Perrin musste nicht wissen, was sie da tat. Er war ein Wolf; er war der Herrscher dieses Ortes. Gewebe waren bedeutungslos. Er stellte sich vor, dass der Angriff der Frau ihn verfehlte; er wusste, dass es so passieren würde.
Ein greller Lichtstreifen löste sich von der Frau. Perrin hob eine Hand vor sich und Egwene. Das Licht verschwand, als hätte es seine Hand aufgehalten.
Egwene drehte sich um, und über der Frau zerplatzte die Mauer. Ein Trümmerstück krachte brutal gegen ihren Kopf und schickte sie zu Boden. Beim Licht, nach so einem Schlag war sie vermutlich tot.
Egwene roch nach Erstaunen. Sie fuhr zu ihm herum. »Baalsfeuer? Du hast Baalsfeuer aufgehalten? Nichts sollte das schaffen können.«
»Es ist doch nur ein Gewebe«, erwiderte Perrin und tastete in Gedanken nach Springer. Wo war der Schlächter?
»Es ist nicht nur ein Gewebe, Perrin, es ist…«
» Es tut mir leid, Egwene. Wir unterhalten uns später. Sei an diesem Ort vorsichtig. Vermutlich ist dir das bereits klar, aber trotzdem. Es ist gefährlicher, als du ahnst.«
Er drehte sich um und lief los, ließ die nach Worten suchende Egwene zurück. Anscheinend hatte sie es geschafft, eine Aes Sedai zu werden. Das war gut; sie verdiente es.
Springer? Wo bist du?
Die einzige Antwort war ein plötzlicher furchterregender Schmerzimpuls.
Gawyn kämpfte gegen drei lebende Schatten aus Dunkelheit und Stahl um sein Leben.
Sie bedrängten ihn bis an die Grenzen seiner Fähigkeiten, fügten ihm ein halbes Dutzend blutende Wunden an Armen und Beinen zu. Mit Der Wirbelsturm wütet verteidigte er seine empfindlicheren Körperteile. Und das auch nur so gerade eben.
Sein Blut befleckte die Vorhänge um Egwenes Bett. Falls seine Gegner sie bereits getötet hatten, dann führten sie jedenfalls ein überzeugendes Schauspiel auf, sie weiterhin zu bedrohen.
Er ermüdete und wurde schwächer. Seine Stiefel hinterließen blutige Abdrücke auf dem Boden. Er fühlte keinen Schmerz. Seine Paraden kamen schwerfällig. In wenigen Augenblicken würden sie ihn überwältigen.
Es kam keine Hilfe, obwohl er heiser vom Rufen war. Du Narr! Du musst mehr Zeit mit Nachdenken verbringen und weniger damit, dich kopfüber in die Gefahr zu stürzen! Er hätte die ganze Burg alarmieren sollen.
Er war allein noch aus dem Grund am Leben, weil die drei vorsichtig waren und ihn auslaugten. Sobald er tot war, würden sie zu einem Amoklauf durch die Weiße Burg aufbrechen, genau wie die Sul’dam angedeutet hatte. Die Aes Sedai würden völlig überrascht werden. Diese Nacht konnte zu einer größeren Katastrophe auswachsen als der erste Angriff der Seanchaner.
Die drei bewegten sich vorwärts.
O nein!, dachte Gawyn, als einer von ihnen zu Der Fluss unterspült das Ufer ansetzte. Mit einem Satz nach vorn wich er zwei Klingen aus und schwang seine Waffe. Erstaunlicherweise traf er, und ein Aufschrei ertönte. Blut spritzte über den Boden, eine Schattengestalt fiel.
Die anderen beiden stießen Flüche aus, und jeder Vorwand, ihn langsam zu ermüden, hörte auf. Waffen blitzten aus dunklem Nebel, als sie auf ihn einschlugen. Erschöpft trug Gawyn einen weiteren Treffer an der Schulter davon, und Blut strömte seinen Arm unter dem Ärmel herab.
Schatten. Wie sollte ein Mann nur gegen Schatten kämpfen? Es war unmöglich!
Wo Licht ist, da muss auch Schatten sein …
Ihm kam ein letzter verzweifelter Gedanke. Mit einem Aufschrei sprang er zur Seite und riss ein Kissen von Egwenes Bett. Klingen zerschnitten die Luft um ihn herum, während er das Kissen gegen die Lampe rammte und sie löschte.
Der Raum wurde in Dunkelheit getaucht. Kein Licht. Keine Schatten.
Gleichheit.
Die Dunkelheit machte alles gleich, und in der Nacht konnte man keine Farben erkennen. Er konnte das Blut auf seinen Armen nicht sehen, konnte die schwarzen Schatten seiner Feinde oder Egwenes weißes Bett nicht sehen. Aber er konnte die Bewegungen der Männer hören.
Die Klinge zu einem verzweifelten Schlag erhebend, benutzte er Kolibri küsst die Honigrose und erahnte, in welche Richtung sich die Blutmesser bewegten. Vorbei war die Ablenkung durch ihre nebelhaften Gestalten, und sein Hieb traf und schnitt ins Fleisch.
Er riss die Klinge herum und hebelte sie frei. Abgesehen von dem stürzenden Mann, den er erwischt hatte, herrschte Stille im Raum. Gawyn hielt den Atem an, sein Herzschlag pochte laut in seinen Ohren. Wo war der letzte Attentäter?
Aus dem angrenzenden Zimmer kam kein Lichtschein;
Celark war vor der Tür zusammengebrochen und blockierte den Türspalt.
Gawyn fühlte sich zittrig. Er hatte zu viel Blut verloren. Hätte er doch nur etwas, das er zur Ablenkung werfen könnte … aber nein. Eine Bewegung würde Stoff rascheln lassen und ihn verraten.
Also biss er die Zähne zusammen, trat mit dem Fuß auf und hob die Klinge, um seinen Hals zu schützen, betete zum Licht, dass der Angriff von unten kam.
Das tat er auch, schnitt tief in seine Seite. Er nahm es mit einem Grunzen hin, schlug aber sofort mit allem zu, was er noch hatte. Sein Schwert zischte durch die Luft, traf kurz ein Hindernis und durchschnitt dann etwas. Gefolgt von einem dumpfen Poltern; ein abgeschlagener Kopf prallte von der Wand, eine Leiche schlug auf dem Boden auf.
Gawyn sackte gegen das Bett, Blut spritzte aus seiner Seite. Um ihn herum wurde alles schwarz, er verlor das Bewusstsein, obwohl das in dem dunklen Raum schwer festzustellen war.
Er griff nach der Stelle, wo sich seiner Erinnerung nach Egwenes Hand befinden musste, war aber zu schwach, sie zu finden.
Einen Augenblick später prallte er auf dem Boden auf. Sein letzter Gedanke war, dass er immer noch nicht wusste, ob sie tot war oder nicht.
»Große Herrin«, sagte Katerine und kniete vor Mesaana nieder, »wir können den von Euch beschriebenen Gegenstand nicht finden. Die Hälfte unserer Frauen sucht danach, während die andere Hälfte gegen die Würmer kämpft, die sich uns widersetzen. Aber er ist nirgendwo!«
Mesaana verschränkte die Arme unter den Brüsten, während sie die Situation überdachte. Mit einer beinah unbewussten Geste peitschte sie Katerines Rücken mit einem Strang Luft. Scheitern musste immer bestraft werden. Konsistenz war der Schlüssel zu jeder Ausbildung.
Um sie herum grollte die Weiße Burg, obwohl sie hier sicher war. Sie hatte dieser Gegend ihren Willen aufgezwungen und einen neuen Raum unterhalb der Kellergewölbe erschaffen, in dem sie eine Nische aus dem Felsen grub. Die Kinder, die oben kämpften, glaubten diesen Ort offensichtlich zu kennen, dabei waren sie tatsächlich nur Kinder. Vor ihrer Gefangennahme hatte sie Tel’aran’rhiod ein Jahrhundert lang betreten.
Der Turm grollte erneut. Sorgfältig betrachtete sie ihre Situation von allen Seiten. Irgendwie hatten die Aes Sedai einen Traumnagel gefunden. Wie waren sie auf einen solchen Schatz gestoßen? Mesaana war beinahe genauso sehr daran interessiert, ihn in ihre Hände zu bekommen, wie sie dieses Kind beherrschen wollte, die Amyrlin Egwene al’Vere. Die Fähigkeit, sämtliche Wegetore in seinen Zufluchtsort zu blockieren … nun, das war ein Werkzeug von entscheidender Bedeutung, vor allem wenn sie endlich gegen die anderen Auserwählten losschlug. Viel effektiver als die Schutzgewebe, die Träume vor jedem Eindringling schützten, und er verhinderte sämtliche Formen des Schnellen Reisens in oder aus der Gegend, es sei denn, man ließ es zu.
Da der Traumnagel aber eingesetzt wurde, konnte auch sie den Kampf mit den Kindern über ihr nicht an einen passenderen, vorher sorgfältig ausgesuchten Ort verlegen. Wirklich ärgerlich. Aber nein, sie würde nicht zulassen, die Situation gefühlsmäßig zu betrachten.