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Ein scharfer Schmerz schoss durch Egwenes Körper, als würde eine Feuersbrunst unter ihrer Haut wogen. Tränen traten in ihre Augen.

Aber sie hatte schon zuvor Schmerzen ertragen und gelacht, wenn man sie schlug. Sie war schon zuvor eine Gefangene gewesen, sogar in der Weißen Burg selbst, und die Gefangenschaft hatte sie nicht aufhalten können.

Aber das hier ist anders! Der größere Teil von ihr war voller Angst. Das ist das Adam! Ich kann ihm nicht widerstehen!

Das muss eine Aes Sedai aber, erwiderte die leise Stimme in ihr. Eine Aes Sedai kann alle Dinge ertragen, denn nur dann kann sie wahrlich die Dienerin aller sein.

»Also«, sagte Mesaana. »Sag mir, wo du das Gerät versteckt hast.«

Egwene brachte ihre Furcht unter Kontrolle. Es war nicht einfach. Beim Licht, es fiel so schrecklich schwer! Aber sie tat es. Ihre Miene wurde ganz ruhig. Sie trotzte dem A’dam, indem sie ihm keine Macht über sie gewährte.

Stirnrunzelnd zögerte Mesaana. Sie riss an der Leine, und noch mehr Schmerzen überfluteten Egwene.

Sie ließ sie verschwinden. »Mir ist der Gedanke gekommen, Mesaana«, sagte sie ruhig, »dass Moghedien einen Fehler machte. Sie akzeptierte das Adam.«

»Was soll das…«

»An diesem Ort ist ein A’dam so bedeutungslos wie die Gewebe, die es verhindert«, fuhr Egwene fort. »Es ist nur ein Stück Metall. Und es hält einen nur dann auf, wenn man akzeptiert, dass es das tut.« Das A’dam sprang auf und fiel von ihrem Hals.

Mesaana sah zu, wie es klirrend auf dem Boden landete. Ihr Gesicht erstarrte und wurde eiskalt, als sie wieder zu Egwene hochschaute. Beeindruckenderweise geriet sie nicht in Panik. Mit unbeteiligtem Blick verschränkte sie die Arme. »Also hast du hier geübt.«

Egwene erwiderte ihren Blick.

»Du bist trotzdem ein Kind«, sagte Mesaana. »Du glaubst, du kannst mich besiegen? Ich bin länger in Tel’aran’rhiod gewandelt, als du dir vorstellen kannst. Du bist was … zwanzig Jahre alt?«

»Ich bin die Amyrlin«, erwiderte Egwene.

»Eine Amyrlin für Kinder.«

»Die Amyrlin einer Weißen Burg, die seit Tausenden von Jahren Bestand hat. Tausende Jahre Schwierigkeiten und Chaos. Trotzdem hast du den größten Teil deines Lebens in einer Zeit des Friedens und nicht des Krieges gelebt. Schon seltsam, dass du dich für so stark hältst, wo doch so viel von deinem Leben so leicht war.«

»Leicht?«, fragte Mesaana. »Du weißt gar nichts.«

Keine von ihnen senkte den Blick. Egwene fühlte, wie sie etwas bedrängte, genau wie zuvor. Mesaanas Willenskraft, die ihre Unterwerfung forderte. Der Versuch, mithilfe von Tel’aran’rhiod die Art und Weise zu verändern, auf die Egwene dachte.

Mesaana war stark. Aber an diesem Ort war Stärke eine Sache der Perspektive. Mesaanas Wille setzte ihr zu. Aber Egwene hatte das A’dam besiegt. Sie konnte auch dem hier widerstehen.

»Du wirst dich fügen«, sagte Mesaana leise.

»Du irrst dich«, erwiderte Egwene angespannt. »Hier geht es nicht um mich. Egwene al’Vere ist ein Kind. Aber die Amyrlin ist es nicht. Ich mag jung sein, aber der Sitz ist uralt.«

Keine der Frauen brach den Blickkontakt. Egwene übte nun ebenfalls Druck aus, verlangte, dass sich Mesaana vor ihr verneigte, vor der Amyrlin. Die Luft um sie herum fühlte sich unvermittelt schwer an, und als sie sie einatmete, erschien sie irgendwie dickflüssig.

»Alter ist irrelevant«, sagte sie. »Bis zu einem gewissen Punkt ist sogar Erfahrung irrelevant. Bei diesem Ort geht es darum, was eine Person darstellt. Die Amyrlin ist die Weiße Burg, und die Weiße Burg wird sich nicht beugen. Sie trotzt dir, Mesaana, dir und deinen Lügen.«

Zwei Frauen. Die sich mit Blicken maßen. Egwene hörte auf zu atmen. Sie musste nicht atmen. Alles war auf Mesaana konzentriert. Schweißperlen rannen ihre Schläfen hinunter, jeder Muskel in ihrem Körper war angespannt, während sie Mesaanas Willen zurückdrängte.

Und sie wusste unwiderruflich, dass diese Frau, diese Kreatur, ein unbedeutendes Insekt war, das sich gegen einen gewaltigen Berg stemmte. Dieser Berg würde sich nicht bewegen. Und stemmte man sich zu hart dagegen, dann …

Etwas in dem Raum zerbrach leise.

Egwene atmete keuchend ein, als die Luft wieder normal wurde. Mesaana sackte wie eine Stoffpuppe zusammen. Mit geöffneten Augen schlug sie auf dem Boden auf; Speichel sickerte aus ihrem Mundwinkel.

Benommen setzte sich Egwene hin und atmete keuchend ein und aus. Sie schaute zur Seite, wo das weggeworfene A’dam lag. Es verschwand. Dann schaute sie wieder zu Mesaana, die dort wie ein Bündel lag. Ihre Brust hob und senkte sich noch, aber ihr Blick starrte ins Leere.

Egwene blieb einen langen Augenblick dort liegen, bevor sie aufstand und die Quelle umarmte. Sie webte Stränge aus Luft um die reglose Verlorene, dann versetzte sie sich zusammen mit der Frau zu den oberen Etagen des Turms.

Überrascht drehten sich Frauen zu ihr um. Der Korridor war mit Trümmern übersät, aber jede der Frauen gehörte zu ihr. Die Weisen Frauen, die zu ihr herumfuhren. Nynaeve, die Geröll durchsuchte. Siuan und Leane, die mehrere geschwärzte Schnitte im Gesicht hatte, aber stark aussah.

»Mutter«, sagte Siuan erleichtert. »Wir hatten schon befürchtet …«

»Wer ist das?«, fragte Melaine und ging zu Mesaana, die schlaff in dem Gewebe aus Luft hing und den Boden anstarrte. Plötzlich krähte die Frau wie ein Kind und beobachtete gebannt die Flämmchen an den Überresten eines Wandteppichs.

»Sie ist es«, sagte Egwene müde. »Mesaana.«

Überrascht sah Melaine Egwene an.

»Beim Licht!«, rief Leane aus. »Was habt Ihr getan?«

»Das habe ich schon einmal gesehen«, meinte Bair und musterte die Frau. »Sammana, eine Traumgängerin der Weisen Frauen in meiner Jugend. Im Traum begegnete sie etwas, das ihren Verstand zerstörte.« Sie zögerte. »Sie verbrachte den Rest ihrer Tage in der wachen Welt mit Sabbern und musste gesäubert werden. Sie hat nie wieder ein Wort gesprochen, jedenfalls nicht mehr als die Worte eines Kleinkinds, das gerade gehen kann.«

»Vielleicht ist es Zeit, Euch nicht mehr als Lehrling zu betrachten, Egwene al’Vere«, sagte Amys.

Nynaeve hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sah beeindruckt aus, klammerte sich aber noch immer an die Quelle. Im Traum hatte ihr Zopf wieder seine alte Länge. »Die anderen sind weg«, sagte sie.

»Mesaana hat ihnen befohlen zu fliehen«, sagte Egwene.

»Sie können nicht weit gekommen sein«, sagte Siuan. »Die Kuppel ist noch immer da.«

»Ja«, sagte Bair. »Aber es ist Zeit, dass dieser Kampf endet. Der Feind ist besiegt. Wir sprechen uns, Egwene al’Vere.«

Egwene nickte. »Ich stimme beidem zu. Bair, Amys, Melaine, ich danke Euch für Eure dringend benötigte Hilfe. Ihr habt damit vielerrungen, und ich stehe in Eurer Schuld.«

Melaine musterte die Verlorene, als sich Egwene aus dem Traum schickte. »Ich glaube, wir und die Welt selbst stehen in Eurer Schuld, Egwene al’Vere.«

Die anderen nickten, und als Egwene aus Tel’aran’rhiod verblasste, hörte sie Bair murmeln: »Was für eine Schande, dass sie nicht zu uns zurückgekehrt ist.«

Perrin drängte sich in einer brennenden Stadt durch Horden verängstigter Menschen. Tar Valon! In Flammen! Die Steine brannten, der Himmel war dunkel gerötet. Der Boden erbebte wie ein verletzter Hirschbock, der um sich trat, während ein Leopard ihn am Hals ausbluten ließ. Vor Perrin klaffte plötzlich der Boden auf, und er stolperte, als Flammen in die Höhe schossen und die Haare auf seinen Unterarmen ansengten. Menschen schrien, als ein paar von ihnen in diesen schrecklichen Abgrund stürzten und zu Asche verbrannten. Plötzlich war der Boden mit Leichen übersät. Zu seiner Rechten fing ein schönes Gebäude mit Bogenfenstern an zu schmelzen, der Stein verflüssigte sich, und Lava blutete aus den Fugen und Öffnungen.