Sie war eine Aes Sedai, und sie war eine Traumgängerin. Sie musste beides einsetzen. Mit angespannten Sinnen kehrte sie zurück in das Zimmer, in dem sie Mesaana begegnet war. Es war leer, obwohl die Wand noch immer in Trümmern lag. Irgendwo rechts donnerten Einschläge, und Egwene schaute um die Ecke. Feuerbälle schossen dort hin und her, Gewebe flogen durch die Luft.
Sie dachte sich hinter eine der kämpfenden Gruppen und erschuf zu ihrem Schutz einen dicken Glaszylinder, der sie einhüllte. Hier hatte der Turm schwere Zerstörungen davongetragen, die Wände qualmten. Egwene entdeckte eine einzelne Gestalt in einem blauen Kleid, die sich neben ein paar Trümmern duckte.
Nicola?, dachte Egwene zornig. Wie kommt die denn hierher? Ich dachte, ich könnte ihr endlich vertrauen! Das dumme Mädchen musste sich von einer der anderen, die erwacht waren, ein Traum-Ter’angreal besorgt haben.
Egwene wollte zu ihr springen und sie wegschicken, aber plötzlich riss unter Nicolas Füßen der Boden auf, und Flammen schossen in die Höhe. Aufschreiend wurde Nicola, eingehüllt in eine Gischt aus zerschmolzenem Stein, in die Luft geschleudert.
Egwene schrie auf, versetzte sich an die Stelle und erdachte eine stabile Steinmauer unter Nicola. Das Mädchen landete dort blutverschmiert; ihre Augen starrten ins Leere. Fluchend ging Egwene neben ihr auf die Knie. Das Mädchen atmete nicht.
»Nein!«, sagte sie.
»Egwene al’Vere! Aufpassen!« Das war Melaine.
Alarmiert drehte sich Egwene um, als neben ihr eine Mauer aus dickem Granitgestein in die Höhe wuchs und mehrere Feuerbälle aufhielt, die von hinten heranschossen. Melaine erschien neben Egwene, ganz in Schwarz gekleidet; selbst ihrer Haut war schwarz. Sie hatte sich in den Schatten des Korridors verborgen.
»Dieser Ort wird zu gefährlich für Euch«, sagte Melaine. »Überlasst ihn uns.«
Egwene schaute zu Boden. Nicolas Leiche verblasste. Dummes Kind! Sie warf einen Blick an der Mauer vorbei und sah zwei Schwarze Schwestern – Alviarin und Ramola – Rücken an Rücken stehen und zerstörerische Gewebe in verschiedene Richtungen schleudern. Hinter ihnen befand sich ein Zimmer. Egwene konnte tun, was sie bereits mehrmals getan hatte, in das Zimmer springen, die Mauer zerstören und die beiden darunter begraben…
Dummes Kind, hatte Bair gesagt, Euer Muster ist offensichtlich.
Genau das wollte Mesaana von ihr. Die beiden Schwarzen Schwestern waren ein Lockvogel.
Egwene sprang in das Zimmer, stemmte aber den Rücken gegen die Wand. Sie leerte ihre Gedanken und wartete angespannt.
Mesaana erschien wie schon zuvor. Das wallende schwarze Kleid war eindrucksvoll, aber auch ziemlich albern. Es bedurfte Konzentration, es aufrechtzuerhalten. Egwene starrte in die überrascht blickenden Augen der Frau und sah die Gewebe, die sie vorbereitet hatte.
Die werden mich nicht treffen, dachte Egwene zuversichtlich. Die Weiße Burg gehörte ihr. Mesaana und ihre Komplizinnen waren hier eingefallen und hatten Nicola, Shevan und Carlinya ermordet.
Gewebe flogen durch die Luft, flossen aber um Egwene herum. Einen Augenblick später trug Egwene die Kleidung einer Weisen Frau. Weiße Bluse, brauner Rock, ein Tuch über den Schultern. Sie stellte sich einen Speer in der Hand vor, einen Aielspeer, und schleuderte ihn mit einer präzisen Bewegung.
Der Speer durchbohrte die Gewebe aus Feuer und Luft, schleuderte sie zur Seite und traf dann etwas Massives. Ein Wall aus Luft vor Mesaana. Egwene weigerte sich, das zuzulassen. Dieser Wall gehörte nicht hierher. Er existierte nicht.
Eben sich kaum noch bewegend, flog der Speer weiter und traf Mesaana in den Hals. Die Frau riss die Augen auf und sackte nach hinten, Blut spritzte aus der Wunde. Die schwarzen Stoffstreifen, die um ihre Gestalt wogten, verschwanden genau wie das Kleid. Also hatte es sich um ein Gewebe gehandelt. Mesaanas dunkles Gesicht verwandelte sich in das von …
Katerine? Egwene runzelte die Stirn. Mesaana war die ganze Zeit Katerine gewesen? Aber sie hatte zu den Schwarzen gehört und war aus der Burg geflohen. Sie war nicht zurückgeblieben, und das bedeutete …
Nein, dachte Egwene. Man hat mich reingelegt. Sie ist ein…
In diesem Augenblick schnappte etwas um ihren Hals zu. Etwas Kaltes und Metallisches, etwas Vertrautes und Schreckliches. Noch im selben Moment entglitt ihr die Quelle, denn sie hatte nicht länger die Erlaubnis, sie zu halten.
Entsetzt fuhr sie herum. Eine Frau mit kinnlangem schwarzen Haar und dunkelblauen Augen stand neben ihr. Sie erschien nicht besonders beeindruckend, aber sie war ausgesprochen stark in der Macht. Und an ihrem Handgelenk hing ein Armband, das mit einer Leine mit dem Reif um Egwenes Hals verbunden war.
Ein Adam.
»Ausgezeichnet«, sagte Mesaana. »Ihr seid so garstige Kinder.« Sie schnalzte tadelnd mit der Zunge. Im nächsten Augenblick versetzte sie sich an einen anderen Ort und nahm Egwene einfach mit. Einen fensterlosen Raum, der aussah, als hätte man ihn aus dem Felsen geschnitten. Es gab nicht einmal eine Tür.
Alviarin wartete dort. Sie trug ein rotweißes Kleid. Die Frau fiel sofort vor Mesaana auf die Knie, obwohl sie Egwene einen äußerst zufriedenen Blick schenkte.
Egwene fiel das kaum auf. Stocksteif stand sie da, während ein Strom panikerfüllter Gedanken ihren Verstand überflutete. Sie war wieder gefangen! Sie konnte es nicht ertragen. Sie würde eher sterben, bevor sie zuließ, dass das erneut passierte. Bilder blitzten vor ihrem inneren Auge auf. Gefangen in einem Zimmer, wo sie sich ohne die Erlaubnis der Sul’dam kaum mehr als ein paar Fuß bewegen konnte. Behandelt wie ein Tier, heimgesucht von der schleichenden Überzeugung, dass ihr Wille am Ende brechen würde, dass sie genau das werden würde, was sie ihrem Willen nach sein sollte.
Oh, Licht. Das konnte sie nicht noch einmal erleiden. Nicht das.
»Sagt den anderen oben, sie sollen sich zurückziehen«, wandte sich Mesaana mit ruhiger Stimme an Alviarin. Egwene bekam die Worte kaum mit. »Sie sind Närrinnen, und ihre Leistung war erbärmlich! Es wird Strafen geben.«
Auf diese Weise war Moghedien von Nynaeve und Elayne überwältigt worden. Man hatte die Verlorene gefangen gehalten und gezwungen, das zu tun, was sie wollten. Egwene würde das Gleiche erleiden müssen! Vermutlich würde Mesaana sie mit einem Zwang belegen. Die Weiße Burg würde den Verlorenen völlig ausgeliefert sein.
Gefühle kochten hoch. Egwene krallte nach dem Kragen, was Mesaana zu einem amüsierten Blick animierte, während Alviarin verschwand, um ihre Befehle weiterzugeben.
Das konnte unmöglich passieren. Es war ein Albtraum. Ein…
Du bist eine Aes Sedai. Eine leise Stimme in ihrem Inneren flüsterte die Worte, aber trotz ihrer Verstohlenheit waren sie energisch. Und sie kamen tief aus ihr. Die Stimme war stärker als der Schrecken und die Furcht.
»Und jetzt reden wir über den Traumnagel«, sagte Mesaana. »Wo finde ich ihn?«
Eine Aes Sedai ist Ruhe, eine Aes Sedai ist Kontrolle, ganz egal, wie auch die Situation aussehen mag. Egwene nahm die Hände vom Kragen. Sie hatte sich nicht der Prüfung unterzogen, und das hatte sie auch nicht vor. Aber wenn sie es getan hätte, was, wenn sie gezwungen gewesen wäre, sich einer derartigen Situation zu stellen? Wäre sie zerbrochen? Hätte sie sich dem Mantel unwürdig erwiesen, den sie zu tragen behauptete?
»Wie ich sehe, bist du verstockt und willst nicht reden«, sagte Mesaana. »Nun, das kann man ändern. Diese Adam. Wunderbare Geräte. Es war so großartig von Semirhage, mich auf sie hinzuweisen, auch wenn das nur zufällig geschah. Eine Schande, dass sie starb, bevor ich ihr einen um den Hals legen konnte.«