der Nähe gegen die Wand und starrte konzentriert den Gang entlang. Als er sprach, kreiselte sie auf dem Absatz herum und riss die Hände hoch. Etwas Unsichtbares packte nach ihm. Aber sein Geist reagierte sofort und stieß die Luft von sich.
Egwene starrte ihn überrascht an, als sie ihn nicht packen konnte.
Er trat vor. »Egwene, du solltest nicht hier sein. Dieser Ort ist gefährlich.«
»Pern’n?«
»Ich weiß nicht, wie du hergefunden hast«, sagte er. »Aber du musst jetzt gehen. Bitte.«
»Wie hast du mich aufhalten können?«, verlangte sie zu wissen. »Was tust du überhaupt hier? Warst du mit Rand zusammen? Sag mir, wo er ist.«
Sie sprach mit solcher Autorität. Sie erschien ihm beinahe wie eine völlig andere Person, die Jahrzehnte älter als das Mädchen war, das er gekannt hatte. Er wollte antworten, aber sie schnitt ihm das Wort ab.
»Ich habe dafür jetzt keine Zeit«, sagte sie. »Es tut mir leid, Perrin. Ich komme zurück zu dir.« Sie hob die Hand, und er fühlte, wie sich die Realität um ihn herum veränderte. Seile erschienen aus dem Nichts und fesselten ihn.
Amüsiert schaute er an sich herab. Die Seile rutschten in dem Augenblick herunter, in dem er sie als zu lose betrachtete.
Egwene blinzelte und sah ungläubig zu, wie sie zu Boden fielen. »Wie…«
Jemand stürmte aus einem Zimmer in der Nähe, eine hochgewachsene Frau mit schlankem Hals und schwarzen Haaren, die ein eng anliegendes weißes Kleid trug. Sie hob lächelnd die Hände, und ein Licht erschien vor ihr.